Das Weismainer Rathaus steht im Fokus: Die lange erstrebte Sanierung scheint zum Greifen nah, und das Nachbarhaus soll weitere Räume aufnehmen und der Erschließung der Obergeschosse dienen.

Ein Architektenwettbewerb hat sehr unterschiedliche Konzepte für die Bauten geliefert. Bemerkenswert ist, dass das Rathaus gar nicht als öffentliches Gebäude, sondern als Privathaus errichtet wurde. Bis ins 18. Jahrhundert stand das Weismainer Rathaus wohl etwa an der Einmündung der Burgkunstadter Straße auf den Marktplatz. Durchs Erdgeschoss führte eine große Durchfahrt, daneben befanden sich die Verkaufsstände für Bäcker und Metzger. Das Obergeschoss barg vermutlich einen Saal. Erst 1765 kaufte die Stadt das über 200 Jahre alte, hoch aufragende Gebäude in der südlichen Häuserreihe am Markt. Seither nutzt sie es als Rathaus.

Erste Sitzung im Juni 1765

Zum ersten Mal tagte der Stadtrat am 26. Juni 1765 in diesem Gebäude. Der Bauherr dieses Hauses war der Weismainer Bürger Moritz Neydecker. Er war um 1502 geboren. Sein Vater galt als reich, vor allem dank seiner Ehe mit der wohlhabenden Bamberger Goldschmiedstochter Kunigunda Rockenbach. Auch von Moritz Neydecker sagte der Stadtrat noch Jahre nach seinem Tod, er habe "von Gott die Gnadt gehabt, daß er wegen seines hohen Verstandts und grossen Vermogens mehr alß ein ander gemeiner Burger gewesen". Ihm gelang es, das ererbte Vermögen noch erheblich zu mehren. Wir wissen, dass er im Hundschich eine Öl-, Schleif- und Walkmühle baute und dass er in Arnstein und Wölkendorf mehrere hundert Schafe hielt. In oder bei Kronach nannte er eine Schneidmühle sein Eigen. Wir wissen, dass er Geldgeschäfte machte; sogar der Bamberger Fürstbischof gehörte zu seinen Gläubigern.

Sein Bruder war Paul Neydecker, der von 1505 bis 1524 in Rom lebte, dort den Grad eines Doktors erlangte. Er war an der päpstlichen Kurie tätig und vertrat zugleich die Interessen des Bamberger Bischofs in der Ewigen Stadt. Zurück in Bamberg, empfing er die höheren Weihen und bekleidete für vier Jahrzehnte, bis zu seinem Tod 1565, die Aufgabe des Generalvikars. Auch für ihn lassen sich Geldgeschäfte im großen Umfang nachweisen, und er hatte sogar Kontakt zum Augsburger Bankhaus Fugger. Moritz Neydecker zeigte den Rang und Reichtum seiner Familie, indem er sich 1543 ein Wohnhaus in zentraler Lage bauen ließ, das mit 26 Meter Firsthöhe alle anderen Bürgerhäuser weit überragte und die Silhouette der Stadt Weismain prägte. Hier residierte er bis zu seinem Tod am 21. April 1573. Er wurde in der Pfarrkirche beigesetzt. Aus zwei Ehen hatte Moritz Neydecker mindestens 14 Kinder, von denen aber neun früh starben. Während die erstehelichen Kinder nach Bamberg übersiedelten, erbte das Weismainer Haus ein Sohn aus zweiter Ehe: Wolfgang Neydecker. der 1585 kinderlos starb.

Fortan gehörte das stattliche Renaissance-Gebäude einer Erbengemeinschaft. 1650 erwarb der Langheimer Abt Mauritius Knauer das Haus. Er war bekanntlich ein gebürtiger Weismainer; seine väterliche Großmutter entstammte sogar der Familie Neydecker. Die Schicksale des Konvents im Dreißigjährigen Krieg hatten Knauer wohl gelehrt, dass Langheim für Notzeiten eine Fluchtstätte in einer befestigten Stadt der Umgebung brauchte. Primär sollte es wohl als Stadthof wirtschaftliche Funktion für das Kloster haben, aber wohl auch als Rückzugsort für die Mönche in unsicheren Zeiten dienen. In dem stattlichen Haus hatte schon während des Krieges zeitweilig Knauers Vorgänger, Abt Johann Gagel, gelebt.

Der Kauf des Neydecker-Hauses weckte das Misstrauen der bambergischen Behörden, mit denen Knauer ohnehin auf Kriegsfuß stand. So hielt der adlige Amtmann von Niesten im Januar 1652 dem Weismainer Rat vor, er müsse den Fürstbischof unterrichten, denn Knauer habe das Haus "verborgner Weiß" erworben, und dieser Besitzerwechsel werde Schaden für das Hochstift Bamberg und die Stadt Weismain mit sich bringen. Der Abt habe bereits zwei zum Anwesen gehörige Äcker verkauft; offenbar argwöhnte der Amtmann, Knauer wolle das Anwesen zerschlagen, weil es ihm auf das Gebäude, weniger auf die zugehörigen Grundstücke ankomme. Doch ist im Ratsprotokollbuch nicht mehr von der Angelegenheit die Rede.

Bamberg unternahm also wohl nicht den Versuch, den Kauf des Hauses durch Langheim rückgängig zu machen. Über ein Jahrhundert lang blieb das dominierende Profangebäude der Stadt in der Hand des Zisterzienserklosters. Dann verkaufte das Kloster es an den Schneider Johann Georg Schnapp, von dem es am Ende die Stadt erwarb.

Durch den Dachreiter, das Glockentürmchen auf dem Giebel, wurde nun die neue Funktion sichtbar gemacht. Über dem Haupteingang wurden die Wappen des Bamberger Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim, des Oberamtmanns und der Stadt an die Wand gemalt. Ein Rathaus war vom 18. bis ins 20. Jahrhundert kein bloßes Verwaltungsgebäude. Vielmehr nahm der dreigeschossige Bau verschiedene Nutzungen auf. Im Erdgeschoss fanden Stadtwaage, der Raum für die Waffen der Bürgerschaft und die Wohnung eines Lehrers ihren Platz. Im ersten Stock brachte man neben dem Ratszimmer und der Registratur noch die Mädchenschule unter. Im zweiten Obergeschoss wurden weitere Schulräume eingerichtet, und der Dachboden diente als Getreidespeicher. Im hofseitigen Seitenflügel wurden 1792 Malzdarren eingerichtet. Als Weismain 1907 ein Heimatmuseum erhielt, wurde es im Rathaus platziert, wo es sich bis kurz nach der Jahrtausendwende befand.

Ein Lehrer beschrieb 1914 die Situation im Rathaus wie folgt: "vom Keller benützt der Lehrer einen Teil, die anderen Teile sind vermietet, parterre ist das städtische Museum und 1 kleine vermietete Wohnung, im Hofraum ist die Gemeindemalzdarre. Haustüre steht Tag und Nacht offen. Schulabort und Schulgarten des 2. Lehrers hinter dem Haus. Im 1. Stock das Gemeindesitzungszimmer, die Registratur und 2 vermietete Zimmer, die Aborte der Lehrer und die aus 3 Zimmern bestehende Wohnung des 2. Lehrers, im 2. Stock die beiden Lehrsäle und 2 weitere Zimmer des Lehrers, in den Bodenraum teilt sich der Lehrer mit der Gemeinde und 1 Mieter." Die Nutzung des Rathauses für Schulzwecke währte bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Der stolze Renaissancebau soll nun besser erschlossen werden.

Wird's ein schlichter Baukörper?

Zu diesem Zweck wird voraussichtlich das Nachbarhaus neu errichtet werden. Hierbei wird es darauf ankommen, dass sich dieser Neubau gegenüber dem Rathaus, das seit fast einem halben Jahrtausend das Stadtbild prägt, zurücknimmt.