Mit Theater für das Leben lernen, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern spielerisch mit einer Geschichte. Das Theaterstück "Mrs Murr und ihre Katzen" thematisiert sexuellen Missbrauch und ist Teil der Präventionsarbeit des Arbeitskreises "Keine sexuelle Gewalt". Mehrere 3. und 4. Klassen aus dem Stadtgebiet schauten sich am vergangenen Montag und Dienstag in der Dr.-Roßbach-Grundschule Lichtenfels das Stück an. Die Schauspieler der Laiengruppe aus Coburg unter der Regie von Maria Krumm stellten das Stück hauptsächlich mit Handpuppen dar. Sie erzählten von einer älteren Dame namens Mrs Murr, die mit ihrer Katze Melly und deren vier Katzenkindern zusammenlebt.


"Ich rufe Nein"

Eines davon ist Paulinchen, von der Onkel Fred eines Tages möchte, dass sie ihn mit der Pfote am Bauch berührt und ihm das Ohr krault. Fred setzt sie unter Druck, niemandem etwas davon zu sagen.
Paulinchen wird unglücklich und es dauert, bis sie sich endlich ihrer Schwester Rosemarie anvertraut. Am Ende des Stücks traten die Puppenspieler vor die Bühne, um den Kindern noch ein Lied auf den Weg zu geben: "Ich ruf Nein! Lass das sein!" lautete der Refrain, den die Kinder mitsingen konnten.


Wichtig ist das Gespräch danach

Nach dem Stück herrschte Stille. "Das ist typisch, wenn es zu Ende ist. Es ist ganz leise." Auch auf dem Rückweg zur Schule würden die Kinder gewöhnlich kaum über das Stück reden, erzählt Michaela Schell, die an der Grundschule Schney unterrichtet. Umso wichtiger sei das Gespräch mit den Kindern danach. Dafür kommen Mitarbeiter zum Beispiel von Beratungsstellen oder vom Landratsamt in die Schule, um sich mit den Kindern zu unterhalten.
Claudia Ortloff, Sozialpädagogin bei der Beratungsstelle der Caritas Lichtenfels, vermittelt die Theatergruppe an Schulen und war selbst schon oft bei der Nachbereitung dabei. 98 Prozent der Sexualtäter kämen aus dem sogenannten Nahbereich: Familie, Nachbarn, Schule, Sporttrainer. Sie sind also den Kindern nicht fremd. "Die Prävention setzt da an, um den Kindern Sicherheit zu vermitteln", sagt sie. In der Nachbereitung wird mit den Kindern über das Stück gesprochen und es werden Bezüge zum realen Leben hergestellt.
Die Kinder sprechen gemeinsam über gute und schlechte Geheimnisse im Stück und im wirklichen Leben. Dabei lernen sie, dass es gar nicht so einfach ist, diese immer eindeutig zuzuordnen. "Die schlechten Geheimnisse, die machen Bauchweh", bringt Ortloff es auf den Punkt. Dabei wird immer wieder der Bezug zum Stück hergestellt. Wie hat Paulinchen sich gefühlt? Wie hat sie sich verändert? Neben den Geheimnissen wird auch über die Komplexität von Gefühlswelten gesprochen. "Viele können sich noch nicht so ausdrücken, sagen: Das ist schön oder das ist blöd", so Ortloff. In Rollenspielen lernen die Kinder auch, dass jeder Gefühle anders ausdrückt. Zum Beispiel sehe Wut bei jedem anders aus.
Wiederum durch eine Geschichte und ein Rollenspiel sollen die Kinder lernen, klar und bestimmt "Nein" zu sagen und Hilfe zu suchen. Die Kinder überlegen sich, an welche zwei erwachsenen Personen sie sich wenden könnten und schreiben deren Namen auf ein gelbes Vertrauenskärtchen. Das Schlimmste für Kinder sei, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden, so Ortloff. Sie hätten Angst, Sätze zu hören wie "Das ist doch nicht so schlimm." oder "Stell dich nicht so an."
Seit der ersten Aufführung im Jahr 2003 vor einer Lichtenfelser Schülergruppe hat sich einiges geändert. Damals seien manche Reaktionen eher verhalten gewesen, als Ortloff vorschlug, Grundschülern ein Theaterstück zur Aufklärung zu sexuellem Missbrauch zu zeigen.
Heute gebe es mehr Offenheit dem Thema gegenüber, den Pädagogen stehe mehr Material zur Verfügung. Im vergangenen Jahr habe sie sogar mehr Anfragen von Schulen bekommen als sonst. Denn damit Kindern sich mit dem Thema auseinandersetzen können und die Sicherheit bekommen, damit nicht allein gelassen zu werden, darf eines nicht vergessen werden: "Es braucht auch wirklich die mutigen Erwachsenen, die hinhören."