Geschichte ist das, was sich mit der Vergangenheit befasst, die aber nie aufhört. Meint man, eine Thema sei endgültig und abschließend bearbeitet, dokumentiert und beschrieben, kommt irgendwann etwas Neues daher und schnürt das Bündel wieder auf. So geschehen im Sommer dieses Jahres, als Fotografien der Synagogen von Altenkundstadt und Burgkunstadt bekannt wurden - von 1933/34, eine kleine Sensation!

Zu verdanken ist dies Christian Porzelt aus Kronach, der die Fotos entdeckt und der Interessengemeinschaft Synagoge Altenkunstadt zur Verfügung gestellt hat. Nun wird man darauf verweisen, dass die Synagogen doch durchaus bekannt sind. Das stimmt natürlich, aber auch nur halb. Es ist gut acht Jahrzehnte her, dass sie verwüstet wurden, die Burgkunstadter Synagoge sogar ganz abgerissen wurde.

Ein Glücksfall

Wer wird sich in Burgkunstadt noch an die Straßenseite der Synagoge erinnern können? Was weiß man in Altenkunstadt über die Inneneinrichtung der Synagoge? Solche Fragen werden immer wieder gestellt, nicht zuletzt von jüdischen Besuchern, die hier nach den Spuren ihrer Vorfahren suchen. So ist es ein Glücksfall, dass man sie jetzt beantworten kann.

Oft zu finden sind Fotografien der Rückseite der Synagoge von Burgkunstadt mit ihrer beeindruckenden Fassade aus Sandsteinquadern zum Mühlbach hin. Die bisher unbekannte Vorderseite wirkt dagegen sehr viel bescheidener, fast etwas enttäuschend, was wohl auch der etwas düsteren Schwarzweißaufnahme zuzuschreiben ist. Das Haus ist schlicht verputzt mit Ecklisenen als einzigem Schmuck. Über der linken Tür, wohl der Eingang für die Männer, war eine große Tafel eingelassen mit einer Art Ornament, vielleicht einer Inschrift darauf. Synagogen im ländlichen Gegenden sollten unauffällig und möglichst nicht als Gotteshäuser erkennbar sein. Tatsächlich wirkt die Synagoge zurückhaltend, mit ihrem fensterlosen Erdgeschoss beinahe sogar etwas abweisend. Die großen Fenster im Dachgeschoss ließen aber sicherlich viel Helligkeit hinein in die Frauengalerie, die dahinter lag. Zwei Aufnahmen des Innenraums der Synagoge sind in der Dauerausstellung in der Synagoge von Altenkunstadt zu sehen.

Bei der Synagoge von Altenkunstadt ist es die Inneneinrichtung, von der man bisher kaum etwas wusste. Die neuen Fotos vermitteln auch keinen Gesamteindruck der Einrichtung, sie konzentrieren sich nur auf den Toraschrein. Wie in einer Kirche der Altarraum, so ist in einer Synagoge der Toraschrein das Wichtigste. Im eigentlichen Schrein, der in die Ostwand einer Synagoge eingelassenen Lade, wird die Heilige Schrift, die fünf Bücher Mose, verwahrt. Dementsprechend aufwendig ist seine Gestaltung. Bislang war nur bekannt, dass die ursprüngliche Ausstattung nur gemalt war und nicht, wie eigentlich üblich, plastisch ausgeführt: zwei gedrehte Säulen rechts und links, dunkelblau, mit gelben Bändern umwunden, weit darüber das kleine Misrachfenster, ebenfalls gemalt, die Fläche dazwischen nicht definiert, über allem noch ein "vorzüglich gemalter Toravorhang in naturalistischem Faltenwurf", wie es in einer Befunduntersuchung von 1989 heißt; im Ganzen ein recht ungewöhnliches, aber zu unvollständiges Bild, um einen realistischen Gesamteindruck zu vermitteln. Auf dem Foto von 1933 sieht man etwas ganz anderes: einen plastisch ausgeführten, mit vielen Details versehenen Schrein in voller barocker Pracht. Die Aufnahme ist auch hier nicht von bester Qualität, doch betrachtet man sie genau, erkennt man doch viele und auch überraschende Einzelheiten. Zu beiden Seiten des Schreins sieht man gedrehte Säulen, daneben jeweils noch eine glatte Säule, darüber eine Art Architrav.

Zwei Löwen mit Krone

Rechts und links stehen auf dem Gebälk über den glatten Säulen zwei Vasen. Zwischen ihnen sitzen auf einem flachen Bogen zwei Löwen, die in ihren erhobenen Vordertatzen eine Krone halten: die Löwen Judas mit der Krone der Tora. Dieses Motiv findet sich sehr häufig im Judentum, man sieht es auch häufig auf Grabsteinen des 18. Jahrhunderts, auch auf dem jüdischen Friedhof bei Burgkunstadt. Über den Löwen sieht man das Misrachfenster, nach wie vor nur gemalt, jedoch mit einem hellen plastischen Wolkenkranz umgeben, von dem nach allen Seiten Strahlen ausgehen, vielleicht ursprünglich goldfarbig, so dass die Illusion einer im Osten strahlend aufgehenden Sonne entstand.

Im Ganzen ist auch dies ein ungewöhnliches Arrangement, das Besucher bis zum Ende sehr beeindruckt haben dürfte. Wann es entstand, wird sich wohl nicht mehr rekonstruieren lassen. Das übrige Dekor, die Schabracken über den Fenstern, die schweren Decken auf den Lesepulten, auch der Brokatvorhang vor dem Schrein stammen wohl aus der Mitte oder der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ebenso die neugotische Umfassung des großen Lesepults. Das alles trägt zur Opulenz der Gesamtausstattung bei. Unterhalb des Toraschreins dürfte sich noch ein Treppchen oder eine Konsole befunden haben, auf der die Säulen standen.

Die hier veröffentlichten Aufnahmen haben ebenfalls ihren Platz in der Dauerausstellung. Die Geschichte der Juden am Obermain muss wegen der so unverhofft aufgetauchten Fotografien nicht neu geschrieben werden, aber sie haben dem historischen Bündel einige Details hinzugefügt.