Weiß man, wonach man suchen muss, ist es ganz einfach. Die pechschwarzen Raupen mit den knall-orangen Rallyestreifen sind am offenen Fels gut zu erkennen. Für Vögel oder Eidechsen wären sie leichte Beute, gefressen werden sie jedoch nicht. Tierökologe Adi Geyer aus Bamberg erklärt: "Ähnlich wie bei Wespen ist das kontrastreiche Muster eine Warnung. Wahrscheinlich sind die Raupen giftig oder zumindest ungenießbar."


20 Hobbyfotografen reisten an

Geyer zufolge liegt das an der Nahrung, denn der weiße Mauerpfeffer, auch Fetthenne genannt, ist voller Alkaloide und die wiederum bilden die Ausgangsstoffe für Gifte. Mehr als 20 Hobbyfotografen und Naturinteressierte hatten sich kürzlich im Kleinziegenfelder Tal zusammen gefunden, um an Geyers Raupenexkursion, einer Veranstaltung der Umweltstation Weismain, teilzunehmen.
Manche davon hatten sogar eine stundenlange Autofahrt auf sich genommen, um beispielsweise von der Thüringer Landesgrenze oder von Nürnberg her anzureisen.
Denn bei Geyers Exkursion ging es nicht um irgendeine Schmetterlingsraupe, sondern um die des Apollofalters. Parnassius apollo, so der lateinische Name, misst von Flügelspitze zu Flügelspitze sechs bis neun Zentimeter und gehört damit zu den größten Schmetterlingen Deutschlands. Auf seinen beigen Flügeln trägt er rote Augenflecken, ebenfalls eine Warnung für potenzielle Fressfeinde - wie die Raupen ist auch der Falter ungenießbar.


Interessant und selten

Was macht die Schmetterlingsart so besonders? Lucia Böhm, Exkursionsteilnehmerin aus Kleinziegenfeld, erklärt: "Der Apollofalter ist interessant, weil er so selten ist und, weil es ihn gerade hier bei uns gibt." In Bayern sind nur zwei Standorte bekannt, nämlich das Kleinziegenfelder Tal und das Altmühltal, auch im Rest Deutschlands sieht es mau aus. Nur im Moseltal, in Blaubeuren und im Alpenraum ist der Apollofalter noch zu finden - allerdings sind das andere Unterarten. Bis zu den 1960er Jahren war der fränkische Apollofalter überall auf den Jura-Kalkhängen verbreitet, doch dann hörte die Beweidung auf. Mit den Schafherden wäre auch der Apollofalter fast verschwunden.


Eisheilige eine tödliche Gefahr

Zur Fortpflanzung ist er auf offene Felslandschaften angewiesen, zum einen, weil nur dort der kalkliebende, weiße Mauerpfeffer gedeiht, zum anderen, weil der sonnenbeschienene Fels konstante Wärme abgibt. Tierökologe Geyer erklärt: "Die Raupen brauchen etwa 15 Grad Celsius Bewegungstemperatur, 17 Grad, um zu fressen. Sie halten Kälte und Regen nur wenige Tage aus, die Eisheiligen haben sie dieses Jahr hart getroffen."
Ein Rekordjahr werde 2016 nicht für den Apollofalter, aber auch kein schlechtes. Seit Geyer 1989 mit den Kartierungen, dem sogenannten Monitoring, begonnen hat, hat sich der Apollofalterbestand wieder verzehnfacht und liegt nun bei mehr als Hundert Individuen. Verantwortlich sind Entbuschung und Wiederbeweidung der Felshänge im Kleinziegenfelder Tal. Das geschieht im Rahmen eines Artenhilfsprogramms der oberfränkischen Regierung. Dazu sprechen sich Apollofalter-Experte und Wanderschäfer ab. Sind die Raupen spät dran wie dieses Jahr, kommt auch der Schäfer mit seiner Herde später zu den Apollofalter-Hotspots, sonst würde der Nachwuchs zertrampelt.
Gegen Ende der Larvenzeit ziehen sich die Raupen zum Verpuppen in schattige Verstecke zurück, dann können sich Schafe und Ziegen austoben. Letztere sind es, die trittsicher die steilen Felsköpfe freifressen und freitreten und somit den Lebensraum des Schmetterlings erhalten. "Ab etwa 20. Juni sind die ersten Falter da", schätzt der Experte.


Männchen schlüpfen zuerst

Die kleineren männlichen Apollofalter schlüpfen zuerst und fliegen die Hänge ab, auf der Suche nach Weibchen. Kurz nachdem diese aus ihrer Puppe geschlüpft sind, findet bereits die Paarung statt, denn Zeit ist kostbar. Die Lebensspanne eines Apollofalters beträgt nur etwa zwei Wochen, daher steht die Sicherung des Nachwuchses im Lebensmittelpunkt. Umständlicher als bei vielen anderen Schmetterlingsarten kriechen die Weibchen durch die weißen Mauerpfeffer-Büschel, um geeignete Stellen für die Eiablage zu finden, oft verletzen sie sich dabei an den Vorderflügeln. Die Eier des Apollofalters gehören zu den dickwandigsten Insekteneiern, die es gibt, denn von Juli bis März müssen sie an ihrem Versteck ausharren und dabei eine Temperaturspanne von bis zu 60 Grad Celsius ertragen. Maximal 120 Eier pro Jahr kann ein Apollofalter-Weibchen produzieren, allerdings nur wenn genug Nahrung da ist. Daher darf der Magerrasen auch während der Hauptblütezeit nicht beweidet werden.
Vor allem der Nektar aus Distelblüten steht auf dem Speiseplan des Schmetterlings. Manche Weibchen bleiben in der Nähe der Felsen, auf denen sie geschlüpft sind, andere sind abenteuerlustiger. "Wanderweibchen" nennt sie Geyer, denn sie sind dafür verantwortlich, dass sich der Apollofalter über die Jahre hinweg ausgebreitet hat. Geyer möchte noch mehr Trittsteine schaffen, also weitere Felsen freilegen, um die bisher bekannten Biotope zu verbinden.
Wo genau der Apollofalter lebt, will er der breiten Öffentlichkeit nicht verraten, denn es gebe Leute, die die Raupen abgreifen, um sie für Schmetterlingssammlungen zu präparieren. Die Führungen möchte er aber bewusst weiterhin anbieten, denn "die Leute müssen wissen, welcher Schatz sich hier verbirgt."