1935 entstand im Südosten von Lichtenfels ein kleines Siedlungsgebiet, das zwei Jahre später zehn Häuser umfasste. Hauptachse war in Verlängerung des Friedhofswegs die damalige Horst-Wessel-Straße, heute Dr.-Wittmann-Straße.

Von ihr zweigten südlich zwei Sackgassen ab, die diesen Charakter erst nach dem Bau der Wittelsbacherstraße verloren. In beiden Straßen standen 1937 je drei Häuser. Die weiter von der Stadt entfernte Straße erhielt 1935 den Namen Nibelungenstraße. Das Nibelungenlied, wohl im frühen 13. Jahrhundert als Versepos entstanden, handelt von dem Ende des Reichs der Burgunden. Seit dem 19. Jahrhundert galt es als das deutsche Nationalepos schlechthin, der darin besungene Siegfried als Nationalheld. Besonders im Dritten Reich wurde es in diesem Sinne verstanden. Dies bildet wohl den Hintergrund für die Straßenbenennung.

Die Parallelstraße war ab 1935 einem Mitbegründer der NSDAP gewidmet, dem Schriftsteller Dietrich Eckart (1868-1923). Eckart, in Neumarkt i. d. Opf. geboren, nahm ein Medizinstudium auf, ohne es abzuschließen. Nachdem er das väterliche Vermögen durchgebracht hatte, lebte er ab 1899 als Autor in Berlin, dann in Bad Blankenburg, ab 1915 in München. Eckart verfasste kaum gespielte Theaterstücke, später zunehmend deutschnationale und antisemitische Hetzschriften. Seit 1921 war er Chefredakteur der Zeitung "Völkischer Beobachter", des Parteiblatts der NSDAP. Eckart förderte Hitler am Beginn seiner Parteikarriere und scheint die Bezeichnung "Führer" für ihn kreiert zu haben. Von ihm stammte der Schlachtruf der NSDAP: "Deutschland erwache!" Für Hitler war er in mehrfacher Hinsicht Ideengeber. Eckart starb kurz nach dem gescheiterten Hitlerputsch im Dezember 1923 an einer Herzattacke.

Hitler widmete ihm 1925 seine Bekenntnisschrift "Mein Kampf". Nach 1933 diente er vielfach als Namenspatron für Straßen und sonstige Einrichtungen. So war die heutige Berliner Waldbühne, 1936 eröffnet, ursprünglich nach Dietrich Eckart benannt. In einer von der Stadt Lichtenfels 1937 herausgegeben Liste der städtischen Straßen ist sein Name falsch geschrieben: "Eckhardt". Die Namensgebung für das neue Lichtenfelser Viertel stellte die Elaborate der braunen Autoren Eckart und Wessel mit dem hochmittelalterlichen Nibelungenlied auf eine Stufe. In der Deutung der damaligen Machthaber war offenbar eines wie das andere völkische Dichtung.

1945 behielt die Nibelungenstraße ihren Namen, während die beiden nationalsozialistischen Namensgeber weichen mussten. Dietrich Eckart wurde durch Abt Friedrich Wolf ersetzt. Vielleicht hatte der Bauunternehmer und Heimatforscher Hans Diroll (1871-1949) den Hinweis auf den neuen Straßenpaten gegeben. Diroll hatte sich nämlich mit der Geschichte des Klosters Langheim beschäftigt und dazu 1939 eine Broschüre veröffentlicht. Friedrich Wolf aus Lichtenfels wurde 1380 oder 1381 zum Abt des Klosters Langheim gewählt. Er trat in einer krisenhaften Zeit an die Spitze der Abtei im Leuchsental. Vom späten 12. Jahrhundert an hatte sie ungeheuren Grundbesitz erlangt, bis weit in den Frankenwald hinein. Seit etwa 1290 nahmen die Schenkungen ab. Nun kaufte das wohlhabende Kloster weiteren Grundbesitz hinzu, um vorhandene Liegenschaften abzurunden. Dabei scheint sich Langheim übernommen zu haben. Die Abtei stürzte in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Am Ende sah sich Abt Friedrich Wolf gezwungen, größere Besitzkomplexe im Frankenwald an den Bamberger Fürstbischof zu verkaufen: 1384 das Eigen (Markt-)Leugast, 1388 das Eigen Teuschnitz. Dies bedeutete in der Geschichte Langheims den größten ökonomischen Rückschlag. Schmerzlich war neben dem Verlust auch der Umstand, dass es sich um Ländereien handelte, über die der Abt weitgehend ohne Mitsprache des Fürstbischofs hatte gebieten können. Immerhin führte der Aderlass langfristig zu einer wirtschaftlichen Gesundung Langheims. 1390 wird Abt Friedrich Wolf letztmals genannt. Er legte spätestens 1393 sein Amt nieder und starb am 3. November eines unbekannten Jahres. Obwohl die Informationen über diesen Prälaten bescheiden sind und obwohl seine Amtszeit wenig glanzvoll war, genügte seine Herkunft aus Lichtenfels, um ihm die Straße zu widmen. Es drängte wohl 1945 die Zeit, und ein Name, der in eine ferne Vergangenheit wies, erschien nach den zurückliegenden Jahren vielleicht besonders geeignet. Neben Friedrich Wolf stellte in der über 670-jährigen Geschichte des Klosters Langheim die nahe Stadt Lichtenfels nur noch einmal einen Abt. Auch dieser, Johann Gagel, hatte das Kloster in einer schweren Zeit zu führen: Er wurde 1637, inmitten des Dreißigjährigen Kriegs, von seinen Mitbrüdern gewählt und starb gegen Kriegsende am 20. Juni 1649. An ihn erinnert allerdings keine Straße in seiner Heimatstadt.