Ein Dreivierteljahr vor der Landtagswahl hat sich die CSU noch immer nicht von ihrer historischen Pleite bei der Bundestagswahl erholt. Stand die Klausur der Landtagsfraktion im fränkischen Kloster Banz früher als perfekter Ort zur Demonstration von Macht und Stärke, kann Anfang 2018 schon eine einzige Terminfrage das fragile Fundament erschüttern: Kann es wirklich passieren, dass Parteichef Horst Seehofer erst im April sein Ministerpräsidentenamt an Markus Söder übergibt und nicht wie vereinbart im ersten Quartal?

Um die Gemengelage und Befindlichkeiten bei einer eigentlich recht banalen Frage im Januar 2018 verstehen zu können, muss man ein wenig ausholen: Vor einem Monat auf dem Parteitag in Nürnberg versprach Seehofer unter dem Applaus der Delegierten, die Übergabe im besagten Zeitraum. Und nicht nur das: beide versprachen sich eine ehrliche Zusammenarbeit ohne Schmutzeleien und Streitereien. Mit dem Verzicht besänftigte Seehofer seine Kritiker und sicherte sich die Wiederwahl als Parteichef - wenn auch mit einem eher schwachen Ergebnis.

In den ersten Wochen danach hält der Burgfrieden, beide sprechen nur gut übereinander. Bei der Sitzung des CSU-Vorstandes am Montag passiert es dann: Seehofer rechnet vor, dass die Bildung der neuen Bundesregierung je nach Verlauf erst Mitte April abgeschlossen ist - und auch erst dann die Amtsübergabe erfolgen kann.


Alarmglocken läuten


Bei den Kritikern unter seinen Zuhörern, aber nicht nur bei denen, gehen die Alarmglocken an. Mehrere Sitzungsteilnehmer vermuten dahinter gar eine Verschleppung des Termins, fürchten gar, dass Seehofer damit der Partei für den Wahlkampf wichtigen Schwung nehmen könnte. Bereits während der Vorstandssitzung formiert sich der Widerstand, per SMS und telefonisch. Selbst Seehofers Unterstützer sprechen davon, dass eine spätere Übergabe als Ende März "Befremden auslösen würde", wenn es tatsächlich April oder noch später würde. "Erstes Quartal heißt erstes Quartal", sagte ein Vorstandsmitglied.

Hinter den dicken Mauern im Kloster Banz ist das Thema am Dienstag in der Früh in aller Munde - genau wie ein Vorschlag von Söder, die Amtszeit für Ministerpräsidenten in Bayern künftig per Verfassungsänderung auf maximal zehn Jahre zu begrenzen. Dass Söder schon länger über der Idee grübelt, ist nicht neu. Ob der Moment der Veröffentlichung aber Zufall ist, mag dahingestellt bleiben. In jedem Fall passt er bestens ins Bild - gerade auch bei denen, die Seehofer ein ewiges Klammern an seinem Regierungsposten vorwerfen.

 


Vorgezogener Aprilscherz - nur ohne Pointe


Am Mittag räumen dann Seehofer und Söder in umgekehrter Reihenfolge das Thema wieder ab - zumindest versuchen sie es. Erst stellt sich Söder gut gelaunt den Fragen der Journalisten und erklärt: "Wir haben einen klaren Zeitplan vereinbart und darüber gibt es auch keinen Zweifel." Knapp zwei Stunden später steht an dieser Stelle Seehofer und erklärt das gleiche, fügt aber auch hinzu, dass es ihm "schleierhaft" sei, wie einige seiner Zuhörer seine Ausführungen so "kühn interpretieren" konnten. Entscheidend sei ein Übergang der Amtsgeschäfte in "Würde und mit Anstand".

Einige von ihnen trifft er kurz darauf hinter verschlossenen Türen beim Austausch der Fraktion zur generellen politischen Lage in Bayern und Deutschland. Auch hier wiederholt er seine Terminrechnung, wie Teilnehmer übereinstimmend berichten. Jedoch scheint seine Intonation ein wenig anders zu sein, denn von der Angst, dass es am Ende doch April werden könnte, ist nun nichts mehr zu hören, dafür erntet er großen Applaus. Einzig jene kühnen Interpretatoren des Vortages - und dies sind nicht wenige - können sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn zumindest unter der Hand bleiben sie bei ihrer Darstellung.

Bleibt die Frage, warum das Ganze? In der Partei gehen die Erklärungsversuche weit auseinander: Nicht wenige sehen darin ein Spiel mit dem Seehofer seine Kritiker ein wenig ärgern will - so wie er es in den vergangenen Jahren so oft gemacht habe. Andere reden von einem vorgezogenen Aprilscherz ohne Pointe. Eine böse Absicht will Seehofer niemand unterstellen, maximal ein wenig Übermut, den er aus den Sondierungsergebnissen ziehe. Das habe sich am Freitag schon auf Seehofers letztem Neujahrsempfang gezeigt, als er vor 1700 Gästen in der Münchner Residenz einige verbale Spitzen in Richtung Söder abfeuerte und etwa den konkreten Termin der Amtsübergabe offen ließ, damit alle Anwesenden weiter feiern könnten.
Ob solche politischen Spielchen gegen Politikverdrossenheit u