Man könnte ihn mit einem Kapitän vergleichen: Sein Schiff, die "Lautergrund", ist 206 Meter lang, hat 130 Besatzungsmitglieder und in rund 500 Räumen viel Platz für die 180 Passagiere. Es verfügt über ein Schwimmbad, eine Kombüse und den Speisesaal sowie über Freizeit- und Trainingsräume. Seit August 1980 steht Herbert Hennemann auf der Brücke des 1958 vom Stapel gelaufenen Kreuzfahrtschiffs. Am 30. April ist sein letzter Arbeitstag, dann geht er nach über 30 Jahren von Bord.

"Hier oben ist die Sicht meist ungetrübt, das ist anders als unten, im Maintal, hier haben wir selten Nebel", sagt Herbert Hennemann, der sicher froh ist, kein Kreuzfahrtschiff zu steuern, sondern eine fest verankerte Rehaklinik. Doch das eine wie das andere kann Tücken haben. Untiefen und Riffs lauern auf Kapitäne wie auf Verwaltungsleiter. Damit das Schiff nicht in Seenot gerät oder gar kentert, muss dieser wie jener geschickt navigieren und sein Handwerk beherrschen.


Passionierter Schlagzeuger



Herbert Hennemann ist gelernter Finanzbeamter. Der 65-Jährige steht täglich um 5 Uhr auf und genießt es, sich abends in der kleinen Sauna seines Hauses in Prächting zu erholen. Musik ist ihm wichtig. Seit 45 Jahren wirkt er bei der Kelbachtaler Blasmusik aktiv mit, deren Vorsitzender er 21 Jahre gewesen ist. Inzwischen ist der passionierte Schlagzeuger Ehrenvorsitzender der Kelbachtaler.

Als Herbert Hennemann im August 1980 Verwaltungsleiter der Klinik wurde, war das Haus längst von der TBC-Lungenheilstätte zur Kurklinik umgestaltet. Im Haupthaus und in den damals noch bestehenden Nebenhäusern war Kapazität für 320 Patienten, die von 160 Mitarbeitern umsorgt wurden.

In den 1980ern folgte die Periode des Umbaus, der Modernisierung - aber auch eine rezessive Phase, denn die Sozialkassen waren zu Beginn dieses Jahrzehnts leer. Die Klinik wurde saniert, die alten Krankenhausbetten mit dreiteiligen Matratzen landeten auf dem Müll, Zwei- und Dreibettzimmer wurden aufgelöst und Duschen in die Einzelzimmer eingebaut. Gesundschrumpfen, um weiter am Markt existieren zu können, lautete die Parole. Die Zahl der Betten wurde von 320 zunächst auf 279, schließlich auf 180 reduziert. Klasse statt Masse. Die Ansprüche der Patienten an den Aufenthalt in einer Kur-, später Reha-Klinik waren gewachsen, der Standard war gestiegen.


Kurbetrieb in Bad Königshofen



Während des Umbaus, von April 1985 bis Januar 1987, lief der Kurbetrieb weiter - allerdings nicht in Schwabthal, sondern im rund 75 Kilometer entfernten Bad Königshofen. 150 Betten hatte die Klinik in einem dortigen Kurhotel angemietet. Täglich, erinnert sich Herbert Hennemann, fuhr ein Bus mit knapp 60 Angestellten hin und zurück. Bei täglich anderthalb Stunden einfacher Fahrzeit blieb viel Arbeitszeit auf der Strecke. Weil sich das läpperte, galt es in dieser Ausnahmesituation, die Belastung zu kompensieren. Das geschah mit der vorübergehend geltenden Vier-Tage-Woche.

Der Umbau der Klinik hing lange an einem seidenen Faden, sagt Herbert Hennemann. Das Haus schien unwirtschaftlich, unrentabel. Der Durchbruch, diese Klinik weiter zu betreiben, sei Anfang der 1980er Jahre erfolgt. Der damalige Staffelsteiner Bürgermeister Reinhard Leutner und der damalige Lichtenfelser Landrat Ludwig Schaller hatten den Vorstand der LVA Berlin mit der Nachricht überrascht, dass in Staffelstein ein Thermalbad gebaut werde. Das veränderte die Perspektiven, und es änderte die Einstellung der LVA-Oberen. Das Fortbestehen der Klinik war gesichert.


Seehofers "vierfache Keule"



Im realen Leben wie auf hoher See: Mit überraschenden Wendungen und wetterwendischen Naturgewalten haben Verwaltungsleiter und Kapitäne immer zu rechnen. Als Minister Seehofer das Gesundheitswesen 1997 reformierte, sei das für die Branche eine "vierfache Keule" gewesen, sagt Herbert Zimmermann. Zuzahlungen wurden vermindert oder ganz gestrichen, der Kuraufenthalt von vier auf drei Wochen verkürzt und die Kur auf den Urlaub angerechnet. Für eine Reha-Klinik war das verheerend. Eine schwierige Zeit begann; das Reha-Wesen stürzte in die Krise.

Ein Weg aus dieser Misere bestand für die Schwabthaler Klinik darin, sich auf die Orthopädie zu spezialisieren. Das war jedoch möglich geworden, "weil einschlägig gebundene Kurmittel vorhanden waren, sprich: die Staffelsteiner Therme".

Ein Mann, dem Verwaltung, Technik und Küche anvertraut sind, hat viele Aufgaben. Er kümmert sich um die klinikeigene Wasserversorgung und die Kläranlage ebenso wie um die 20 Hektar Wald auf dem 38,5 Hektar großen Klinikgelände mit einem Netz von Spazier- und Walking-Wegen. Ganz zu schweigen von den Anforderungen des Qualitätsmanagements und der Zertifizierung, die nach den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs zu erfüllen sind.


Pläne für den Ruhestand



Am 30. April hat Herbert Hennemann seinen letzten Arbeitstag. Offiziell verabschiedet wird er jedoch schon am morgigen Donnerstag. Langweilig wird es ihm wohl nicht werden: Seit 1996 sitzt er für die CSU Ebens felder Marktgemeinderat, und in seinem Haus warten etliche Aufgaben auf ihn. Auch seine Frau Roswitha sowie seine beiden erwachsenen Kinder haben Pläne, die sie gemeinsam mit ihm verwirklichen wollen.

Worauf er sich nun freut? Darauf, all die Dinge, die ihm wichtig sind, ohne Termindruck zu erledigen. Lächelnd fügt er hinzu: "Daran, dass ich endlich ohne Terminkalender leben kann, muss ich mich wohl erst noch gewöhnen."

Wenn der Kapitän im April von Bord gegangen ist, übernimmt sein Nachfolger, Wolfgang Hirrle, das Kommando auf der Brücke. Ihm überlässt Herbert Hennemann einen gut funktionierenden Betrieb, denn einen solchen habe er 1980 übernehmen dürfen. Die Belegung der Klinik, sagt er, lag in den vergangenen zehn Jahren durchgehend knapp unter der 100-Prozent-Marke. Auf solche Passagierzahlen wäre sicher auch jeder Reeder stolz, jeder Kapitän träumt von einem solchen Schiff.