Schwabthal/Bamberg
Archäologie

Nachrichten aus der Vorzeit entschlüsseln

Wissenschaftler der Universität Bamberg werten derzeit Funde aus, die sie in den vergangenen Jahren an mehreren naturheiligen Plätzen auf dem Jura ausgruben. Ein solcher Ort ist der Hohle Stein bei Schwabthal. Dabei versuchen sie vor allem, etwas über die rituelle Nutzung dieser magischen Orte herauszufinden.
Timo Seregély von der Universität Bamberg leitete die Ausgrabungen am Hohlen Stein und anderen naturheiligen Plätzen auf dem Jura. Foto: Matthias Einwag
In einem Land vor unserer Zeit: Eine Gruppe junger Menschen ersteigt im Mittsommer vor Sonnenaufgang einen zehn Meter hohen, klobigen Felsen. Oben bilden sie einen Kreis und halten inne. In den Händen halten sie Tongefäße. Ein ritueller Sprechgesang ist zu hören. Dann tritt einer nach dem anderen feierlich an die Felskante heran und stellt sein Tongefäß dort ab. Gemeinsam verbeugen sie sich gegen die aufgehende Sonne. Schließlich verlassen sie den Felsen wieder.

Ob das so gewesen ist, wissen wir nicht. Welche rituellen Handlungen unsere Urahnen vornahmen, wird wahrscheinlich nie genau zu klären sein. Die Archäologen des Lehrstuhls für ur- und frühgeschichtliche Archäologie versuchen dennoch, Licht ins Dunkel zu bringen.

Unter der Leitung von Timo Seregély erforschten sie in den vergangenen Jahren den Hohlen Stein bei Schwabthal, aber auch die Rothensteine bei Stübig und die Jungfernhöhle bei Tiefenellern. Zahllose Scherben, Pfeilspitzen und Spinnwirteln, aber auch Menschenknochen gruben sie vorsichtig aus dem Boden. Nun kommt es darauf an, diese Funde zu bewerten.

In der ehemaligen Schalterhalle der Bamberger Wilhelmspost sind die Fundstücke ausgebreitet. Auf den Tischen liegen Tausende Scherben. Keramikbruchstücke aus mehreren Jahrtausenden - größere und kleinere Scherben, hellgraue und dunkelbraune, verzierte und unscheinbare. Herr des Scherbenhaufens ist Timo Seregély. Der 39-jährige promovierte Archäologe möchte die Riten an den drei genannten naturheiligen Plätze auf dem Jura erforschen und die Orte in Zusammenhang bringen.

Das gleicht einer Sisyphosarbeit. Manchmal wünscht sich der Wissenschaftler sogar eine Zeitmaschine, um Genaueres zu erfahren. Das ist freilich utopisch. Aber mit mehr Geld für die Forschung wäre er ebenso zufrieden. "Um gute Wissenschaft zu machen, braucht man mehr Analysen", sagt er. Laboruntersuchungen nach der C 14-Methode seien sehr teuer, Sponsoren hingegen leider sehr rar. Mit dem C 14-Verfahren zur radiometrischen Datierung von kohlenstoffhaltigen, insbesondere organischen Materialien ließen sich manche Schlüsse ziehen. Besonders beim Hohlen Stein wäre das wünschenswert: "Mit dem Hohlen Stein ist ein Platz nachgewiesen, der zeitübergreifend genutzt wurde und wie es ihn so in Deutschland kaum noch einmal gibt."

In den Steinpackungen fanden die Archäologen einen Mischmasch aus bis zu 7000 Jahre alten Scherben und auch verbrannte menschliche Knochen. Die Knochen stammen aus dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, das immerhin ist durch die C 14-Methode abgesichert. Nun gilt es, die Funde mit Daten zu unterfüttern. Warum befanden sich sehr viele Knochen von Föten und Kleinkindern darunter? Sind diese Kinder an Krankheiten gestorben? Es gibt Hinweise auf Knochenhautentzündungen. Überwiegend fanden die Wissenschaftler Finger- und Fußknochen. Warum? Etliche Möglichkeiten der Interpretation ergeben sich. Doch gesichert ist wenig.

Gäbe es eine Zeitmaschine, dann könnten wir zurück reisen und die Menschen befragen. So jedoch sind wir auf all die Scherben angewiesen. Sie zum Reden zu bringen, das ist nun Aufgabe der Wissenschaftler.
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