Pokale wohin das Auge reicht, im Keller des elterlichen Anwesens in Neuses am Main stehen sie in Reih' und Glied, die nationalen und internationalen Trophäen, die Wolf Fickenscher sein eigen nennt. Gezählt hat er sie nicht. "Aber rund 150 dürften es schon sein", schätzt der Apotheker. Der 38-jährige ist eine Koryphäe im Modellflug, so wie es Michael Schuhmacher in der Formel Eins oder Boris Becker im Tennis waren.

Nur nicht so berühmt. Dass er nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, stört den Neuseser nicht. "Bei vielen Sportarten fristen die Athleten ein Schattendasein, weil ihre Sportart einfach nicht so populär ist. Es sollte um den Sport gehen und nicht darum, berühmt zu werden", meint Fickenscher, der trotz seiner zahlreichen Erfolge keinen abgehobenen Eindruck macht.
Er ist Mitglied bei der Segelfluggruppe Burgkunstadt "Kordigast", möchte einem schönen Hobby nachgehen - das übrigens erst seit ein paar Jahren als Sport eingestuft wird - und das Beste aus sich und seinem Flieger herausholen.

Als körperlich anstrengend empfindet er das Steuern eines Modellfliegers nicht. Seine Vermutung, warum es dennoch als Sport gilt: "Es dürfte sich so verhalten wie beim Schach. Der Pulsschlag ist bei einem Turnier erhöht und Adrenalin wird in das Blut ausgeschüttet."

Als Fickenscher 14 Jahre alt war, schenkte ihm sein Vater 1989 einen kleinen Uhu. Tausende haben mit diesem Typ die ersten Schritte in den Modellflug gewagt und sind heute noch mit Freude dabei. Als er 1991 in Freystadt in der Oberpfalz als Besucher erstmals Modellfliegern bei ihrem Hobby über die Schulter schaute, war es um ihn geschehen: "Mit welcher Geschwindigkeit die Modelle am Himmel herumflitzten, wie sie senkrecht in der Luft standen - davon war ich fasziniert."

Im Horizontalflug mit Motor erzielten diese eine Geschwindigkeit von bis zu 300 Kilometern in der Stunde, erzählt der Experte. Welche Höhen werden dabei erreicht? "Im Streckenflug bewegen sich die Einflughöhen in der Regel zwischen 70 und 150 Meter. Im Segelflug wurden schon Höhen von knapp 700 Metern erreicht - und das bei einer Spannweite von bis zu zwei Metern."

Gibt es beim Modellfliegen einen Erfolgstrainer, wie beim Fußball, oder ist jeder Pilot seines Glückes Schmied, spricht ein Autodidakt? Fickenscher meint, Letzteres wäre der Fall. "Mit viel Disziplin, Fleiß, Talent und Training - und einer kleinen Portion Glück habe ich es bis an die Weltspitze gebracht." 1996 startete der Neuseser seine inzwischen 17 Jahre andauernde Wettbewerbskarriere in der Elektroflugklasse F5B. Zwei Erfolge sind ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben: Sein erster Wettbewerbssieg in der Klasse F5B im tschechischen Brünn im Jahre 2000 und sein erster Weltmeistertitel vier Jahre später.

"Mein erster Triumph auf internationaler Ebene im Jahre 2000 kam unerwartet. Ich war damals noch jung und unerfahren und die Konkurrenz wie immer bärenstark." Als er dann zum ersten Mal den Weltmeistertitel errungen hatte sei das ein unbeschreibliches Gefühl gewesen.

Ein Modellflugzeug erfolgreich durch die Lüfte zu steuern, erfordert hohe Konzentration und viel Übung. In den Jahren 2003 bis 2006 flog Fickenscher eigenen Schilderungen zufolge täglich. Als Apotheker hat er heute nur noch wenig Zeit für seine Freizeitbeschäftigung. Rund zwei bis drei Stunden in der Woche trainiere er noch.
Als leidenschaftlicher Tüftler und technikbegeisterter Mensch fertigte der Modellflug-Enthusiast aus Kunststoffplatten, Kohlefasern, Balserholz und Harz nach eigenen Entwürfen seine eigenen Modelle, mit denen er von einem Erfolg zum nächsten fliegt.

"Rund 20 Stunden bastle ich an einem Flieger." Daraus wurde sogar eine eingetragene Marke mit dem Namen "Raketenwurm", von der es inzwischen drei unterschiedliche Modelle gibt. Der Neuseser hat in seinem Sport viel erreicht; mit der Zeit habe der Ehrgeiz etwas nachgelassen, wie er einräumt. Doch im vergangenen Jahr wollte er es noch einmal wissen. Ihm gelang der Hattrick: Nach 2004 und 2006 holte er 2012 zum dritten Mal den Titel in der Einzelwertung. Mit der deutschen Nationalmannschaft landete er auf dem zweiten Platz. Um Haaresbreite hatten Fickenscher, Norbert Hübner aus Dachau und Christian Ulbrich aus Stuttgart im rumänischen Buzau den Sieg verpasst. "Es fehlten uns nur zehn Punkte, dann hätten wir die Italiener vom Spitzenplatz verdrängt." Der 37-jährige kann es noch immer nicht fassen. "Rumänien ist ein gutes Pflaster für mich." Bereits 2006 wurde er dort Weltmeister.

Der 38-Jährige schwingt sich außerdem auch gerne selbst in die Lüfte - im Ultraleicht- und Segelflugzeug. "Ich liebe die Ruhe beim Segelfliegen und das sanfte Dahingleiten", schwärmt er. "Man hört nur den Wind und genießt die majestätische Aussicht von oben." Aus diesen Worten spricht der Traum vom Fliegen. Fickenscher hat ihn für sich wahr werden lassen.

Über den Modellflug und den Schauflugtag

Flugmodell Es ist ein Fluggerät, das zum Zweck des Sports oder der Freizeitgestaltung betrieben wird. Sofern es sich um ein ferngelenktes Modell handelt, wird es in der Regel in Sichtweite seines Steuerers betrieben.

Fernsteuerung Es gibt unterschiedliche Fernsteuerungen. Eine Fernsteuerungsanlage besteht im Prinzip immer aus einem Sender mit eigener Stromversorgung, einem Empfänger, den Rudermaschinen (Servos) sowie der Stromversorgung für den Empfänger und die Servos. Mit zwei Steuerknüppeln lassen sich die wichtigsten Steuereingaben an die Steuerfunktionen des Flugmodells weitergeben: Höhe, Seite, Quer und Motor. Weitere Funktionen können über Schalter, Dreh - oder Schieberegler aktiviert werden.

Motor: Die Modellflieger werden heutzutage überwiegend mit Elektromotoren angetrieben, früher waren Verbrennungsmotoren (Benzin und Methanol) gängig.

Preise Ein Modellflugzeug kann zwischen 20 und 100.000 Euro kosten, je nach Größe und technischer Ausstattung. Die Kosten für seine selbst gebauten Modelle beziffert Fickenscher auf rund 1000 bis 1500 Euro.

Klasse F5B Es sind drei Flugaufgaben zu absolvieren: Streckenflug, Zeitflug und Landung. Für die Landung werden drei Kreise vorgegeben, die wie eine Zielscheibe angeordnet sind. Wird zum Beispiel im kleinsten Kreis gelandet, der einen Durchmesser von zehn Metern hat, dann ergibt das 30 Punkte.

Fickenschers Erfolge
Deutscher Meister: 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2007, 2010 und 2011; Eurotoursieger: 2000, 2001, 2002, 2003, 2005, 2006 und 2010;
1. Platz FAI World-Cup: 2001, 2003 und 2005; Weltmeister 2004, 2006 und 2012;
Mannschaftsweltmeister 2002, 2004 und 2006.

Schauflugtag:
Am Sonntag, 30. Juni, findet auf dem Modellfluggelände in Kaltenreuth bei Burgkunstadt der Schauflugtag der Modellfluggruppe Burgkunstadt Kordigast statt. Von 13 bis 17 Uhr zeigen rund 30 Piloten den Besuchern von nah und fern waghalsige Manöver, Pirouetten und Loopings. Stargast der Veranstaltung ist der mehrfache Welt- und Europameister Wolf Fickenscher aus Neuses am Main, der für die Burgkunstadter Modellflieger startet. Der Eintritt ist frei.

Quellen: Deutscher Aero Club e.V. Bundeskommission Modellflug; Wikipedia; Modellfluggruppe Burgkunstadt Kordigast.