Als Ali und Mohammad sich erstmals auf den Weg zur Altenkunstadter Mittelschule machen, dann vermutlich mit einem höchst mulmigen Gefühl in der Magengegend. Eine völlig neue Welt, die sie dort erwartet. Fremde Mitschüler, fremde Lehrer. Menschen, mit denen die Jugendlichen sich nicht verständigen können, denn sie sprechen kein Wort Deutsch. Ein Zustand, der sich aber rasch ändern soll. Und das ist das Verdienst von Ulrike Knauer, die an der Bildungseinrichtung für den Förderunterricht zuständig ist.
"Eine Aufgabe, die viel Geduld erfordert, aber auch unheimlich viel Spaß macht. Es tut gut zu sehen, wie lern- und wissbegierig die Mädchen und Jungs sind", erzählt die Pädagogin.
28 Kinder von Asylbewerbern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und dem Iran macht sie derzeit mit der deutschen Sprache vertraut: "Und es werden ständig mehr". Hinzu kommen noch acht "fremdsprachliche Schüler" aus dem europäischen Raum, darunter aus Polen, Rumänien und der Ukraine.
Zu Beginn des Förderunterrichts gilt es stets, den Leistungsstand der Schüler zu ermitteln: Sind Buchstaben und Zahlen bekannt? Können die Kinder lesen? "Denn nur so bekomme ich einen Einblick und weiß, wo ich mit meinem Lehrprogramm ansetzen kann", betont Knauer. Ariana aus Rumänien spricht Englisch, Französisch und Russisch: "Das erleichtert natürlich die Arbeit. Allerdings sind solche Schüler eher die Ausnahme". In vielen Fällen bringt die Pädagogin den Schülern zunächst das Abc bei. Die Alphabetisierung ist ihr zufolge extrem wichtig, denn andere Sprachen bedienen sich oftmals auch einer anderen Schrift.


Mit Bildern und Computer

Die Kommunikation zwischen Lehrerin und Schülern ist anfangs alles andere als einfach: "Wir machen uns mit Bildern verständlich, und zum Glück gibt's ja noch den Übersetzungscomputer". Grußworte wie "Guten Tag" lernen die Jugendlichen schon in den ersten Stunden. "Das Tschüss beherrschen sie perfekt", schmunzelt Knauer. Danach beschäftigt man sich mit Fragen wie "Wie heißt du?", "Wo wohnst du?" und "Woher kommst du?"
Erste Erfolge stellen sich in der Regel schon nach zwei Wochen ein. Dann können Schüler und Förderlehrerin sich bereits mit einem Sprachlehrbuch, dessen Inhalte von einer CD unterstützt werden, beschäftigen. "Wir sprechen nicht nur Dialoge, sondern setzen diese auch spielerisch in Szene. Das beschert den Kindern und Jugendlichen Erfolgserlebnisse, die sie unbedingt brauchen." Als hilfreich empfindet Knauer spezielle Computerprogramme für Deutsch und verschiedene Fremdsprachen. Sie ermöglichen den Schülern ein interaktives, selbstständiges Arbeiten. In den Klassenzimmern steht ihnen dafür ein PC zur Verfügung: "Das erleichtert meine Bemühungen natürlich noch mehr".
Auch im Förderunterricht geht es nicht ohne Hausaufgaben. Und die erledigen die Kinder mit Begeisterung. Rassul macht seine gleich, wenn er nach Hause kommt. Und er ist nicht der einzige, der so eifrig ist. Im Unterricht gibt es nach jeder abgeschlossenen Lektion einen kleinen Test. Auch das gehört dazu: "Schließlich muss ich wissen, ob der behandelte Lernstoff auch verstanden worden ist". Ulrike Knauer, die in den vergangenen Wochen von den Praktikantinnen Katja und Maike unterstützt wurde, unterrichtet die 36 Schüler in sechs unterschiedlichn Gruppen. "Anfänger erhalten jeden Tag Unterricht, während bei den Fortgeschrittenen die Stundenzahl reduziert werden kann". Ein dem 21. Jahrhundert angepasster Unterricht, wo es auch um Themen der Jugend wie Internet und SMS geht. Eine Arbeitsmappe ermöglicht den Schülern der sechsten bis neunten Jahrgangsstufe ein eigenständiges Arbeiten in den Klassen. In der Altenkunstadter Mittelschule, die sich seit November 2013 "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" nennen darf, spielt Integration eine wichtige Rolle.


Zwei Tutoren

Deshalb gibt es in jeder Klasse zwei Tutoren, die sich fürsorglich der Asylbewerberkinder annehmen. "Sie sagen ihnen, wann Pause ist, wo zu Mittag gegessen wird oder das Büro der Schulsekretärin ist." Sie sind immer zur Stelle, wenn Rat und Hilfe gebraucht werden. Die ausländischen Schüler sind dankbar für die gute Aufnahme an der Altenkunstadter Mittelschule, wo sie niemals Ablehnung hätten spüren müssen.
"Wir haben sogar schon deutsche Freunde", freuen sich Rania und Hadi, der mit seinem Cousin Ali aus Afghanistan geflüchtet ist. Fortgeschrittene Schüler können Interessantes von ihrer Heimat erzählen. "Dann lerne ich von ihnen", gesteht Ulrike Knauer, denen das Wohl ihrer Schützlinge am Herzen liegt. "Ihre Erfolgserlebnisse sind auch meine." Und deshalb gibt's zur Belohnung zwischendurch auch mal eine "süße Überraschung".