War der 5. Mai ein guter Tag, um öffentlich auf die Vielfalt der Selbsthilfegruppen der Region hinzuweisen? Schwer zu sagen, denn die Passanten am Marktplatz hielten sich nur selten an den Ständen auf. Der 5. Mai ist der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Es geht um Barrieren und darum, wie man diese überbrückt.

Beispiel Stotterer. Nein, es ist kein psychisches Problem, es ist ein organisches, wissen Christine Franke und Peter Spieß aus Bamberg. Auch ihre Selbsthilfegruppe wurde vom Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) um Teilnahme am Protesttag gebeten. Wenn man Franke und Spieß zuhört, erhält man lange nicht den Eindruck, dass es sich bei den beiden Bambergern um Stotterer handelt. Es sei denn, man verunsichert sie, blickt ihnen nicht in die Augen, oder versucht, ihre Sätze noch vor ihnen zu beenden. Dann legt sich ein Schalter um, dann tritt das, was durch Therapeutik gemildert wurde, offen zu Tage.

Auch dort, wo es scheinbar nicht zu erwarten ist, tauchen Probleme bei der Gleichstellung auf: So gibt es bei Prüfungen, an denen Stotterer teilnehmen, Nachteilsausgleiche. Die bestehen darin, dass Prüflinge Rückgriff auf technische Hilfsmittel nehmen dürfen. Das aber sei vielen Lehrern nicht bekannt, erklärt Spieß. Hinzu kommt, dass Kultus Ländersache ist und von Bundesland zu Bundesland andere Bestimmungen gelten. Es gilt, auf den rechten Umgang mit Stotterern hinzuweisen.


Ein Dutzend Selbsthilfegruppen vor Ort



Das gilt auch für Aphasiker, Menschen also, die nach einem Schlaganfall ihre Sprache verloren haben. Auch ihre Selbsthilfegruppe war vor Ort. So wie die der verwaisten Eltern, Menschen, deren Leben durch den Verlust eines Kindes "verschoben" wurde, wie Leiterin Helga Zach es ausdrückt. Insgesamt ein Dutzend Selbsthilfegruppen fand sich auf dem Marktplatz ein, um sich den Menschen zu präsentieren, die sich wohl erst im Falle des Betroffenseins für ihre Existenz und ihre Hilfsangebote interessieren werden. "Das ist menschlich", meint Helga Zach, das sei die Erfahrung vieler Selbsthilfegruppen.

38 von ihnen seien um Teilnahme gebeten worden, berichtet Maria Wiehle, Gesamtleiterin des HPZ. Gut ein Dutzend waren gekommen. Der 5. Mai hätte ein Tag sein sollen, an dem die Vernetzung unter den Gruppen und vielleicht auch hin zum HPZ gestärkt wird, erläutert Wiehle.

Rückendeckung erhielt das Programm vor dem Rathaus von Drittem Bürgermeister Bernhard Christoph und Landrat Christian Meißner. Letzterer versicherte, dass sich der Landkreis um Barrierefreiheit an öffentlichen Gebäuden bemühe, und versicherte, dass auch im Bereich Tourismus an Konzepten gearbeitet werde, hiesige Attraktionen an den Bedürfnissen Behinderter auszurichten.


Zustände voller Anglizismen



Katja Brade von der Offenen Behindertenarbeit der Caritas kennt viele Barrieren. Die Frau, die im Dienst des HPZ steht, verweist auf Denglisch. Denglisch ist das mitunter dumm-deutsch geratene Trend-Englisch, das von Public Viewing im Zusammenhang mit Fußball-Großereignissen spricht, wobei damit eigentlich das Abschiednehmen von Verstorbenen am geöffneten Sarg gemeint ist. Und was ist ein Service-Point? Und warum schreibt er sich anders, als er sich spricht? Zustände voller Anglizismen, die lernbehinderte Menschen hilflos machen.
Ein anderes Beispiel, wo Behinderte häufig außen vor bleiben: Das Internet mit seinen sozialen Netzwerken und den Möglichkeiten, per E-Mail Kontakt aufzunehmen, ermöglicht Behinderten mehr Kommunikation mit ihrer Umwelt. Das ist hilfreich, wenn das eigene Zuhause nicht verlassen werden kann. Barrierefreiheit verlangt aber auch, dass Software leicht zu erschließen ist...

Der 5. Mai auf dem Marktplatz war kein Datum, an dem Ströme von Passanten sich für Barrierefreiheit zu interessieren begannen. Vielleicht lag's am einsetzenden Regen, vielleicht aber auch daran, dass der Mensch sich mit Behinderung erst dann auseinander setzt, wenn sie für ihn aktuell ist.