Warum spricht eigentlich seit der Katastrophe von Fukushima alles von Windkraft und Solarenergie? Wind ist nicht immer vorhanden und die Sonne scheint auch nicht 24 Stunden am Tag. Wasser fließt dafür das ganze Jahr - 24 Stunden täglich. Warum also nicht Wasserkraft nutzen? Mühlen gab es schließlich schon im Mittelalter.
Das sieht auch Stefan Schneidawind so: "Ich halte es nach wie vor für eine interessante Energie." Der Prokurist der Städtischen Überlandwerke Coburg (SÜC) ist Befürworter der Wasserkraft - zum einen von Berufs wegen, denn er ist für die Wasserkraftwerke der SÜC zuständig, zum anderen auch aus persönlicher Faszination.

Aktuell sind elf größere Wasserkraftwerke im Kreis Lichtenfels in Betrieb. Eines wird derzeit gebaut. Rund 20 weitere kleine Wasserkraftwerke werden an Bächen betrieben. Die SÜC betreiben drei Wasserkraftwerke: in Oberwallenstadt und Hausen sowie die Kirschbaummühle, die am Mühlbach in Lichtenfels steht. Laut Schneidawind produzieren die drei SÜC-Wasserkraftwerke acht bis neun Millionen Kilowattstunden im Jahr. "Damit könnte ungefähr die Hälfte aller Lichtenfelser Haushalte mit Strom versorgt werden", sagt der Diplomingenieur. Insgesamt 1300 Kilowatt Leistung stecke in allen drei Werken.


Die Atomkraft änderte alles



"Wasserkraft war 1922 die maßgebliche Technik", sagt Schneidawind. Das war in dem Jahr, als in Oberwallenstadt begonnen wurde, Strom zu produzieren. Überhaupt wurde von 1890 bis 1940 die Wasserkraft massiv ausgebaut. "Es war die beste Form der Energieerzeugung im 20. Jahrhundert, bis die angeblich beherrschbare Atomenergie kam", sagt der Experte. Warum die SÜC in den 1920er Jahren auf die Kraft des Wassers gesetzt haben, beantwortet Schneidawind so: "Früher hat man einfach langfristig gedacht und auch denken dürfen."


Langfristige Investition



Aber mit der Atomkraft hat sich das geändert. Wasserkraftwerke sind im Vergleich schlicht zu teuer. Schließlich dauere es gut 15 bis 20 Jahre, bis sich ein Wasserkraftwerk amortisiert habe, sagt Schneidawind. Und so langfristig denke heute kaum einer mehr. 2007 musste eine Maschine im Wasserkraftwerk Oberwallenstadt ersetzt werden. Kosten: 800.000 Euro. In 15 Jahren ist sie wieder rentabel.

Doch die Technik könne sich auf lange Sicht durchaus lohnen, betont Schneidawind. Um das zu verdeutlichen, zeigt er gerne draußen vor dem Oberwallenstadter Gebäude den ausrangierten Generator, der geschlagene 84 Jahre lang zuverlässig Strom produziert hat.

Nicht nur die teure Technik ist das Problem, auch das Umweltbewusstsein hat sich verändert: "Wasserkraftwerke sind heute ökologisch umstritten." Naturschützer machten sich nämlich um die Fischbestände Sorgen. Immer neue Auflagen kämen hinzu, beklagt Schneidawind. In Hausen bauen die SÜC eine Umgehungsrinne, damit Fische das Kraftwerk passieren können. Will man ein neues Wasserkraftwerk bauen, so sind Eingriffe in die Flusslandschaft nötig, sagt Schneidawind. Neue Anlagen seien bestenfalls an bestehenden Wehranlagen erwünscht. Selbst dort seien die Genehmigungsverfahren langwierig, teuer und vom Ausgang Ungewiss, weil es sehr viele Bedenkenträger gebe. Das schrecke viele Investoren trotz großem Ausbaupotenzial ab.

Dabei ist die Wasserenergie ergiebig: "Die Maschinen sind 8500 Stunden im Jahr verfügbar", sagt Schneidawind. Bei ungefähr 8760 Stunden, die das Jahr hat, könne man das effektiv nennen. Nur rund 200 Stunden im Schnitt stünden die Maschinen still, ausgelöst durch Hochwasser. Bei Hochwasser fließen bis zu 800.000 Liter pro Sekunde den Main hinab. Dann verwandelt sich der Bereich um das Kraftwerk in einen einzigen See. Es fehlt bei Hochwasser schlicht das Gefälle um die Turbinen anzutreiben.


In extremen Sommern wird es eng



Bei Abflussmengen von 25.000 bis 30.000 Liter pro Sekunde sieht das anders aus: Mit diesen Wassermengen sind die Maschinen ideal ausgelastet - es wird dann der meiste Strom erzeugt. Kommt mehr Wasser, wird das nutzbare Gefälle kleiner. "In einem extremen Sommer wie 2003 sind nur noch 3500 Liter Abfluss pro Sekunde vorhanden", sagt Schneidawind. Zurzeit fließen rund 45.000 Liter pro Sekunde durch die Turbinen.

Dennoch: Betrachtet man die Stromproduktion von Wasserkraft in der Echtzeit-Netzauslastung auf der Homepage der SÜC, sieht man, wie konstant diese Form der Energiegewinnung ist. Ein gerader Strich ist zu sehen, der sich da über Tag wie Nacht hinweg zieht. Die Schwankungen bei der Photovoltaik dagegen sind deutlich zu erkennen. Auch wenn die Sonnenkraft mehr Energie in Spitzenzeiten erzeugen kann: Nachts scheint nun mal keine Sonne.

Seit der Katastrophe von Fukushima, seitdem also die Atomenergie in Verruf geraten war, und der Atomausstieg beschlossene Sache ist, wird auch die Wasserkraft wieder interessant. Sie ist in den Augen vieler nicht die Nummer eins unter den regenerativen Energien.

Strom aus Wasserkraft als bezahlbare Ökoenergie gewinnt aber an Beliebtheit: 581 Kunden nutzen den "Main-SÜC-Strom" inzwischen. 2003 waren es lediglich 50. Allein seit Fukushima sind 219 Kunden hinzugekommen.