Es begann mit einem Treffen dreier Männer: der Historiker Günter Dippold, der Theologe Josef Motschmann und der Archivrat im Kirchendienst, Josef Urban, hatten sich 1984 in einem Lichtenfelser Café zusammengefunden, um eine heimatgeschichtliche Zeitschrift für den Kreis Lichtenfels ins Leben zu rufen. "Die drei Autoren publizierten im ersten Heft von 1985 sieben Beiträge, hörten sich die fürsorglichen Worte erfahrener Herausgeber an, dass auch noch andere Namen zu lesen sein sollten", erinnert sich Josef Urban im Editorial des jüngst erschienenen Doppelhefts 19/20.
Schon im zweiten Heft konnten tatsächlich vier neue Autoren vorgestellt werden. Die Befürchtungen, das Heft könne sich nicht lange halten und werde eingehen, wie andere Publikationen zuvor auch schon, waren grundlos. Josef Urban: "Mit den gegenwärtig 56 Autoren als Mitarbeiter der Zeitschrift und bisher 134 Beiträgen unterschiedlichen Umfangs und inhaltlicher Bedeutung sind die anfänglichen Befürchtungen längst zerstreut."

Erinnerung an Euthanasie-Opfer


Doch welche Themen werden in dem druckfrischen Heft behandelt? Alfons Zenk hat den Kutzenberger Euthanasie-Opfern einen Beitrag gewidmet. Zwischen 14. September 1940 und 17. Juni 1941 wurden aus der Heil- und Pflegeanstalt 197 Frauen und 249 Männer von den Nationalsozialisten abgeholt, in zentrale Tötungsanstalten, unter anderem nach Hartheim bei Linz, verlegt und umgebracht.
Wie zynisch und menschenverachtend man in Hartheim mit den psychisch Kranken umgegangen ist, kam nach dem Krieg ans Licht. Der amerikanische Offiziers Charles Dameron ließ nach dem Krieg in der ehemaligen Vergasungsanstalt Hartheim ein Stahlfach aufbrechen; darin fand er die so genannte "Hartheimer Statistik", eine 39-seitige Broschüre für interne Zwecke der "Aktion T4" - mit der Adresse des Hauses in Berlin, in dem die Wannseekonferenz stattfand, Tiergartenstraße 4, tarnten die Nazis ihre Euthanasie-Pläne. In diesen statistischen Angaben über Vergasungen von Behinderten und Kranken werden die Tötungen als "Desinfektionen" bezeichnet. Zur Hartheimer Statistik gehört auch ein Blatt, auf dem berechnet wurde, dass "bei 70 273 Desinfizierten und einer Lebenserwartung von 10 Jahren" Lebensmittel im Wert von 141 775 573,80 Reichsmark eingespart worden seien.
Alfons Zenk geht in seinem Aufsatz auf die Entwicklung der Erinnerungskultur an psychiatrischen Krankenhäusern ein und stellt die Denkmale der bayerischen Bezirkskrankenhäuser vor. Dabei setzt er sich mit der Denkmalskultur kritisch auseinander. Sogenannte mahnende Worte wirkten wie ein moralischer Zeigefinger, schreibt er. Fraglich bleibe, ob solche Warnungen tatsächlich Betroffenheit hervorrufen oder gar Abwehr provozieren. Einige dieser Botschaften auf Denkmalen wirkten in ihrer Direktheit bevormundend, sie verhinderten den eigenen Erkenntnisprozess. Moderne Didaktik, so Alfons Zenk, verfolge andere Wege, um Fakten zu vermitteln und erwünschte Einstellungen anzubahnen.
"Als die Amerikaner kamen..." ist der Beitrag von Horst Habermann überschrieben. Darin befasst sich der Autor mit der Stunde Null in Michelau, Schwürbitz und Lettenreuth. Horst Habermann erinnert an die eindrucksvollen Ereignisse, etwa an die Sprengung der Mainbrücke. Aber was viel interessanter ist: Er skizziert die kleinen Begebenheiten, die mit dem Einrücken der Amis zu tun haben.

"Mac-Mac-Milch" statt Kuhmilch


Barbara Strenglein, die gerade ihre beiden Ziegen gemolken hatte, bot den farbigen Soldaten in Kampfuniform, die in Schwürbitz einrückten, Ziegenmilch an. Doch die GIs waren voreingenommen gegen dieses Getränk und wollten keine "Mac-Mac" trinken, sondern nur Kuhmilch. Aber Barbara Strenglein hatte keine Kuh im Stall, nur Ziegen, Hühner, Gänse und Hasen. Trotzdem ging sie noch einmal in den Stall und tat so, als ob sie Kuhmilch holen würde. Sie kam aber wiederum mit Ziegenmilch heraus und gab den US-Soldaten zu verstehen, dass es sich nicht mehr um "Mac-Mac-Milch", sondern um Kuhmilch handle. Die Amerikaner waren mit dieser Versicherung zufrieden und tranken die dargebotene Milch.



"Vom Main zum Jura" Heft 19/20 (ISSN 0177-1558) ist im Buchhandel für 13,30 Euro erhältlich.