Wolfgang Weiß schleicht durch den Wald bei Buch am Forst. Bewaffnet mit fünf rot-weißen Markierungsstäben, Messlatte und einem wetterfestem Laptop. Wolfgang Weiß ist einer der fünf Förster des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Coburg. Er und seine Kollegen sind in den nächsten Wochen in den Wäldern um Coburg und Lichtenfels unterwegs, um die Triebe und Knospen von jungen Bäumen auf Verbiss- und Fegespuren von Rehen zu untersuchen. Alle drei Jahre aufs Neue und bereits zum zehnten Mal. Ziel ist es, ein Vegetationsgutachten zu erstellen.

Warum diese Arbeit gemacht wird, erklärt Oliver Kröner, der den Bereich Forsten des AELF in Lichtenfels leitet: "Rehe werden auf der Grundlage von Abschussplänen bejagt. In den 1980er Jahren wurde im Bayerischen Landtag beschlossen, dass dabei vorrangig der Zustand der Waldverjüngung zu berücksichtigen ist." Deshalb erstellt die Forstverwaltung für die Jagdbehörden und Landratsämter ein Vegetationsgutachten - deutschlandweit gibt es das nur in Bayern.


Förster und Jäger uneinig



Dieter Erbse, Vorsitzender der Kreisgruppe Bad Staffelstein des Bayerischen Jagdverbands kritisiert das. "Das ist ein Instrument, das sehr viel Geld verschluckt und im Grunde unnötig ist. Woanders braucht es das ja auch nicht", sagt er.

Die Förster sehen das anders. Forstminister Helmut Brunner (CSU) zufolge sind die Vegetationsgutachten für die forst- und jagdpolitischen Ziele in Bayern unverzichtbar und dienen als Entscheidungshilfe für die Abschussplanung. Erbse erklärt, dass in Sachen Verbiss die Einvernehmlichkeit zwischen Jagdgenossen und den Jägern im Vordergrund stehen sollte. "Nur die Jagdpartner sollten das gemeinsam entscheiden dürfen", fordert er.
Im Abstand von 1.250 Metern suchen Wolfgang Weiß und seine Kollegen im Wald nach jungen Bäumen. Wolfgang Weiß rammt die Markierungsstäbe in den Boden und untersucht jeweils die 15 nächstgelegenen Waldbäumchen auf von Rehen verursachte Verbiss- und Fegeschäden. "Treten diese im Übermaß auf, behindert das das Waldwachstum und es kann zu negativen Entwicklungen kommen", sagt Weiß. Beispielsweise schmecken den Rehen Fichten eher weniger, so dass diese Eichen und Weißtannen überwachsen können. Förster reden dann von einer Entmischung der Waldverjüngung.

Erbse bemängelt die Vorgehensweise: "Auch wir Jäger sind für einen Mischwald. Doch ein wichtiger Aspekt wird im Gutachten nicht berücksichtigt. Nicht nur Rehe, sondern auch Hasen, Eichhörnchen und Mäuse nagen an den Bäumen."


Forstverwaltung setzt auf Transparenz



Beim Verfahren wird von der Forstverwaltung auf Transparenz gesetzt. Bereichsleiter Kröner und sein Team haben über 400 Jäger und Vorstände von Jagdgenossenschaften eingeladen, um an den Vegetationsaufnahmen teilzunehmen. "Das ist sehr wichtig. Wenn das Gutachten unbedingt gemacht werden muss, dann sollten Jäger und Jagdgenossen auch dabei sein", sagt Erbse, der den Grundsatz "Wald vor Wild" ablehnt und sich für "Wald und Wild" einsetzt.

Mitte April will Förster Weiß mit seinen Vegetationsaufnahmen fertig sein, weil dann die Knospen der jungen Waldbäume austreiben und Verbissspuren nicht mehr beurteilt werden können. Seine fünf rot-weißen Fluchtstäbe und die Messlatte wird er dann wieder für drei Jahre einmotten.