Wenn die drei Helme auf dem Tisch erzählen könnten! Sie dienten Siegfried Kerner als Schutz bei seiner Arbeit als Feuerwehrmann. Während unseres Gesprächs sind sie stille Zeugen einer fast 50-jährigen Feuerwehrlaufbahn, die in wenigen Tagen enden wird. Nächste Woche wird der Vorgesetzte der rund 3700 Feuerwehrleute im Landkreis den Piepser und die sonstige technische Ausstattung im Landratsamt abgeben. Keine nächtlichen Alarmierungen mehr, keine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft, keine Verantwortung für die anderen Einsatzkräfte mehr. Der 61-Jährige zieht einen Schlussstrich.

Siegfried Kerner kein Feuerwehrmann mehr? Wer ihn kennt, der mit Leib und Seele für diese Hilfsorganisation stand und steht, mag das gar nicht glauben. Doch es ist Kerner ernst. Hinter seinem Entschluss steckt die Überlegung, eine weitere sechsjährige Amtszeit nicht einmal mehr zu einem Drittel erfüllen zu können. Mit Vollendung des 63. Lebensjahres endet nämlich der aktive Feuerwehrdienst - so legt es das Feuerwehrgesetz fest. "Das wäre doch Quatsch gewesen", meint Kerner, sich für knapp eineinhalb Jahre noch einmal wählen zu lassen. Mit Timm Vogler steht jetzt ein Nachfolger bereit, den er für einen fähigen Mann hält. Und jener wiederum ist der Meinung, "Siegfried Kerner hat einen perfekten Job gemacht". Kerner selbst bleibt da bescheiden: "Was wäre einer allein? Ich hab' eine gute Mannschaft dabei gehabt."


Unterstützung durch den Landrat



Auch seitens des Landrats (fast die ganze Zeit hindurch amtierte Reinhard Leutner) habe er Unterstützung für die Sache der Feuerwehren erfahren. Der Kreisbrandrat sei "einer von 3700, nichts anderes". Da brauche sich keiner was einzubilden. Immer alles richtig gemacht zu haben, das will er nicht für sich behaupten und ein Urteil über seine Arbeit lieber anderen überlassen. Ohne zu zögern kommt aber seine persönliche Bilanz über 18 Jahre als Kreisbrandrat: "Es war eine wunderschöne Zeit!"

Dabei hatte Kerner weder dieses Amt noch eine seiner vorausgegangenen Führungsaufgaben angestrebt. Ein Feuerwehrmann sein, ja, das wollte er. Wie sein Vater und seine Großväter. Schon vier Wochen vor seinem 16. Geburtstag trat er in die Reundorfer Wehr ein. Damals bekam er den dunkelroten Helm, einen gebrauchten. Der grünlich-beige und der hellrote mit Visier sollten im Laufe der Zeit folgen. Mit 21 Jahren wurde Siegfried Kerner stellvertretender Kommandant. "Das wollte ich damals nicht", erinnert er sich. Er habe damals gerade seinen 18-monatigen Wehrdienst abgeleistet, sei quasi nie daheim gewesen. Die Gemeinschaft leistete Überzeugungsarbeit: "Mach's halt mal!" Zwei Jahre später wurde er mit vergleichbaren Argumenten Kommandant der Dorfwehr. So jung an Jahren - da hatte er schon Bedenken, den erfahrenen Kollegen, manche mehr als doppelt so alt, Weisungen zu geben. "Aber es hat funktioniert", wie er feststellen durfte. Seine Strategie auf gut Fränkisch: "Man muss aweng kooperativ sein."

"Mach's halt mal!" war dann wieder der Tenor, als er Kreisbrandinspektor werden sollte. Nach drei weiteren Jahren dann wurde er Kreisbrandmeister. In seinen Berufsjahren als Eisenbahner stand er für Einsätze nur bedingt zur Verfügung. Seinen Schichtdienst im Lichtenfelser Stellwerk konnte er ja nicht einfach quittieren. Nach der vorzeitigen Pensionierung war die Verfügbarkeit dann eine andere. Und dann sollte er in der Verantwortung für die Feuerwehren im Landkreis ganz an die Spitze rücken. Auch dies war alles andere als geplant.


Überraschend in Verantwortung



Siegfried Kerner hatte schon seine Stimme abgegeben für einen Kandidaten, der damals zur Wahl stand. Es schien alles klar in der Nachfolge von Kreisbrandrat Dieter Neumann. Doch nach dem ausgezählten Ergebnis - das wohl unter den Erwartungen des Vorgeschlagenen war - lehnte dieser das Amt ab. "Jetzt musst Du's machen", habe ihm Klaus Langer, der zuständige Sachgebietsleiter am Landratsamt daraufhin gesagt. Und Siegfried Kerner machte. Nach einer Viertelstunde Bedenkzeit sagte er zu. Heute räumt er ein, er habe sich gedacht: "Das machst Du ein Jahr." Nachdem die ersten vier bis sechs Wochen vergangen waren, war die innerlich gesetzte Frist kein Thema mehr. "Es hat mir absolut Spaß gemacht", erzählt er. Das ist so geblieben bis zum Schluss.

Auch wenn er es nicht immer allen recht machen konnte - und wollte. Man könne eben nicht an jeder Hauptversammlung oder Ehrung teilnehmen, und man könne auch nicht zu allem Ja und Amen sagen, erklärt er. Wenn es beispielsweise um Neuanschaffungen von Ausrüstungsgegenständen ging, wollte Kerner bei allem Wünschenswerten nicht den Blick für einen verantwortlichen Umgang mit Steuermitteln verlieren. Er war aber auch bereit, die Stirn zu bieten, wenn es galt, seiner Überzeugung nach Notwendiges einzufordern. Oder bei einem Einsatz hinderliche Personen in Schranken zu weisen. Er ist jemand, der seine Meinung sagt.

Anfechtungen blieben in all den Jahren nicht aus. Sie scheinen an Kerner ebenso abgeprallt zu sein, wie die brennenden oder umherfliegenden Teilchen, die an seinen drei Helmen sichtbare Spuren hinterlassen haben. Er selbst zeigt eine zufriedene Gelassenheit ohne Narben. Ja, schlimme Bilder habe er gesehen bei vielen Rettungseinsätzen, er erinnert sich daran. Aber er habe nie ein Problem damit gehabt, sie wegzustecken. Gleichwohl tritt er verständnisvoll für die Kollegen ein, die dabei mitunter Hilfe brauchen: "Wir sind alle bloß Menschen."


"Bleibe ein Feuerwehrler"



Nach seinem offiziellen Ausscheiden aus dem Amt des Kreisbrandrats zum Monatsende wird Siegfried Kerner mehr ruhige Nächte und mehr Zeit für seine Familie und die beiden Enkelkinder haben. Man werde dann wohl öfter fragen müssen, wo der Opa sei, meint Enkel Niklas, denn jetzt sei die Antwort ja meistens klar gewesen: bei der Feuerwehr. Doch eines ist für Siegfried Kerner sicher: Bei aller Freude am Angeln, Reisen, an der Gartenarbeit, am Radfahren und Wandern will er der Feuerwehr verbunden bleiben, die Geselligkeit pflegen, mit dabei sein, wenn demnächst das eine oder andere neue Fahrzeug ausgeliefert wird, für das er noch den Zuwendungsantrag unterschrieben hat. "Ich werde immer ein Feuerwehrler bleiben!"