"Hm", sagt Heinrich Weinmann, "hm", als er darüber nachdenkt, weshalb er mit 63 Jahren nicht mehr aktiv an Feuerwehreinsätzen teilnehmen darf. Von Gesetzes wegen sei das jetzt so. Es ist ein etwas ratloses "Hm", schließlich ist der Mann fit. "Ich finde das komisch", sagt er, "arbeiten soll man bis 67, und beim Feuerwehrdienst ist mit 63 Schluss". Als er er gefragt wird, ob er denn noch einmal Feuerwehrmann werden wollte, wenn er noch einmal jung wäre, beginnt er zu strahlen. "Jederzeit", sagt er.
Als sich das Tor des Feuerwehrhauses in Altenkunstadt öffnet, kommen vier rote Fahrzeuge zum Vorschein. Das zweite von rechts ist so etwas wie Heinrich Weinmanns treuer Gefährte. Ein Einsatzfahrzeug, das bald durch ein anderes ersetzt werden soll. Feuerwehrautos werden ungefähr in einem Vierteljahrhundertturnus ausgetauscht. In einem solchen Zeitraum wachsen Mensch und Maschine durchaus zusammen.
"Eigentlich wollte ich schon immer zur Feuerwehr.
Wir waren vier oder fünf in der Klasse. Da sind wir geschlossen hin", erzählt der ehemalige Lagerist. Das war um 1965. Seitdem hat die Freiwillige Feuerwehr Altenkunstadt sein Leben mitbestimmt. Und das Leben seiner Ehefrau auch. "Wenn die Frau nicht mitzieht, geht das alles gar nicht", lobt er und wiederholt es später noch einmal.
Mitgezogen haben die technischen Neuerungen auch den Altenkunstadter. Rettungsschere und Spreizer kann er bedienen, in Technik und Taktik ist er geschult, in Lehrgängen hat er die Fertigkeiten zum Atemschutzgeräteträger erworben, erste Hilfe erlernt, sich mit Strahlenschutz befasst, Leistungsprüfungen abgelegt, das Arbeiten mit der Motorsäge erlernt, Menschenführung überdies und technische Hilfeleistung. Selbst einen Zweier-Führerschein hat er gemacht, um das große Auto fahren zu dürfen. "Ich habe sehr viel Zeit mit Lernen verbracht. Allein der Zugführerlehrgang dauerte zwei Wochen", erinnert sich Weinmann.

Unzählbar viele Einsätze


Zwölf Jahre lang, bis 1998, war Heinrich Weinmann der stellvertretende Kommandant. Die Zahl seiner Einsätze lässt sich nicht beziffern. "Unzählbar", sagt Weinmann, seien schon die Einsätze mit der Rettungsschere gewesen. Wer an der Rettungsschere arbeitet, der blickt genau auf die Unfallopfer, der ist ganz nah dran. Nicht immer hat der Retter Erfolg, manchmal kann er nichts mehr tun als nur noch einen Toten bergen. Wenn dem Verunglückten eine Hand fehlt oder ein Bein, dann sind das Momente, die dem Retter lange nachgehen. Momente, denen ein Feuerwehrmann in diesen Augenblicken jedoch standhalten muss.
"Die ersten vier, fünf Einsätze verfolgen einen - je nachdem, wie der Tote aussieht", gibt der 63-Jährige preis. Danach werde man zwar nicht abgebrüht, aber man lerne, die schrecklichen Bilder beiseite zu lassen. Eine Hilfe bietet Feuerwehrmännern dabei das Beisammensein nach den Einsätzen, das Reden und die Geselligkeit. Und manchmal kommt es vor, dass ein Feuerwehrmann auch einen Feuerwehr-Seelsorger zu Rate zieht und sich ihm anvertraut.
Dass sich Unfallopfer bei den Einsatzkräften bedanken, kommt nicht oft vor. Einmal erhielt Heinrich Weinmann aber doch Post von der Familie einer tödlich verunglückten Frau. In einem Album, in dem er Bilder und Dokumente aufbewahrt, hat eine lila Postkarte ihren festen Platz. Lila ist eine Trauerfarbe. Auf der Karte steht geschrieben, dass Heinrich Weinmann der Familie ermöglicht habe, "wenigstens noch einen würdevollen Abschied von unserer Frau und Mutter" zu nehmen. Als Ersthelfer war er zu einem Autounfall gekommen und hatte die Frau aus einem brennenden Wagen gezogen. Die Frau starb, aber sie wurde nicht verstümmelt. Die Angehörigen wünschten dem beherzt eingreifenden Feuerwehrmann außerdem, dass er die schlimmen Eindrücke vom Unfallort gut verarbeiten möge.
Jetzt ist die aktive Karriere des 63-Jährigen zwar beendet, doch passiv bleiben wird er nicht. In Kindergärten wird er als Brandschutzerzieher tätig sein. Und auch die Sauerstoffflaschen der Atemschutzträger wird er zum TÜV bringen. Dass er noch einmal eingesetzt wird, ist nicht ganz auszuschließen. Aber nur dann, wenn der Kommandant das für nötig befindet und einen Fahrer mit Zweier-Führerschein braucht, weil alle aktiven Fahrer verhindert sind. MH