Claudia Jobst und Sonja Berger steigen aus ihren Fahrzeugen. "Spielt ihr wieder mit uns?", schallt es ihnen entgegen. "Nein, heute leider nicht", müssen sie die Kleinen enttäuschen. Eine Szene, die eindrucksvoll verdeutlicht: Die Kinder des Weismainer Asylbewerberheimes haben ihre Spielepatinnen von den Aktiven Bürgern ins Herz geschlossen.

Einmal im Monat kommen Sonja Berger aus Burgkunstadt, Kathrin Herold aus Lahm, Gabriele Richter aus Staffelstein und die evangelische Pfarrerin Claudia Jobst aus Buchau in die Einrichtung, um mit den Kindern zu malen, Brot zu backen, Lego oder Memory zu spielen. Kürzlich war sogar das Spielmobil des Landkreises da: Auf der Hüpfburg tobten sich die Jungen und Mädchen nach Herzenslust aus.

Armut, Krieg und Vertreibung waren über Jahre hinweg ihr steter Begleiter. "Sie haben eine Kindheit hinter sich, in der sie traumatische Erfahrungen gemacht haben", sagt Jobst. Man wolle und könne diese nicht behandeln. Vielmehr gehe es darum, mit den Spielenachmittagen Kontrapunkte zu setzen. "Die Kinder sollen Gastfreundschaft und Wertschätzung erleben", begründet Jobst ihr uneigennütziges Handeln.


"Unfreiwillig gestrandet"

Die Spiele sind aber auch eine Abwechslung vom tristen Heimalltag. Die Kinder würden, so Jobst, an einem lauten Ort, einem schwierigen Gefüge aus vielen Nationalitäten und unterschiedlichen Mentalitäten leben. "Die sind hier nicht im Urlaub, sondern unfreiwillig gestrandet", bringt es die Geistliche auf den Punkt.

Als vor rund zwei Jahren die ersten Frauen, Männer und Kinder aus aller Herren Ländern in das ehemalige Altenheim von Weismain eingezogen waren, machten sogleich auch die Aktiven Bürger ihrem Namen alle Ehre: Uneigennützig boten sie Deutschkurse an. Eine, die von Anfang an mit dabei war, ist die Weismainerin Dagmar Dietz, die von sich sagt: "Mit meiner ehrenamtlichen Arbeit möchte ich den Asylbewerbern ein Lächeln ins Gesicht zaubern."


"Den Grundstock gelegt"

Mit Stolz erfüllt sie die Tatsache, dass es an der Einrichtung seit kurzem auch einen offiziellen Deutschkurs gibt, der vom Beruflichen Fortbildungszentrum durchgeführt wird. "Wir haben sozusagen den Grundstock dafür gelegt." Und tun es auch weiterhin. Die ersten Gehversuche auf dem Parkett der deutschen Sprache unternehmen die ausländischen Mitbürger noch immer bei den Aktiven Bürgern.

Als am 1. April dieses Jahres von den Essenspaketen auf einen festen Geldbetrag umgestellt wurde, kam es in Weismainer Supermärkten zu Szenen wie diesen: Ashfaq Mohammed staunt. Eine solche Rübe hat es in seiner früheren Heimat Pakistan nicht gegeben. "Das ist Chicoree. Ein Gemüse, aus dem man wohlschmeckenden Salat machen kann. Aber auch gebraten schmeckt er sehr gut", klärt ihn Dietz auf.

Für die Weismainerin ist das ein Stück Freiheit, welches den Bewohnern Selbstbewusstsein schenke. "Sie kommen sich jetzt nicht mehr als Bittsteller vor", begrüßt die Weismainerin die Neuregelung.

Unter den Asylsuchenden weint niemand mehr den alten Essenspaketen nach. "Ich kann jetzt mehr Abwechslung in meinen Speiseplan bringen", freut sich Mohammed, der ein- bis zweimal in der Woche einkauft. Und Tigist Gurmu aus Äthiopien ist voll des Lobes: "Wenn ich etwas brauche, dann kaufe ich es mir. Ich bin jetzt viel flexibler."

Wie so oft im Leben lauern die Fallstricke im Detail. In Deutschland liest man von links nach rechts, im arabischen Raum hingegen von rechts nach links. "Das führte dazu, dass einer meiner Schützlinge beim Geldabheben eine falsche Geheimnummer eingegeben hatte. Nachdem ich ihn einmal daran erinnert hatte, dass man hier andersherum liest, hatte er den Kniff heraus", erzählt Dietz.


"Das ist eine Vereinfachung"

Nicht nur das Verpflegungsgeld, das es seit 1. April gibt, sondern auch das Taschengeld, das bislang in der Einrichtung bar ausgezahlt wurde, wird auf das Konto überwiesen. "Das ist eine Vereinfachung", freut sich Sozialpädagogin Monika Pottgiesser, die für die Betreuung der Heimbewohner zuständig ist. Im Falle einer Anerkennung, so Pottgiesser, hätten die ausländischen Mitbürger sogleich ein Konto. "Das ist wichtig, wenn sie beim Jobcenter Leistungen beantragen, oder sich auf Wohnungssuche begeben."

Supermärkte mit ihrem reichhaltigen Angebot kennen viele Asylbewerber nicht. "In Pakistan gibt es nur kleine Tante-Emma-Läden. Hier bekommt man Waren aus der ganzen Welt in großen Geschäften." Um sich in einem Supermarkt besser zurechtzufinden, begleitete Dietz die ausländischen Mitbürger bei ihren Einkäufen. Dabei erklärte sie ihnen unter anderem, was es mit den 30-Prozent-Artikeln auf sich hat und das sogenannte Bück- oder Streckware oftmals preisgünstiger ist.


"Integrationswillig"

Dietz ist beeindruckt vom Fleiß und der Integrationswilligkeit, den viele Asylsuchende an den Tag legten. Alles in Ordnung, möchte man meinen. "Mitnichten!", erwidert Dietz. Die lange Verfahrensdauer und die Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu erhalten, stören sie. "Wir Ehrenamtlichen strengen uns an, dass die Asylbewerber fit in Deutsch sind, aber beim Verfahren tut sich nichts", kritisiert die 71-jährige.