Noch 79 unbesetzte Ausbildungsstellen gibt es momentan im Landkreis, aber nur 61 Bewerber, die noch einen Ausbildungsplatz suchen. Das geht aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervor. "Die Bewerberzahlen gehen aufgrund der demografischen Entwicklung zurück. Der Konjunktur aber geht gut, deshalb werden mehr Azubis gesucht", erklärt Peter Schirmer, Leiter der Abteilung für berufliche Bildung bei der Handwerkskammer Oberfranken. "Tatsächlich wird es deshalb zunehmend schwieriger für Betriebe, geeignete Azubis zu finden."
Diese Entwicklung trifft auch Bäckermeister Mathias Söllner aus Lichtenfels. "Für das anstehende Lehrjahr hab ich bis jetzt keine einzige Bewerbung für die Produktion bekommen", erzählt er. "Früher waren es schon so fünf bis zehn. Das hat sich geändert." Der Direktor der Berufsschule für Bäcker in Kronach habe schon gewarnt, dass die Klassen nicht mehr voll würden.
"Und das bei Lehrlingen aus vier Landkreisen: Lichtenfels, Coburg, Kronach und Kulmbach."
Auch Wilhelm Wasikowski spürt die Veränderung. Der Vizepräsident der IHK Oberfranken und Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels leitet ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, das in Lichtenfels Möbelbauteile und Warenpräsentationssysteme herstellt. "Leicht ist es nicht, geeignete Kandidaten zu finden. Ich merke das auch hier bei uns in der Firma", sagt er. In manchen Sparten mache sich das allerdings deutlicher bemerkbar als in anderen. "Für die kaufmännischen Berufe haben wir mehr Bewerber, im Bereich Schreiner und Holzmechaniker wird es schon schwieriger."

Einzelhandel ist beliebt

Die von Bewerbern im Landkreis am meisten nachgefragten Ausbildungsberufe sind tatsächlich solche im kaufmännischen Bereich, das zeigt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Auf Platz eins steht der Einzelhandelskaufmann, gefolgt vom Industriekaufmann und Bürokaufmann. Diese drei Berufe entsprechen auch den beliebtesten Berufen der weiblichen Bewerberinnen, während die Jungs am häufigsten Industriemechaniker und Kfz-Mechatroniker als Wunschberuf angaben.
"Ob es für eine Ausbildungsstelle viele Bewerber gibt oder nicht, hängt von mehreren Faktoren ab: von den Ausbildungsinhalten und der Tätigkeit an sich natürlich, aber auch davon, ob der Betrieb mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist, oder wie es mit der Vergütung aussieht", erklärt Peter Schirmer. "Auch die Arbeitsbedingungen sind entscheidend: Etwa die Arbeitszeiten oder die unmittelbare Arbeitsumgebung."
Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden, hätten Firmen zum Beispiel im Hotel- und Gaststättenbereich, im Einzelhandel oder für den Beruf des Berufskraftfahrers, erklärt Wilhelm Wasikowski . Auch der Bereich Nahrungsmittelproduktion gehöre nicht zu den beliebtesten, so Schirmer von der Handwerkskammer. "Nicht jeder mag es, mit Fleischwaren umzugehen, oder will so früh aufstehen, wie ein Bäcker es muss."
Mathias Söllner kann davon ein Lied singen. "Es ist eben schon ein harter Beruf. Oder vielmehr: Es ist der schönste Beruf, aber mit den unmöglichsten Arbeitszeiten." Und diese haben sich noch verschärft, seit es das gesetzliche Nachtbackverbot nicht mehr gibt. "Als ich 1975 mit der Ausbildung angefangen habe, wurde erst ab 4 Uhr gebacken." Inzwischen darf schon früher angefangen werden. "Das bedeutet, dass man auch früher anfangen muss, da es die Konkurrenz ja auch tut." Um 1.30 Uhr geht der Betrieb in Söllners Backstube los, er selbst kommt um 2.30 Uhr, der Azubi etwas später. "Mit einem normalen Sozial- und Familienleben wird's da schwierig." Man schläft, wenn andere wach sind, und hat frei, wenn andere arbeiten. Vorteile habe das aber auch, betont Söllner. "In jedem Freibad hast du mittags unter der Woche Platz ohne Ende."
Doch diese Vorteile überzeugen immer weniger Schulabgänger. Und das, obwohl Söllner von Bewerbern nicht einmal Top-Zeugnisse verlangt. "Schulnoten sind mir nicht so wichtig." Er achte eher auf die schriftliche Bemerkung im Zeugnis und auf das Auftreten im Vorstellungsgespräch. "Es kommt darauf an, ob einer den Willen hat, den Beruf zu lernen." Über 100 Lehrlinge hat er bisher ausgebildet. "Da hat man im Gefühl, ob einer passt oder nicht."
Inzwischen, so scheint es, liegt es aber immer mehr in der Hand der Bewerber, zu entscheiden, was für sie passt. "Es entsteht regelrecht ein Wettbewerb um gute Azubis zwischen Handwerk, Handel und Industrie", sagt Peter Schirmer. Wilhelm Wasikowski bestätigt dies. "Die Unternehmen in der Region brauchen Fachkräfte, wenn sie langfristig wettbewerbsfähig bleiben wollen. Dafür müssen sie ausbilden. Der Ausbildungsmarkt ist ein Bewerbermarkt geworden."
Um Schulabgänger für sich zu gewinnen, müssten Betriebe erkennen, dass Nachwuchsgewinnung Chefsache sei, sagt Schirmer. "Viele haben das schon getan. Sie präsentieren sich auf Ausbildungsmessen, nutzen die modernen Medien, und gehen aktiv auf Schulen zu, um Praktika anzubieten."
Auch Mathias Söllner steht in Kontakt mit der Kolbe-Förderschule und mit der Jugendberufshilfe, die ihm schon manchen Schüler empfohlen haben. Er ist zuversichtlich, dass er auch für dieses Lehrjahr noch einen Azubi finden wird. "Wenn die einen geeigneten Bewerber für mich haben, nehm ich den gerne."