Eine Zeitreise mit allen Sinnen durften die Zuschauer am Freitagabend in der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels erleben. Bei buntem Licht in familiärer Atmosphäre wurde Absinth durchs Publikum gereicht. Jeder durfte probieren, was das Multitalent "Marcelini" alias Marcus Geuß auf traditionelle Weise zubereitet hatte. So wurde neben dem Visuellen und dem Akustischen auch der Geschmack auf die 1920er Jahre eingestellt. Und so tauchte man ab in längst vergangene Zeiten.

Glitzernde Samtdeckchen, der klassische Klavierflügel sowie ein Grammophon ließen die Vergangenheit lebendig werden. Alle Requisiten stammen aus den Jahren 1905 bis 1934, wie "Marcelini" stolz erklärte. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Herrschaft des letzten deutschen Kaisers befand man sich in der Weimarer Republik. "Man wollte leben, man wollte feiern, man wollte sich amüsieren", beschrieb "Marcelini" das Empfinden der Menschen von damals.

Varieté als Massenunterhaltung

Da Anfang des 20. Jahrhunderts der Fernseher noch nicht existierte, war das Varieté die Massenunterhaltung. "Man ist da hingegangen, wo die anderen auch waren", erläuterte der Zauberkünstler. Dann legte er los.

Im flotten Wechsel unterhielt "Marcelini" durch Couplets, Zauberkunst und Ventriloquistik (Bauchreden). Da wurden die "magischen Ringe des Orients", die scheinbar keine Öffnung hatten, zu den tollsten Kreationen. Irgendwie waren da wohl unsichtbare, magische Öffnungen, die die Ringe dann doch sowohl zum Audi-Symbol als auch zum goldenen Steigbügel werden ließen. Geschickte Zaubereien mit Knoten, schwebende Gegenstände, Gläserrücken mittels des Geistes einer erstaunten Zuschauerin sowie natürlich diverse Spielkarten- und Würfeltricks bot "Marcelini". Das Publikum wurde einbezogen und kam aus dem Staunen und Wundern nicht mehr heraus.

Faszinierend waren auch die unendlichen Möglichkeiten mit gefaltetem Papier. Da entstanden in unglaublicher Geschwindigkeit eine Kochmütze, ein Löffel, eine Zuckerschaufel, ein Nähkörbchen, eine Hantel ... eine schier unglaubliche Vielfalt an Gegenständen.

Präzises Pianospiel

Fleißig wurde "Marcelini" bei all seinen Künsten von Thomas Meyer am Klavier begleitet. Euphorisch und präzise erfreute der Pianist das Publikum mit Musik der 1920er Jahre. Stücke von Willi Rose und Otto Reutter klangen durch die Reihen des Publikums. "Puttin' on the Ritz", das durch den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1930 berühmt wurde, wie auch lustige Lieder über einen Regenwurm oder Selleriesalat begeisterten die Zuschauer.

Sehr vielfältig wurde das Klavier von seinem Kollegen als "Geflügel", "Tastenkasten" oder "Horizontalharfe" betitelt. "Benjamin, ich hab' nichts anzuziehen" schilderte ein Problem von damals, das wohl auch heute noch aktuell ist.

Die wirtschaftlichen Probleme der damaligen Zeit wurden ebenfalls eindrucksvoll erzählt. In Zeiten der Inflation, in denen man mit Waschkörben voller Geld unterwegs war, verdiente ein Handwerker gerade einmal 20 Pfennige pro Stunde.

Der Couplet-Sänger Otto Reutter verlor sein ganzes Vermögen, nicht aber seinen Humor. So ließ er auf seinem Grabstein die Inschrift "Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt'es wären deine!" anbringen.

Immer wieder einmal kam auch der Bezug zur Gegenwart nicht zu kurz: "Wenn jemand damals versucht hätte, mit dem Telefon zu fotografieren, wäre er in die Klapsmühle gekommen."

Mode, Kunst, Politik und Prominenz von damals, aber auch die Melancholie dieser Zeit verstand "Marcelini" dem interessierten Publikum eindrucksvoll näherzubringen. Mit sprachlicher Gewandtheit, sagenhaftem sowohl schauspielerischem als auch Gesangstalent fesselte er die Zuschauer vom Anfang bis zum Ende. Auch als Bauchredener mit seinem Hund "Oskar" erheiterte er das Publikum.

Frenetischer Beifall

Durch die galante, zuweilen auch zackige Gestik und Mimik spürte man deutlich, dass die 1920er Jahre "ihre Zeit" sind. Mit frenetischem Beifall wurde das Duo Thomas Meyer und "Marcelini" vom begeisterten, aber übersichtlichen Publikum belohnt.