Ständig sind sie in seinem Kopf. Gerade am Wochenende oder wenn er sonst Zeit hat, fährt Uwe Fischer mit dem Auto durch die Gegend und schaut sich Dächer an. Am liebsten hat er die ganz großen, die viel Fläche bieten, die schön von der Sonne angestrahlt werden. Schöne große Dächer? Das ist kein Fetisch des 47-Jährigen, sondern hat einen praktischen Hintergrund. Wie eigentlich alles, was Uwe Fischer macht.

Fischer ist ein Realo


Der Elektroingenieur ist ein praktisch denkender Mensch, ein Realo, wie er sagt. Einer, den schon immer Technik interessiert hat und Wirtschaftlichkeit von Technik. Speziell interessiert er sich für erneuerbare Energien. Was heißt interessiert? Fischer ist fasziniert, der zweifache Familienvater wird hibbelig, wenn er von erneuerbaren Energien spricht - momentan vor allem, wenn es um Photovoltaikanlagen geht. Die will er möglichst auf vielen Dächern sehen. Schließlich ist er technischer Kopf und Vorsitzender der vor gut einem halben Jahr gegründeten Bürgerenergiegenossenschaft Neue Energie Obermain eG - kurz: Neo.

Der Zusammenschluss aus Bürgern im Landkreis Lichtenfels ist nicht der einzige in Zeiten nach der offiziellen Verkündung der Energiewende. Die Bürgergenossenschaft Energiewende Erlangen und Erlangen-Höchstadt eG (Ewerg) hat sich im Februar eine Satzung gegeben. Die Bürger-für-Bürger-Energie eG im Landkreis Forchheim wurde im Mai gegründet.

Leute wie Uwe Fischer sind es, die sich für ihre Heimat einsetzen und die Genossenschaften ins Leben rufen. "Ich lebe gerne hier, wir haben eine schöne Landschaft. Ich genieße das", sagt Fischer. Die Landschaft soll nach seinem Geschmack auch weiter erhalten, gleichzeitig die Wertschöpfung in der Region bleiben. Dafür setzen sich die Bürger unterschiedlichster Couleur ein.

Andrea Starker, eine Vorstandskollegin von Fischer, ist keine Energie-Expertin. "Ich hab nur seit fünf Jahren eine Photovoltaikanlage auf dem Dach", sagt die 57-Jährige, die eigentlich Medizinerin ist. Mehr wusste sie darüber bisher nicht, doch mit dem Vorankommen der Energiewende steigt auch das Wissen um die Technik. Starker kann inzwischen ziemlich gut über die Nabenhöhe bei Windkraftanlagen und die Veränderung der Windgeschwindigkeit referieren. So mischen sich diejenigen in den Bürgergenossenschaften, die Ahnung haben, mit denen, die keine haben, aber mindestens genauso begeistert sind.

Uwe Fischer interessiert sich schon seit 15 Jahren für erneuerbare Energien. Ein Auslöser war für ihn die Windkraftinitiative in Sassendorf bei Bamberg. Damals hatten sich Bürger gegen die geplante Errichtung eines Atomkraftwerks in Viereth gewehrt - und ihre eigene Windkraftanlage aufgestellt.

Fischer hat das beobachtet. Und war so begeistert, dass er kurz nach seinem Studium - er war damals knapp über 30 - mit ein paar Freunden selbst ein solches Projekt angehen wollte. Ein eigenes Windrad. Ein Traum, der in eine Bauvoranfrage für den Frankenwald mündete. "Es war ein wenig blauäugig", gibt Fischer heute zu. Eine Million Deutsche Mark hätte das Projekt den jungen Elektroingenieur und seine Freunde gekostet. Doch so weit kam es nicht. Es wurde eine Bürgerversammlung einberufen. "Die hätten uns fast geteert und gefedert", sagt Fischer. "Wir haben eingesehen, dass man das nicht gegen den Willen der Bürger durchsetzen kann." Fischer ließ die Finger davon. Doch ein Windrad ist heute noch ein Traum geblieben.

Einen Vorschlag für eine Standfläche auf dem Jura hat die Neo nach Infoveranstaltungen für die Bürger vor Ort bei der Regierung von Oberfranken eingereicht. Jetzt wartet Vorsitzender Fischer zusammen mit seinen Energiegenossen und konzentriert sich in der Zwischenzeit auf Photovoltaik.

Dach mit 1000 Quadratmetern


Es wird Zeit für das erste Dach. Das ist auch letztlich die Verpflichtung, die Fischer und seine Vorstandskollegen gegenüber den 139 Mitgliedern haben. Das erste Projekt: Ein schönes, großes Dach auf der Halle von Bauunternehmer Bodo Gutgesell in Michelau bei Lichtenfels. Gutgesells Dach hat 1000 Quadratmeter. Eine gute Größe für den Anfang, aber nicht groß genug auf Dauer. Uwe Fischer verzieht das Gesicht. "Ich hab's mal ausgerechnet", sagt er oben auf dem Dach bei der Anlage.

Für 17 oder 18 Haushalte dürfte die 70-Kilowatt-Anlage Strom produzieren. Fischer will mehr. Er zeigt auf die andere Seite. "Den hab' ich schon gefragt", den Nachbarn der Baufirma, der auch ein schönes großes Dach hat. Doch der wollte nicht. Wie viele andere, bei denen er geklingelt hat. "Auf uns kommt keiner zu." Das muss er schon selbst übernehmen, sagt Fischer. Er hält weiter Ausschau nach den großen schönen Dächern. Es ist seine Wende.


Energiegenossenschaften
In Energiegenossenschaften schließen sich Bürger zusammen, um Photovoltaikanlagen, Windräder oder Biogasanlagen zu errichten. Sie sind basisdemokratisch organisiert und wollen durch selbstfinanzierte lokale Projekte Strom abseits der Konzerne produzieren.

Mitglieder
Jeder kann sich beteiligen, wenn er einen Anteil von (meist) mindestens 500 Euro zeichnet. Ein Mitglied wird an der Rendite beteiligt.

Gründungen
Laut Bayerischem Genossenschaftsverband wurden 2009 in Bayern 22 Energiegenossenschaften gegründet. Allein im ersten Halbjahr 2012 waren es schon 34. In Bayern gibt es insgesamt 158, in Franken 70.