Werner Karl ist Autor aus Leidenschaft. Etliche Fantasy- und Science Fiction-Romane hat er in den vergangenen Jahren vorgelegt, die er im Selbstverlag herausgibt. Wir sprachen mit ihm darüber, wie er seine Themen findet und welche Tipps zum Veröffentlichen er einem jungen Autor geben kann, der noch nichts publiziert hat, damit er nicht einem unseriösen Anbieter auf den Leim geht.

Frage:Herr Karl, gleich zu Beginn die Frage: Sie schreiben Fantasy und Science Fiction-Romane. Was hat das mit Landleben zu tun? Werner Karl (lacht): Sehr viel. Gerade wenn man als Autor im phantastischen Genre arbeitet, sollte man die Bodenhaftung zur realen Welt nicht verlieren.

Warum?

Im Grunde ist man in diesem Genre ein Weltenschöpfer: Fremde Planeten, skurrile Landschaften und vor allem exotische Lebewesen sollten für den Leser noch vorstellbar sein. Die Glaubwürdigkeit außerirdischen Lebens - und damit die Glaubwürdigkeit der Geschichte, die ich erzählen will, muss nach meinem Verständnis auf einer reellen, zumindest möglichen Biologie, Chemie, allgemein eben Natur basieren. Außerdem bietet es beständig die Chance, den Leser zu überraschen, zu faszinieren und in andere Welten und Gesellschaften zu führen.

Und wie spielt da ihre Heimat, der Landkreis Coburg, eine Rolle?

Eigentlich wie jede ländliche Umgebung überall in Deutschland oder auf der Welt. Man geht vor die Tür und hat alles direkt vor sich: Gerüche, Pflanzen, Tiere, Landschaften, ein deutlich intensiveres Erleben aller möglichen Wettersituationen. Ich gehe regelmäßig alleine spazieren und lasse meine Sinne alles aufsaugen, was das Land zu bieten hat. Ich fasse die Erde an, rieche daran, fühle Oberflächen von Pflanzen. Und dann spinne ich einen Gedanken weiter, frage mich, wie es wäre, wenn zum Beispiel diese Pflanze, dieses Tier anderen Umweltbedingungen ausgesetzt wäre; Charles Darwin lässt grüßen.

Und das funktioniert in einer Stadt nicht?

Ich bin in Nürnberg geboren und stolz auf meine Geburtsstadt, ich lebte 30 Jahre dort. Nein, einer Stadt fehlt es schlicht an Ruhezonen. Höchstens ein Park, der gerade schwach bis gar nicht von Besuchern frequentiert wird, kann hier mit dem Land konkurrieren. Natürlich gibt es tolle Romane des Genres, die in zukünftigen oder extraterrestrischen Städten spielen. Aber das Land bietet weitaus mehr Reize für meine Ideenfabrik, mein Gehirn.

Können Sie uns ein Beispiel nennen? Praktisch in Sichtweite meines Wohnortes liegt der Staffelberg, eingebettet zwischen Kloster Banz und Vierzehnheiligen. Vor etwa 2000 Jahren unterhielten auf diesem dreistufigen Tafelberg die Kelten eine befestigte Siedlung; von dem griechischen Historiker Ptolemäus später Menosgada benannt. Menos steht für den Main, der zu Füßen des Berges fließt, gada steht für feste Siedlung oder befestigte Stadt. Die Archäologen wissen leider nicht genau, warum die Kelten diese exponierte Stellung aufgegeben haben. In meinem gleichnamigen Roman "Menosgada" lasse ich die Leser eine Geschichte erleben, die natürlich fiktiv, eben ein Fantasy-Roman ist; allerdings mit historischem Hintergrund.

Das können wir nachvollziehen. Aber wie sieht das mit ihren Science Fiction-Romanen aus?Sie haben gerade den dritten Teil Ihrer "Black Ice"-Reihe veröffentlicht. Die Einzeltitel "Odyssee", "Aevum" und nun "Hydra" machen es uns schwer, hier Bezüge zum Landleben zu entdecken.

Wie ich schon erwähnt habe, muss man sich gerade bei der Gestaltung fremder Zivilisationen an nachvollziehbare Dinge halten, sonst nimmt einem die Leserschaft die Handlung nicht ab. Nehmen wir zum Beispiel meine außerirdische Rasse der Mazzar. Diesen Krötenabkömmlingen habe ich eine Religion und Gesellschaftsstruktur gegeben, die ihre Wurzeln im Verhalten real existierender Kröten und Frösche hat: Bewegungen, Laute, Gesten und Mimik. Und wenn man sich die Vermehrungsrate - bei ungestörten Bedingungen - vorstellt, kommt man schnell zu dem Umstand, dass das Leben eines einzelnen Mazzars nicht viel wert zu sein scheint.

Wie passt da eine Hydra hinein? So lautet der Titel Ihres brandneuen Romans.

Ich bin ein großer Freund von what-you-see-is-what-you-get. Das hat mit meiner Grundeinstellung hinsichtlich Ehrlichkeit zu tun. Meine Leser bekommen das, was auf dem Cover steht und zu sehen ist. Ich mag die Tricks mancher Verlage nicht, die z. B. auf dem Cover verschweigen, dass der Interessent gerade Teil 8 einer Reihe in der Hand hält. Wenn der Leser so ein Buch kauft und liest, versteht er nur Bahnhof, da ihm die Vorgänger und damit das Verständnis fehlen. Ich bin hier für eine glasklare Aussage. Name ist Programm. In dem Roman kommt aber nicht nur eine Hydra vor, sondern eine Menge, eine ganze Menge. Und auch für sie habe ich ein komplettes Milieu erschaffen, dass sogar noch in einer anderen Dimension liegt, im "Nexus", was übrigens der Titel des Abschlussbandes der Reihe ist, an dem ich gerade arbeite.

Apropos Verlag. Sie sind Selbstverleger, also ein Autor ohne Verlag. Warum?

Ganz einfach: Als freier Autor hat man eben alle Freiheiten, die einem sonst von einem Verlag vorgeschrieben, manchmal sogar diktiert werden. Wenn man keine Berühmtheit wie zum Beispiel Ken Follet oder Joan K. Rowling ist, hat man so gut wie kein Mitspracherecht bei der Covergestaltung, beim Klappentext und anderen Dingen. Oft genug wird einem auch in den Text selbst hineingeredet. Die Folge davon ist, dass es Genre gibt, welche die gleiche Grundidee zig Mal durchkauen und immer auf der gleichen Welle schwimmen. Entschuldigung, das empfinde ich als langweilig. Ich will meinen Fans neue Leseerlebnisse verschaffen, sie möglichst oft überraschen und mit unerwarteten Wendungen konfrontieren.

Was meinen Sie konkret damit? Beispiele?

Sehr gern. Nehmen wir meinen ersten Roman, "Druide der Spiegelkrieger". Er spielt in dem von den Römern besetzten Britannien. Ich habe da eine der Hauptfiguren sterben lassen ... und das auf eine besonders grausame Art; dazu noch einen Cliffhanger verpasst, der schockiert. Das hätte ein Verlag niemals zugelassen - schon gar nicht bei einem Erstlings-Roman. Oder nehmen wir "Odyssee - Black Ice I": Der Roman beginnt mit einem Epilog, einem Nachwort. Manche mögen das für einen Fehler meinerseits oder des Lektorats halten, das ist es aber nicht. Ich sage nur so viel: Alles hat ein Ende, nur die Wurst ... äh, die Science Fiction kann zwei haben. Denken Sie mal an Zeitreisen und ähnliches. Dinge, die in der "SciFi" gang und gäbe sind. Ein Verlag hätte auch hier protestiert und den Gag wahrscheinlich nicht verstanden. Gibt es denn auch Nachteile als Selfpublisher, als freier Autor?

Nun ja, als Nachteil würde ich natürlich das fehlende Verlagshonorar sehen. Noch vor zehn Jahren konnten sich auch Neu-Autoren einer gewissen Unterstützung beim Marketing erfreuen. Das hat sich leider massiv gewandelt. Die Verlage stecken den Löwenanteil ihres Marketingbudgets in wenige Midlist- und noch weniger Spitzenautoren. Die Logik daran ist, dass die Kunden zu dem greifen, was sie kennen. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland allein in 2019 über 75 000 neue Bücher erschienen sind, davon etwa ein Drittel Belletristik, dann geht es nur um eines: auffallen um jeden Preis. Da tut man sich als freier Autor natürlich schon schwer. Ich habe jedoch Gott sei Dank zuverlässige Testleser, Korrektoren, Lektoren und vor allem Cover-Designer, auf deren Beiträge ich zählen kann; und das für relativ kleines Geld. Aber alle Marketingmaßnahmen muss, darf, kann und will ich selbst durchführen. Wie vertreiben Sie dann - ohne Verlag - Ihre Titel? Natürlich auf den einschlägigen Online-Verkaufsplattformen wie Amazon, Neobooks und tolino media; insgesamt sind alle meine Titel als E-Book und Taschenbuch in etwa 60 Online-Shops zu finden. Letztere ist sozusagen das deutsche Pendant zum Riesen Amazon. Etwa ein Dutzend Größen der deutschen Buchbranche, zum Beispiel Bertelsmann, Thalia, Hugendubel, Osiander, Mayersche, die Deutsche Telekom oder Weltbild, versuchen hier ein Gegengewicht aufzubauen. Außerdem bin ich in einem halben Dutzend Buchhandlungen in meiner Heimat in den Regalen zu finden. Am liebsten habe ich aber den Verkauf bei Lesungen und Vorträgen; da kann ich mich direkt mit meinen Lesern austauschen und neue Kontakte knüpfen.

Unsere letzte Frage: Wie halten Sie es mit Vorträgen?

Das ist sozusagen mein kollegialer Beitrag für Menschen, die mit dem Schreiben beginnen wollen und nicht wissen, was da alles auf sie zukommt oder wie sie starten, und vor allem: durchhalten können. Ich halte Vorträge über Selfpublishing, unter anderem an der Volkshochschule Coburg. Ich hatte mir zu Beginn meiner Autorentätigkeit eine To-do-Liste zusammengestellt, die sich im Laufe der Jahre zu einem Ratgeber entwickelt hat: "Autor werden, Autor sein, Autor bleiben". Darin sind viele Fettnäpfchen aufgeführt, in die ein unerfahrener Autor treten kann, dazu viele Schreibtipps und bislang über 60 Marketingmaßnahmen. Aktuell ist die vierte Ausgabe des Ratgebers - erstmalig auch als Taschenbuch - erhältlich. Das Gespräch führte Matthias Einwag.