In seiner öffentlichen Sitzung vom 13. September 1906 vergab der Stadtmagistrat Lichtenfels sechs Straßennamen. Die Festlegung solcher Namen durch ein politisches Gremium war für Lichtenfels etwas Neues, und so sorgte sie umgehend für Diskussion.

Die Friedhofstraße wurde in Ottostraße umbenannt. Die Straße am Schießhause taufte man naheliegenderweise Schützenstraße, eine Seitenstraße, die von der Kronacher Straße abzweigte und in der das evangelische Kinderheim stand, erhielt den Namen Corneliusstraße. Aus der Güterhallzufuhrstraße wurde die Zweigstraße. Der Schindgraben hieß künftig Müssigerstraße. Die Sandgasse am Goldberg wurde zur Sandstraße.

Mit drei Straßennamen wollten die Stadtväter an bedeutende Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte erinnern - auch dies war ein neuartiger, offenbar von der Heimatschutzbewegung jener Jahre beeinflusster Beschluss. Durch die Ottostraße sollte das Gedächtnis des Stadtgründers wachgehalten werden: Ihr Name leitete sich von Herzog Otto I. von Andechs-Meranien her. Er übernahm 1204 die Herrschaften in Bayern, Franken und Tirol von seinem Vater, der die Herzogswürde für das Geschlecht erlangt hatte. Durch seine 1208 geschlossene Ehe mit der Stauferin Beatrix erwarb der Herzog obendrein die Pfalzgrafschaft Burgund. Ebenso wie seine 1231 verstorbene Frau wurde er nach seinem Tod im Jahr 1234 im Münster des Zisterzienserklosters Langheim beigesetzt.

Hölzerne Palisaden errichtet

Zu Recht sahen die Magistratsräte des Jahres 1906 in Herzog Otto I. den Gründer der Stadt Lichtenfels zu Füßen der gleichnamigen Burg. Jedenfalls trug er 1231 nachweislich für die Errichtung hölzerner Palisaden rings um die junge Stadt Sorge.

Weniger Geschick bewiesen die Stadtväter freilich mit den beiden anderen Namenspaten. Die Corneliusstraße verwies - so der Pressebericht - auf den "berühmten Mediziner Cornelius, geb. 1527 in Lichtenfels, und bekannt durch seinen Streit mit Theophrastus von Hohenheim". Offenbar vermischte man in Lichtenfels zwei Personen miteinander: den Basler Domherrn Cornelius von Lichtenfels, der 1527/28 durch Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493-1541) - besser bekannt als Paracelsus - geheilt wurde und mit ihm um das Arzthonorar prozessierte, und den medizinischen Schriftsteller Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535). Keiner von beiden hat aber mit dem fränkischen Lichtenfels auch nur das Geringste zu tun. Mit gutem Grund wurde die Straße daher im Jahr 1933, als so manche Straße einen neuen Namen erhielt, umbenannt: Sie heißt seither Martin-Luther-Straße.

Auch beim dritten "Straßenpaten" hatte der Magistrat wenig Glück: Die Müssigerstraße, die zum Hochgericht führte und daher den bezeichnenden, aber wenig schmückenden Namen "Schindgraben" trug, sollte gemahnen an "Konrad Müssiger von Lichtenfels, der 1701 bei der Verteidigung der Stadt auf der Mauer gefallen ist". Georg Konrad Müssiger, 1622 geboren, amtierte in Lichtenfels über Jahrzehnte lang als Stadtschreiber - wie sein Vater vor ihm und sein Sohn und später sein Enkel nach ihm. Zugleich gehörte er ab 1663 dem Stadtrat an und bekleidete ab 1666 eines der wichtigsten Ämter der Stadt: das des Spitalpflegers. Als solcher verwaltete er die Finanzen des Spitals, das als Darlehensgeber für die Wirtschaft der Stadt und ihres Umlandes unentbehrlich war. Aus der Mitte des Stadtrats wurden die beiden Bürgermeister gewählt, die für jeweils ein Jahr die Geschicke der Stadt leiteten.

Umtriebiger Verwaltungsbeamter

Als Georg Konrad Müssiger gerade das Bürgermeisteramt innehatte, standen Ausbesserungsarbeiten an der mittelalterlichen Stadtmauer an. So kam es, dass sein Name auf der Inschrifttafel nahe dem Roten Turm verewigt wurde. Fraglos war Müssiger ein umtriebiger Verwaltungsbeamter, doch er beendete sein Leben nicht, wie die Namensgeber von 1906 meinten, im Kampf auf der Stadtmauer, sondern in seinem Bett: Er starb am 20. Januar 1701, versehen mit den Sterbesakramenten, in seinem 79. Lebensjahr. Fand der historische Rückgriff, dessen sachliche Mängel damals wohl niemand erkannte, noch allgemeinen Anklang und ebenso die Namensgebung der Schützenstraße, so wurde Kritik an den beiden anderen Bezeichnungen laut. Die Verbindungsstraße von der Badstraße zum Bahnhof hieß bis 1906 nach der Güterhalle, die bis in die 1880er Jahre hier gestanden hatte. "Güterhallstraße war übrigens nicht übel", befand ein Zeitungskommentar, der wenig Gefallen an der Umbenennung fand: "Der neue Name Zweigstraße kommt uns etwas allgemein vor". Außerdem sei die Straße zwar derzeit eine untergeordnete Straße, doch eigentlich müsse sie "Hauptstraße werden". Warum also habe man nicht "ein weniger nüchternes und mehr pathetisches" Wort gewählt - "Verkehrsader" etwa? Der Bau der Ringstraße längs der Bahn, fertiggestellt 1986, gab diesem - wohl nur halbernst gemeinten - Vorschlag von 1906 nachträglich Recht.

Ärger um die Sandstraße

Die Sandstraße, die erst Jahre später durch Hans Diroll stark bebaut wurde, erregte ebenfalls den Unwillen des Kommentators: Er klang ihm zu bedeutungsvoll. "Sandgasse sollte man weiter Gasse sein [lassen] und nicht künstlich zur Straße machen wollen, bevor sie diesen vornehmen (?) Namen, ohne in Verlegenheit zu kommen, ertragen kann. Sollen denn alle Gassen ausgerottet werden? Warum?"