Renate Göbel sieht mit den Fußsohlen. "Wenn ich auftrete, merke ich genau, ob ich auf Asphalt laufe, Schotter oder Waldboden." Sie ist fast blind, nur auf einem Auge bleibt ihr ein kleiner Rest Sehkraft. Einschränken lässt sie sich davon nicht. Wochenlang trainierte sie und lief schließlich mit beim Abschlusslauf der Aktion Lauf10!, zehn Kilometer am Stück. Der Bayerische Rundfunk interviewte sie deshalb. "Mir macht das Laufen Spaß. Nach jedem Training bin ich glücklich, dass ich's gemacht hab', und total motiviert fürs nächste Mal."


Hund Ouzo ist immer dabei

Von der Aktion Lauf10! und der Trainingsgruppe, die der ASC Burgberg dazu anbot, las Göbel in der Zeitung. "Ich hab' sofort angerufen, um mich anzumelden." Bedingung war, dass auch Hund Ouzo mitlaufen durfte.
"Das hab ich gleich gesagt: Ohne ihn geht's nicht." Ouzo wurde genehmigt, und so konnte es losgehen mit dem Training. "Wir haben ganz langsam angefangen", erklärt Stefanie Müller. Sie leitete die Trainingsgruppe des ASC Burgberg. "Wichtig ist, dass Anfänger sich nicht übernehmen." So wurde erstmal nur 20 Minuten gewalkt, eine Minute gejoggt, dann wieder gewalkt. "Nach und nach haben wir uns gesteigert."

Drei Mal die Woche wurde trainiert, auf unterschiedlichen Strecken, die Renate Göbel zuvor nicht gekannt hatte. "Aber das war kein Problem. Ich bin einfach immer hinter jemandem mit einem hellen T-Shirt oder mit weißen Socken hergelaufen." Umrisse sowie Hell und Dunkel kann sie noch wahrnehmen. "Ich erkenne auch Personen an besonders hervorstechenden Merkmalen." Ihre Trainerin zum Beispiel am hellblonden Kurzhaarschnitt.

Auch unebener Untergrund bereitete ihr keine Schwierigkeiten. "Ich merke ja, auf was ich trete." Gestürzt ist sie beim Training mit ihrer Laufgruppe nie. "Und falls das doch mal passiert, stehe ich eben wieder auf." Die anderen in der Laufgruppe hätten sie immer unterstützt, erzählt sie, und sie vor Hindernissen oder Gefahren gewarnt. "Die haben dann gerufen: Achtung, Radfahrer von hinten, oder: Vorsicht, großer Stein! Alle waren sehr fürsorglich." Außerdem war ja Ouzo dabei. "Der hat mich um die Pfützen rumgeführt." Meist hätten sie sich zu viele Sorgen gemacht, sagt Müller. "Die beiden kommen eigentlich ganz gut alleine klar."

Zum Training kam Göbel zu Fuß, etwa eine dreiviertel Stunde brauchte sie dafür - einfache Strecke. "Wir anderen sind alle mit dem Auto gekommen", erzählt Müller. Sie hätte ihren Schützling nach dem Training nach Hause gefahren, aber der wollte nicht. "Ich hab doch zwei Füße, was soll ich da Autofahren," sagt Göbel.


"Plötzlich sah ich nichts mehr"

Bereits in ihrer Jugend war Renate Göbel sportlich aktiv, machte Leichtathletik im Sportverein. Dass sie nun wieder läuft, liegt an Ouzo, sagt sie, und an ihren Augen. Schon früher hatte sie eine Brille gebraucht. Als sie dann vor etwa acht Jahren beim Skifahren war, ließen ihre Augen sie völlig im Stich. "Ich hab auf einmal nur noch Blitze gesehen. Ich musste mit dem Lift wieder runterfahren, ich konnte ja nichts erkennen." Die Diagnose des Augenarztes war ernüchternd. "Die Netzhaut war futsch."

Danach wurde vieles anders. Autofahren ging nicht mehr. Renate Göbel war zunächst noch viel mit dem Fahrrad unterwegs, radelte Strecken von 160 Kilometern. Schließlich war auch das nicht mehr möglich. "Das hat mich sehr heruntergezogen. Ich bin so gern gefahren." Zwei Jahre lang machte sie daraufhin keinen Sport mehr, doch damit wurde sie nicht glücklich. "Dann hab ich von der Apotheken-Aktion ‚Leichter leben in Deutschland‘ gelesen und einfach mitgemacht." 14 Kilo hat sie damit abgenommen. "Und dann hab ich in der Zeitung von Lauf10! gelesen und mir gedacht: Da kannst du doch auch gleich noch mitmachen."

Das zehnwöchige Training mit Stefanie Müller und der Laufgruppe war erfolgreich: Beim Abschlusslauf des Projekts schaffte sie die zehn Kilometer ohne Probleme. "Das war ein tolles Erlebnis", erzählt Göbel. "Die Stimmung war super. Es hat sich auch niemand dran gestört, dass wir so viel Platz beansprucht haben. Im Gegenteil, die Leute haben alle positiv reagiert." Beim Abschlusslauf lief Stefanie Müller neben Renate Göbel her, verbunden durch ein Band, dass beide in der Hand hielten. "Das war ja was ganz anderes als mit unserer kleinen Trainingsgruppe", sagt Göbel. "Da waren so viele Leute, da hätte ich sonst die Orientierung verloren." Gerade am Start, am Ziel und an den Versorgungsstationen war das Gedränge groß, erinnert sich Müller. "An diesen Engstellen haben wir das Band kürzer gefasst, dort, wo weniger los war, konnten wir einen größeren Abstand lassen."

Eine Medaille haben sie beide bekommen, für die Teilnahme. Um Zeit ging es nicht. "Sogar der Ouzo hat eine Medaille gekriegt," erzählt Göbel. Sie will jetzt dabei bleiben, beim Laufen, und weiterhin zweimal die Woche trainieren. "Ich hoffe, dass auch ein paar andere aus unserer Trainingsgruppe weitermachen." Auch beim nächsten Lauf10! würde sie gern wieder mitmachen.

"Es ist bewundernswert, wie sie das durchgezogen hat", sagt Müller. "Ihr Beispiel zeigt, dass man auch mit körperlichen Einschränkungen viel erreichen kann im Sport. Und auch im fortgeschrittenen Alter." Renate Göbel ist 69. "Ich will anderen Menschen Mut machen", sagt sie. "Ich will, dass die Leute sich sagen: Wenn die das schafft, schaff' ich das auch." Man müsse sich Ziele setzen. Als nächstes möchte sie einen Halbmarathon laufen. "Vorher muss ich allerdings noch mit dem Tierarzt sprechen. Ob der Ouzo das auch packt."


Das Projekt Lauf10

Lauf10! wird jedes Jahr vom Bayerischen Rundfunk, der TU München und dem Bayerischen Landessportverband veranstaltet. Zehn Wochen lang wird trainiert. Ziel ist es, zehn Kilometer am Stück joggen oder walken zu können. Mitmachen kann jeder, allein oder als Gruppe. Am 12. Juli fand der Abschlusslauf mit über 4000 Teilnehmern in Wolnzach bei Pfaffenhofen statt.