Das Brummen eines Motors dringt durch die Plexiglasscheibe. Ein kurzer Funkspruch: "Ausklinken." Nach einem letzten Ruck dreht die weiß-rote Schleppmaschine nach links ab. Zuvor hat sie die doppelsitzige "ASK 21-D-5810" auf etwa 800 Meter Höhe gezogen. Der Motorenlärm verfliegt. Nun ist Petra Zimmermann-Lauer in ihrem Segelflugzeug auf sich allein gestellt. Als die Fluglehrerin Quer- und Seitenruder bedient, dreht das Flugzeug nach rechts und gibt den Blick auf Vierzehnheiligen frei. Die Basilika wirkt, als stünde sie in einer Modellbaulandschaft. Der Zeiger des Variometers schwankt, ist aber meistens im negativen Bereich. "Es zeigt das Steigen und Fallen gegenüber der Luft an und ist somit das wichtigste Instrument für uns", erklärt Gerd-Peter Lauer, der Vereinsvorsitzende des Aeroclubs Lichtenfels. Wenn der Zeiger über der Null steht, dann nutzt der Flieger den Aufwind.

Hiervon gibt es verschiedene Arten: Ein Beispiel sind die Wellenaufwinde in den Alpen, die mit dem Föhn zusammenhängen. In Mitteleuropa nutzen die Segelflugpiloten aber hauptsächlich die Thermik. Die entsteht, wenn die Sonne den Boden aufheizt und dieser anschließend warme Luftpolster abgibt. Oft reiche dann ein kleiner Impuls – etwa ein Windstoß oder ein fahrender Zug – und die warme Luft steigt im Kamin nach oben, erklärt Lauer. "Direkt unter einer Quellwolke ist die Thermik oft am stärksten." Oftmals nutzen er und seine Vereinskollegen thermische Schläuche, indem sie kreisförmig im Aufwind schweben.

Enorme körperliche Anstrengung

Eine Flughöhe von bis zu 3000 Metern sei in Deutschland möglich, sagt Lauer. In seinen 50 Jahren Segelfliegerei kam er also schon hoch hinaus – auch sportlich gesehen: Er flog viele Jahre in der Nationalmannschaft, im Jahr 2005 war er deutscher Meister im Segelflug und das Jahr darauf nahm er an der Weltmeisterschaft teil. Bei solchen Wettbewerben sei die körperliche Anstrengung immens. So verliere ein Pilot während eines mehrstündigen Flugs bis zu fünf Liter Flüssigkeit – auch weil der Körper ständig die wirkenden Kräfte im Cockpit ausgleichen müsse.

Mehr noch als die körperliche Herausforderung fasziniert Lauer aber die Komplexität seines Sports. Bei diesem "klassischen Entscheidungssport" sei die mentale Stärke das A und O. Aber auch unterschiedliche Aspekte aus der Physik, der Aerodynamik und der Meteorologie seien immens wichtig: "Wenn du nur in sinkenden Luftmassen rumfliegst oder die Thermik nicht findest, dann landest du im Acker", sagt Lauer und fügt hinzu: "Manchmal bist du im Kopf schon fast gelandet, dann erwischst du aber wieder die Thermik – zum Beispiel über einem Steinbruch."

In den warmen Aufwinden fliegt das Flugzeug zwischen 50 und 100 Kilometer pro Stunde. Im Vorfliegen auf Strecke zeigt der Fahrtmesser aber 150 bis 200 km/h gegen die Luft an. So ließen sich bei günstigen Bedingungen 150 Kilometer oder mehr im Geradeausflug unter einer Thermikstraße zurücklegen, ohne dass der Pilot auf der Suche nach Aufwinden kreisen müsse, schwärmt Lauer.

Verschiedene Startmöglichkeiten

Zuvor muss das Fluggerät allerdings erst einmal in die Luft kommen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: "Früher wurden die Segelflugzeuge mit einem Gummiseil am Hang herausgeschnelzt", beschreibt der Vorsitzende eine veraltete Methode. Modernere Varianten sind der Selbststart mit einem kleinen eigenen Motor, oder der sogenannte Windenstart. Bei dem wird das Segelflugzeug mit einem langen, an einer Seilwinde befestigten Seil in die Luft gezogen. Am höchsten Punkt der Bahn wird die Verbindung zwischen Seil und Luftfahrzeug getrennt – das Flugzeug fliegt frei weiter. Da die Startbahn in Lichtenfels mit ihren 800 Metern für diese Startform zu kurz ist, kommt dort der Flugzeugschlepp zum Einsatz, bei dem ein Motorflugzeug beim Aufstieg nachhilft.

"Seil straff." Der Funkspruch von Petra Zimmermann-Lauer ist das Startsignal. Die Schleppmaschine gibt Vollgas – das Segelflugzeug rollt mit schnell steigender Geschwindigkeit über den gemähten Rasen. Die Schwerkraft scheint auszusetzen: Das 370-Kilo-Gefährt aus Kohlefaserverbundstoff ist bereits vor der Zugmaschine in der Luft. Mit einem Steigen von eineinhalb bis zwei Metern pro Sekunde geht es rauf auf 800 Meter über dem Meeresspiegel. Die Plexiglasscheibe über dem Cockpit wird allmählich zu einem Brennglas für die Spätsommersonne. Die Fernsicht auf den Thüringer Wald und das Fichtelgebirge macht die aufkommende Hitze aber wett.

Geschichte des Segelflugs

Nachdem Pioniere wie Otto Lilienthal oder Orville Wright die ersten Gehversuche in Sachen Segelflug gemacht hatten, entwickelte sich diese besondere Form des Fliegens nach dem Ersten Weltkrieg. Als die Alliierten den motorisierten Flug in Deutschland verboten hatten, begannen deutsche Piloten zu experimentieren – vor allem auf der Wasserkuppe in der Rhön. Schließlich etablierten sie den Segelflugsport. 1936 sei er beinahe olympisch geworden, berichtet Lauer.

Seinen Verein gibt es seit 1951. Bereits zwei Jahre später bauten die Mitglieder das erste eigene Segelflugzeug. Seitdem kamen einige hinzu: Mittlerweile sind fünf verschiedene Modelle mitsamt Transportwagen sowie ein eigenes Schleppflugzeug auf dem Lichtenfelser Fluggelände am Wasserturm zu finden.

Alle sind mit Sprechfunk und einem Kollisionswarnsystem ausgestattet. Zudem hat jeder Pilot einen Fallschirm auf dem Rücken. "Das ist eine wahnsinnig sichere Sportart", betont Lauer. "Wenn Fehler passieren, dann meistens aufgrund der fehlenden Erfahrung."

Über immense Erfahrung verfügt Petra Zimmermann-Lauer. Das ist spürbar, als sie das 17 Meter breite Flugzeug weich auf der Landebahn aufsetzt und es zum Stehen bringt.

Interesse an einer Segelflugausbildung?

Voraussetzungen: Das Mindestalter für die Segelflugausbildung beträgt 14 Jahre. Ansonsten gibt es keine Altersbeschränkungen. Minderjährige benötigen allerdings das Einverständnis der Eltern. Zudem muss ein Flugarzt die Flugtauglichkeit des Interessenten bestätigen - anschließend findet die Untersuchung alle zwei Jahre statt. Für die praktische Flugprüfung ist zudem ein Sprechfunkzeugnis nötig.

Dauer: Eine durchschnittliche Segelflugausbildung dauert zwischen zwei und drei Jahren.

Inhalte: Die praktische Ausbildung beginnt im Doppelsitzer unter Anleitung eines erfahrenen Fluglehrers. Nach der ersten Prüfung fliegt der Schüler dann im Einsitzer allein. Hinzu kommt die Theorie des Segelflugs. Dabei vermittelt der Lehrer Kenntnisse in verschiedenen Fächern, wie Luftrecht, Navigation, Meteorologie, Aerodynamik oder allgemeine technische Luftfahrzeugkunde

Kosten: Zwischen 2500 und 3000 Euro.

Kontakt: Tel. 09571/3300 und www.edql.de (Internet)