Seit etwa einer halben Stunde bin ich im Gewichtheberraum des 1. Athletik-Clubs Bayreuth. Nach einigen Grundübungen für Gewichtheber läuft mir bereits überall der Schweiß herunter. Zwei Meter neben mir steht Viola Lauber. Sie hat schon wieder ein anderes Gewicht an ihre Langhantel montiert und stemmt es in die Höhe. Wirklich angestrengt sieht sie dabei nicht aus. Ihr Training geht auch noch über eine Stunde.

Klein, zierlich - und sehr stark


Wer die 48-Jährige außerhalb des Trainingsraums sieht, denkt sicher nicht zuerst an Gewichtheben. Die 1,54 Meter kleine und 49 Kilo leichte Athletin ist auf den ersten Blick zierlich gebaut. Wenn sie dann ihre Trainingskleidung angezogen hat, kommen ihre Muskeln aber zum Vorschein.

Seit sie 2007 mit dem Gewichtheben angefangen hat, kann sie auf beeindruckende Erfolge zurückblicken. So hat sie mehrfach die bayerischen Meisterschaften gewonnen, wurde Europameisterin in der Gewichtsklasse bis 53 Kilogramm und holte 2010 sogar den Weltmeistertitel.

Ihr schönstes sportliches Erlebnis waren aber die World Master Games 2009 in Sydney. Damals gewann sie bei den "Olympischen Spielen für Senioren" nach einer tollen Aufholjagd noch die Silbermedaille. Von der Atmosphäre dort schwärmt sie noch immer: "Schon die Eröffnungsfeier war unglaublich. Da waren tausende Leute im Stadion. Wir haben uns wie echte Olympioniken gefühlt."

Während Viola Lauber parallel zum Training davon erzählt, erhole ich mich sitzend auf einer Holzbank von den ersten Grundübungen. Der Trainingsraum in Bayreuth erfüllt viele Klischees. Er hat etwas von einem Kellerraum, allein schon, weil es kein einziges Fenster im Raum gibt. Die Atmosphäre ist aber dennoch von Beginn an angenehm. Dies liegt vor allem an den anderen Gewichthebern und Bankdrückern, die mich sofort herzlich begrüßen. "Wir sind hier eine große Familie", sagt Dirk Lauber, Ehemann von Viola. Er ist, wie so oft, zum Training mitgekommen und nimmt selbst ab und zu an Wettbewerben im Bankdrücken teil.

Auf die Technik kommt es an


Bevor ich den beiden weitere Fragen stellen kann, sagt Viola plötzlich zu mir: "Ich kenn' noch weitere Übungen, die du auch mitmachen kannst." Ich nehme mir also wieder solch eine Langhantel, die bei den Frauen schon 15 Kilogramm wiegt. Die schweren Gewichte rechts und links muss ich aber zum Glück nicht an die Stange montieren. "Beim Gewichtheben spielt nicht nur die Kraft eine Rolle. Wichtig ist vor allem auch, dass man die Technik beherrscht", sagt sie mir.

Viola und Dirk stellen sich also neben mich und zeigen mir weitere Übungen. Ich gehe mit der Langhantel tief in die Hocke, versuche ein Hohlkreuz zu machen und das Gleichgewicht zu halten. Explosiv versuche ich mit einem Ausfallschritt die Stange in die Höhe zu stemmen. Dirk versucht, mich immer wieder zu motivieren und sagt gelegentlich: "Das sieht so langsam ganz gut aus."

Die Bewegungsabläufe sind für einen kompletten Anfänger nicht einfach, und nun verstehe ich, dass die Technik beim Gewichtheben wirklich eine entscheidende Rolle spielt. Nach vielen Wiederholungen zittern die Beine immer stärker, und die Oberschenkel fangen an, zu brennen. Spätestens hier wird mir klar, dass Gewichtheben - im Gegensatz zum Bankdrücken - nahezu alle Muskeln beansprucht. Wer nur Kraft in den Armen hat, sieht bei dieser Sportart schlecht aus. "Die Kraft muss zunächst einmal aus den Beinen kommen, wenn du das Gewicht hochstemmst", erklärt mir Viola.

Angefangen mit Sport hat sie vor 28 Jahren. "Da hatte ich Knochen wie ein Vogel", sagt sie. So trat die Weismainerin in ein Fitness-Studio ein, um ihren Körper ein wenig zu stärken. Bald wollte sie dann aber mehr. Sie nahm an Bodybuilding-Wettbewerben teil und zeigte bereits damals ihren Ehrgeiz. "Ich habe einige Wettbewerbe gewonnen", sagt sie und fügt hinzu: "Meine Welt war das aber nicht, da hier nur das Aussehen und nicht die Leistung interessiert."

So kam sie zum Kraftdreikampf. Die Wettkampfsportart besteht aus den Disziplinen Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben. Doch nach einer Schulterverletzung 2007 konnte sie hier nicht mehr an Wettbewerben teilnehmen. "Ich bin davon überzeugt, dass man jede Verletzung mit Sport heilen kann. Ein Trainer meinte dann einmal zu mir, ich soll es mit Gewichtheben versuchen. Hier macht man nämlich im Vergleich mit dem Bankdrücken eine entgegengesetzte Bewegung, was meiner Schulter gut tat."

World Master Games 2013 als Ziel


Seitdem trainiert sie zweimal pro Woche in Bayreuth im Gewichtheberraum und dazu noch dreimal pro Woche im Fitness-Studio in Weismain. So hat es das Kraftpaket, das in der Gewichtsklasse bis 53 Kilogramm startet, in relativ kurzer Zeit geschafft, bis zu 66 Kilogramm in die Höhe zu stoßen. "Damit habe ich einen inoffiziellen Europarekord aufgestellt." Ein Ziel hat sie auch noch vor Augen: "Die World Master Games 2013 in Italien reizen mich noch sehr." Bei ihrem Ehrgeiz ist damit zu rechnen, dass sie dann wieder ein heißer Medaillenkandidat sein wird.