Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Bereichen extrem beschleunigt. In einigen Berufsfeldern blieb schlicht nichts anderes möglich, als den direkten Kontakt zum Kunden durch Video oder andere Formate zu ersetzen. Und so wagten sich, je länger die Beschränkungen andauerten und Gottesdienste untersagt blieben, auch immer mehr Geistliche vor die Kamera und versuchten, per Livestream ihre Gläubigen zu erreichen. Blieb für die Gottesdiensterfahrung zu Hause zuvor nur die Übertragung im Fernsehen - mit einem dem Zuschauer meist unbekannten Pfarrer aus einer nie besuchten Kirche -, wurde das lokale Angebot im Netz immer breiter. Nun sind Gottesdienste wieder erlaubt - mit starken Einschränkungen. Einen Ansturm auf die Kirchen hat das aber nicht ausgelöst.

"Der erste Gottesdienst war noch gut besucht, da waren wir knapp an der Grenze des Erlaubten in der Dreieinigkeitskirche", sagt der evangelische Pfarrer Matthias Hagen aus Bad Staffelstein. Bei 44 Besuchern liegt derzeit die Kapazität dort. Beim zweiten Gottesdienst sei der Zuspruch dann schon deutlich geringer ausgefallen. "Wir stellen fest, dass die Ansteckungsangst noch tief steckt", sagt Hagen. Das beobachtet auch Pfarrer Roland Neher aus der Lichtenfelser Pfarrei Unsere Liebe Frau: "Die Reaktion ist oft: ,Uns ist noch nicht danach'. Wir dürfen zwar wieder Gottesdienste halten, doch die Leute wollen noch nicht kommen." Zu groß sei die Sorge.

"Man fremdelt vielleicht auch nach so langer Zeit. Die Kirche hat aktuell doch ein anderes Erscheinungsbild", vermutet Matthias Hagen und meint die Auflagen zur Durchführung eines Gottesdienstes. Da ist zum einen der Sicherheitsabstand zwischen den Besuchern, wenn sie nicht aus demselben Haushalt stammen: "Der Deutsche sitzt zwar nicht gern gekuschelt, und der Franke gleich gar nicht", sagt Hagen. "Aber das Gottesdienstgeschehen lebt schon auch davon, sich zu seinen Bekannten zu setzen."

Mundschutz stört auf Dauer

Der zweite Faktor, der die Gläubigen wohl fernhält, ist der zu tragende Mund- und Nasenschutz: "Die Sache mit der Maske macht den Leuten Schwierigkeiten", hat Hagen festgestellt - auch am eigenen Leib: "Singen Sie mal mit so einer Maske. Ich habe nach dem dritten Lied nicht mehr mitgesungen", sagt er und lacht. Beschlagende Brillengläser seien kaum zu vermeiden, abgesehen vom Tragegefühl auf Dauer, obwohl die Gottesdienste derzeit deutlich knapper ausfallen. "Mit Maske da 45 Minuten zu sitzen, das ist schon unangenehm", sagt Roland Neher. Viele kämen auch nicht nach vorne, um die Kommunion zu empfangen: "Es sieht aber auch wirklich blöd aus, wenn der Pfarrer da mit Maske und Gummihandschuhen steht", gibt Neher zu.

Alles ist anders, und der Gottesdienst im Moment wahrlich kein Zuschauermagnet: "Ich kann es keinem verdenken, wenn er lieber daheim bleibt und sich einen Gottesdienst im Fernsehen ansieht", sagt Roland Neher. Es gibt also keine Begeisterung über die aktuelle Lage bei den Pfarrern: "Nein", sagt er, "Begeisterung sieht anders aus. Aber ich wüsste jetzt auch keine bessere Lösung." Auch Matthias Hagen ist anzuhören, dass der feierliche Charakter der Gottesdienste derzeit auf der Strecke bleibt: "Das läuft fast generalstabsmäßig ab. Wir haben ein Sicherheitsteam, bieten Masken gegen eine Spende an, haben jemanden, der Desinfektionsmittel bereithält, und es wird gezählt." Liedblätter werden nur in Anzahl der Kapazität der Kirche hergestellt, dann ist Schluss. Zumindest voranmelden musste man sich in der Dreieinigkeitskirche bisher nicht: "Das würde Leute vielleicht auch schon vorher davon abhalten, zum Gottesdienst zu kommen. Ich gehöre zwar selbst zur Risikogruppe und es lebt sich angenehmer ohne Corona - aber es gibt auch Grenzen." In Lichtenfels gab es die Voranmeldung: "Aber da der Zuspruch sowieso gering war, probieren wir es jetzt mal ohne. Es kommen eh immer ein paar ohne Anmeldung. Die haben wir bisher ja auch nicht fortgeschickt", sagt Roland Neher.

Es sei derzeit ein wenig Fantasie gefragt, sagt Matthias Hagen, um den persönlichen Kontakt zu den Gläubigen aufrechtzuerhalten. Den Weg ins Internet geht er allerdings nicht: "Ich achte sehr, was einige Kollegen in Sachen Streaming machen, aber das überlasse ich denen, die daran Spaß haben." Auch Roland Neher sagt: "Wir lernen von einem Gottesdienst zum anderen."

Ob die Auswirkungen der Corona-Pause und der aktuellen Auflagen einen langfristigen Effekt auf die Besucherzahlen der Gottesdienste haben, ist schwer zu sagen. Zwar gebe es schon die Befürchtung, dass sich der eine oder andere in den vergangenen Wochen der Kirche "entwöhnt" hat, "aber wer die Bedeutung der Religion nur an den Besucherzahlen am Sonntag festmacht, der hat was nicht begriffen", sagt Matthias Hagen. Der Gang in den Gottesdienst sei nicht die einzige Möglichkeit, den Glauben zu leben: "Es gibt eine private Religiosität, die zu achten ist. Ich glaube, dass es ausgeprägte religiöse Bedürfnisse gibt, die aber anders ausgelebt werden, zum Beispiel im Gespräch zu Hause."