Ein Ziel bedarf eines Bildes. Ein Ziel, um Ziel zu bleiben, bedarf einer Auffrischung dieses Bildes. Im Falle von Anke Schäfer und Karl-Heinz Jäger lautete das Ziel auf ein gemeinsames Leben. Das Problem: Anke Schäfer wohnte in Koblenz, Karl-Heinz Jäger in Wiesen. Ihr Lieblingsplatz am Obermain ist nun ein gemeinsamer, ein idyllischer noch dazu.
Vor wenigen Jahren begegneten sich die Koblenzerin und der Wiesener in Bamberg. Da hat's gefunkt. Man hat sich fest vorgenommen, in Kontakt zu bleiben. Abends, wenn die Sterne schienen, setzte sich der Wiesener auf die Bank am Wörthsee und überdachte, was da kommen möge und dachte an die Frau aus Koblenz. Zur selben Zeit betrachtete sich auch Anke Schäfer das Himmelszelt. Sie war mit Karl-Heinz Jäger verabredet. Derselbe bestirnte Himmel über ihnen, ein anderer Ort unter und neben ihnen. Ein gemeinsames Dach. Immerhin.
"Der Platz hat etwas Besonderes", sagt Karl-Heinz Jäger. Nahezu täglich sucht er ihn auf, weil es sich dort für ihn gut "sinnieren" lässt. Dabei setzt er sich auf die blaue Bank und betrachtet die Natur. Am Wörthsee ist die Natur unumgänglich und der Staffelberg voraus. Ein ruhiges Gewässer mit zwei Inseln, einem kleinen Sandstrand und einem idyllischen Dorf im Rücken. Eines Tages versprach Karl-Heinz Jäger seiner Freundin aus Koblenz, dass man einmal gemeinsam hier sitzen werde. Er hat ihr immer wieder die Landschaft beschrieben, die Hügel, Vierzehnheiligen, den Lindenkranz auf dem Veitsberg.
"Dieses Ziel hat mir Kraft gegeben", so Anke Schäfer. Die Versicherungskauffrau öffnete sich dem Gedanken eines Umzugs vom Weltkulturerbe Koblenz an den Obermain.
"Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl", sagt sie und fügt an, dass sich das Gefühl von Heimat bei ihr besonders auf dieser blauen Bank einstellt. Ein Ziel benötigt ein Bild. "Das ist, wie man Zukunft malt", wirft Anke Schäfer ein. Noch war ihr Ziel ein Bild, eine Darstellung, geschaffen in ihrem eigenen Kopf. Aber damit ein Ziel ein Ziel bleibt, bedarf es ab und an einer geformten Vergegenwärtigung.
Der Hauptschullehrer Karl-Heinz Jäger, Wiesener seit Geburt, formte sie. "Weil Worte irgendwann nicht mehr ausreichen zum Beschreiben", sagt die Neu-Wiesenerin. Mit einem Videofilm hielt er fest, was die Frau aus Koblenz, abgesehen von seiner Person, hier erwarten würde.

DVD zeigt die Naturschönheiten


Er filmte den See, verdichtete seine Eindrücke zu bewegten Bildern, kommentierte diese, hielt den Anblick der Natur fest - und brannte diese auf DVD. Scheibenform. Dann sandte er diese nach Koblenz. "Das Öffnen der Post wurde zelebriert, ganz bedacht", gibt Anke Schäfer zu verstehen. Das Video von der Umgebung, in der der Absender lebt, scheint ihr heute die Schnittstelle gewesen zu sein. Zwischen Hoffnung und Planungsphase. Ab jetzt erwog sie das Herziehen besonders ernstlich. Das Bild von der Bank und dem See und dem Drumherum hatte ihr gefallen. "Zuerst dachte ich, ein Dorf, so klein - das ist beengt. Aber auf dem Video sah ich die Weite (der Landschaft) und dass man hier atmen kann."
E-Mails und SMS müssen sich die beiden Wiesener nicht mehr senden. Sie können von Angesicht zu Angesicht miteinander reden. Täglich. Seit Juli 2011. Anke Schäfer sprang damals, zog von Koblenz und aus ihren Umständen heraus und an den Obermain nach Wiesen zu ihrem Wiesener Lebensgefährten. Am ersten Tag, an dem sie sich mit Karl-Heinz Jäger auf die blaue Bank gesetzt hatte, damals im Juli vor einem Jahr, "da habe ich geheult". Vor Glück und unter dem bestirnten Himmel.