Bei den Krimis aus Helmut Vorndrans Feder ist der Leser an skurrile Ereignisse gewöhnt. Die Fan-Gemeinde erwartet sogar, dass die Geschichten des 51-Jährigen völlig unerwartete Wendungen nehmen. Ein Mini-Tsunami im Main, ein Tornado im Itzgrund oder die ins Groteske verzerrte Physiognomie einer bayerische Staatssekretärin fanden sich in seinen beiden ersten Krimis "Alabastergrab" und "Blutfeuer".

Wer A und B sagt, sollte auch C sagen. Folglich lautet der Titel des dritten Krimis "Colibri-Effekt" - ohne Gewähr, dass ein leibhaftiger Kolibri durch die Handlung flattert. Sicher ist hingegen das Mitwirken alter Bekannter: das Ferkelchen "Riemenschneider" ist wieder dabei, und auch der Flussregenpfeifer übernimmt erneut eine tierische Rolle. Zudem wandert ein neues Tier frech in Frankens Fauna ein - der Biber.

Aber der Reihe nach. Seit Anfang Oktober schrieb Helmut Vorndran an dem Buch, das nun als Manuskript fertig ist. Fertig ist auch der Autor: "Ich bin völlig platt", beschreibt er die Folgen des Schreibens, "es war noch nie so anstrengend, ich war noch nie so k. o. nach dem Schreiben eines Buchs wie diesmal".

Zeitebenen und Parallelhandlung


Mit dem Ergebnis ist er hochzufrieden. Parallele Handlungsstränge und verschiedene Zeitebenen hat er collageartig verwendet: "Da steckt alles drin, was ich kann", resümiert er das Ergebnis von wochenlanger Inspiration, Konspiration und Transpiration. "Ich habe noch nie so viel recherchiert wie für dieses Buch", unter anderem bei den Botschaften Russlands und Norwegens, bei der TU München und bei der Firma Eurocopter.

Vor allem nachts klapperte in der Rattelsdorfer Mühle, dem Wohnhaus Vorndrans, die Laptop-Tastatur. Etwa vier Seiten pro Nacht brachte er zu Papier. Bei seinen anderen Bücher habe er bis zu sieben oder acht Seiten pro Nacht geschafft, sagt er. Nie musste er so um Worte und um Sätze ringen wie diesmal.

Ein Grund mag sein, dass Helmut Vorndran gerade mit diesem Buch seine Schriftstellerkarriere begründen möchte. Nach fast 30 Jahren als Kabarettist wird er sein Engagement beim "Totalen Bamberger Cabaret" (TBC) heuer beenden, um künftig allein von der Schriftstellerei und vom Bootsverleih zu leben.

Freimütig bekennt der 51-Jährige, dass ihm die neue Rechtschreibung gegen den Strich geht: "Ich habe das Manuskript in der alten Schreibweise verfasst und die Wörter dann mit der Ersetze-Funktion geändert." Aus dem Wörtchen "muß" habe er dann per Mausklick "muss" gemacht. Er sei selbst überrascht gewesen, weil dieses Wort 1700-mal im Text vorkommt.

Kaltenbrunner Musentempel


Tagsüber, so berichtet der Autor über seine Schaffensweise, sei er dann oft in der Kaltenbrunner Pizzeria "La Stazione" gesessen, um die Nachtgedanken zu redigieren. In seinem Musentempel, der nachmittags geschlossenen Pizzeria, hatte er alles, was er brauchte, um kreativ zu sein: Viel Licht und Ruhe zum Überarbeiten der Manuskripte.

Die Handlung spielt in sehr weiten Teilen im fränkischen Städtchen Baunach und in der norwegischen Natur. Helmut Vorndran: "Es sind relativ wenige Orte, an denen aber viel passiert." Die parallel erzählten Handlungsstränge bewegen sich aufeinander zu: In einem Baunacher Gartenhaus wird eine enthauptete Leiche gefunden. An einem anderen Ort wacht jemand auf und weiß nicht, wo er sich befindet. Amnesie (Verlust der Erinnerung) ist ein zentrales Motiv dieses Krimis. Der Leser erfährt bewusst erst spät, wer die Bösen sind und worin das tragende Thema besteht.

"Es geht quer durch Europa", sagt der Autor, vor allem aber durch Franken und Norwegen, wo er sich besonders gut auskenne. Die Protagonisten sind - wie in den beiden ersten Krimis - waschechte Franken, vor allem das Ermittlerteam um Kommissar Haderlein und dessen Kollegen Lagerfeld.

"Wer will sagen, dass das, was der Massenmörder Anders Breivig auf der norwegischen Insel Utøya anrichtete, nicht auch in Franken passieren könnte?", orakelt Vorndran. Auch dies ist eine Brücke, die er zwischen Franken und Skandinavien schlägt.

Doch keine Angst: Kommissar Haderlein mutiert nicht zum fränkischen Wallander. Die erfolgreichen Krimis mit nordischem Flair von Henning Mankell oder Stieg Larsson machten freilich auch auf Helmut Vorndran Eindruck.
Nach der Herausgabe eines Bandes mit lustigen Kurzgeschichten ("Tod durch Franken") im vergangenen Jahr, greife er nun wieder ein ernsteres Thema auf. Der Plot des neuen Krimis beruhe "zum Teil auf grundsätzlich wahren Sachlagen", sagt der Autor, "die Geschichte ist aber frei erfunden".

Ganz kann Helmut Vorndran den Kabarettisten (noch) nicht verleugnen: "Ich hab' erwogen, dass ein Bundespräsident auf einer Kreuzfahrt drin vorkommt", ätzt er in Anspielung auf die aktuellen Ereignisse um Schloss Bellevue und die "Costa Concordia".

Tierische Kapriolen: Ohne etwas von der Spannung vorweg zu nehmen sei verraten, dass die Staffelsteiner Obermain-Therme ebenfalls Handlungsort in dem Krimi sein wird. Nachdem Kommissar Lagerfeld mit seiner Freundin nach Loffeld gezogen ist und dort eine (erfundene) Mühle renoviert, "hat Loffeld eine tragende Rolle in dem Buch".

Saugute Dialoge in der Therme


Von diesem Staffelsteiner Stadtteil aus werden Ausflüge ins Thermalbad unternommen, wobei Ferkelchen "Riemenschneider" nicht fehlen darf. Weil aber weder Frischlingen noch Keilern, Ebern oder Bachen der Zutritt zum Thermen-Meer gestattet ist, kommt es zu Schwierigkeiten am Kassenschalter. Aus dieser komischen Situation entwickelt Helmut Vorndran saugute Dialoge. Ob das Ferkel dann doch als staatlich geprüftes Heilschwein ins Bad gelassen wird, wollen wir dem neugierigen Leser jedoch vorenthalten.

Überlegt habe er schon, das Ferkel und den Flussregenpfeifer nicht mehr dabei sein zu lassen, sagt Helmut Vorndran, "doch wegen massiver Proteste, vor allem aus der weiblichen Leserschaft, blieben die beiden diesmal noch drin".

Dafür taucht ein neues Tier auf - der Biber. In einem Flutgraben zwischen Mürsbach und Hilkersdorf beobachtete Helmut Vorndran das hintersinninge Werkeln des tierischen Migranten: Nachdem man die Biberburg dreimal mit dem Bagger geschleift hatte und das Tier sein Heim dreimal wieder aufbauen musste, griff der Nagezahn zu einer List. Er hatte die menschliche Zerstörungswut satt und grub 100 Meter weiter Löcher ins Ufer. In seiner Höhlenburg verbarrikadierte er sich mit - bildlich gesprochen - verschränkten Armen, als wolle er sagen: Schau'n mer mal, was sie jetzt machen.

Ein Denkmal für den Biber


Diesem Biber setzt Helmut Vorndran ein literarisches Denkmal: Er siedelt ihn um nach Baunach, wo er einen Nachbau der Burg zimmern darf.

Die Biberburg wiederum hat nichts zu tun mit der Ruine der Stufenburg bei Baunach, die von Baron Rotenhenne wieder aufgebaut werden soll. Wohl aber stört der Biber den Freiherrn, weil er durch den Bau seiner Burg dessen Wiesen überschwemmt. Welche Rolle ein lokaler Bauunternehmer, Fluglinien-Syndikus und Hutträger beim Aufbau jener und Abbruch dieser Burg spielt, soll ebenfalls ein Geheimnis bleiben.

Übrigens: In Gedanken ist Helmut Vorndran schon beim nächsten Krimi. Dessen Titel soll mit einem "D" beginnen. Für Vorschläge ist der Autor aufgeschlossen.