von unserem Mitarbeiter Josef Motschmann

Aufrufe zum Spenden von Wollsachen für die Soldaten an der Ostfront waren an den letzten Tagen des Jahres 1941 immer wieder in den Zeitungen zu lesen. Am 31. Dezember lautete die Schlagzeile: "Wollsachen aus unserem Gau rollen zur Front." Meldungen von Kämpfen vor Moskau bei Minustemperaturen von 35 Grad schockten die Angehörigen zu Hause und unterstrichen die Notwendigkeit solcher Sammelaktionen.

Viele Gefallene


Am 22. Juni war die deutsche Armee in die Länder der Sowjetunion einmarschiert. Nach den "Blitzkriegen" gegen Polen und Frankreich sollten "die Bolschewisten ebenfalls überrannt" werden und Adolf Hitler träumte davon, schon im Herbst die Siegesparade in Moskau abnehmen zu können. Doch "Väterchen Frost" und die sowjetische Armee zeigten dem Größenwahn der Nationalsozialisten die Grenzen auf. Wochenlang dominierten Schlagzeilen wie "Schwere Verluste der Sowjets" oder "Feindliche Ausbruchsversuche zerschlagen", doch auch in den Zeitungen am Obermain häuften sich die "Heldentod"-Anzeigen von Woche zu Woche. In manchen Häusern wurde in der Stube das Bild des "Führers" abgehängt und dafür das Bild des gefallenen Sohnes oder Ehemanns angebracht.
In der Woche vom 28. Dezember bis zum 3. Januar war die Verdunkelung der Häuser von 17.24 bis 9.15 Uhr am Morgen verordnet. Unterstrichen wurde die Vorschrift mit dem Slogan: "Wer schlecht verdunkelt, zeigt dem Feind den Weg."
In den Kinos am Obermain wurde der Film "Jud Süß" gezeigt, organisiert "mit dem besten Beiprogramm" von der Gaufilmstelle der NSDAP. Abschreckende Wirkung sollten Berichte von "Zuchthausstrafen für Volksschädlinge wegen Schwarzschlachtens" nach sich ziehen.
In den meisten Dörfern und Städten wurden im November und Dezember "Volksversammlungen" abgehalten. So lud Ortsgruppenleiter Johann Weber in den Gick'schen Saale nach Schwürbitz ein zum Vortrag "Wo Adolf Hitler führt, da ist der Sieg". In Altenkunstadt hatte man den Vortrag im Müller'schen Saale mit der Erwartung verknüpft, "dass kein Haushalt sich ausschließt, um zu hören, was jetzt vor sich geht."
Feiern zur Wintersonnenwende im Freien waren wegen der Vorschriften zur Verdunkelung strengstens untersagt. So wurde die "Zeit der heiligen Weihe nächte" in den warmen Wirtshausstuben beschworen. Bei der "Vorweihnachtsfeier der NS-Frauenschaft" im Lichtenfelser Bürgerbräusaal hatte Parteigenossin Hofmann als Leiterin der Kreis-Frauenschaft den "urdeutschen Glauben an das Leben und das Licht, an den Sieg des Hellen über alles Dunkle" hervorgehoben. Anschließend führten Kinder das "urdeutsche Märchen Rumpelstilzchen" auf.

"Euthanasie-Aktion"


In den Jahresschlussfeiern wurde stets der lebenden und gefallenen Soldaten an der Front gedacht. Heftige Attacken fuhr man anschließend gegen die Sowjets und jetzt auch gegen die USA, mit denen man sich seit dem 11. Dezember im Kriegszustand befand.
Gewisse Aktionen, die die Nationalsozialisten veranlasst hatten, fanden bei den Jahresrückblicken aber keine Erwähnung: So die Transporte behinderter Menschen aus der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg in so genannte "Erholungsheime", in denen sie als "unwertes Leben" umgebracht wurden. In drei Transporten am 28. Februar, am 28. März und am 17. Juni 1941 wurde die "Euthanasie-Aktion", die bereits ein Jahr vorher angelaufen war, fortgeführt. 446 Menschen hatte man 1940 und 1941 von Kutzenberg aus in den Tod geschickt.
Bei den Meldungen und Anzeigen in den Zeitungen findet sich so manches, was uns heute nach 70 Jahren doch eher fremd geworden ist: Einspanntiere wurden gesucht, Verdunkelungs-Rollos angeboten. Die Fuchsplage entwickelte sich zu einem Dauerproblem in den Juradörfern. Meldungen über Verlobungen dominierten zwischen Weihnachten und Silvester den Anzeigenteil.
Insgesamt war die Stimmung im Dezember 1941 doch eher gedrückt. Mütter standen mit den Kindern allein unter dem Christbaum, während der Mann draußen an der Front war. Viele Familien hatten mittlerweile Tote zu beklagen. Aus dem Krieg in Mitteleuropa war ein Weltkrieg geworden. Immer neue Verordnungen zu den Lebensmittelmarken sorgten im Alltag für deutliche Einschränkungen. Rezepte für Plätzchen, für die wenige Eier und wenig Fett benötigt wurden, machten Anfang Dezember die Runde. Dem neuen Jahr wurde mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen.