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Lichtenfels
Energie

Das große Freiflächen-Dilemma am Obermain

Mit der zunehmenden Anzahl großer Solarparks auf Acker- und Grünlandflächen kommen Interessenskonflikte ans Licht, die nicht einfach zu lösen sind.
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Dass Blühwiesen mit Solarmodulen zu vereinbaren sind, zeigt sich beispielsweise bei einer Photovoltaikanlage in Bad Rodach, für welche die Projektierungsfirma Südwerk GmbH verantwortlich zeichnet.  Foto: Südwerk GmbH
Dass Blühwiesen mit Solarmodulen zu vereinbaren sind, zeigt sich beispielsweise bei einer Photovoltaikanlage in Bad Rodach, für welche die Projektierungsfirma Südwerk GmbH verantwortlich zeichnet. Foto: Südwerk GmbH
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Es ist ein Thema, das immer wieder hohe Wellen schlägt: Photovoltaik-Freiflächenanlagen, die auf Acker- und Grünlandflächen statt auf versiegelten Arealen oder Randstreifen an Autobahnen und Gleisstrecken errichtet werden. Auch am Obermain nimmt die Anzahl derartiger Solarparks zu, weitere Projekte sind in Planung.

Mit jedem neuen Vorhaben sind langwierige Entscheidungsvorgänge und auch schwierige Abwägungsprozesse innerhalb der politischen Gremien verbunden. Kein Wunder, schließlich müssen unterschiedlichste ökonomische, ökologische und soziale Interessen berücksichtigt werden, die sich nicht immer optimal in Einklang miteinander bringen lassen. Ein Beispiel dafür ist das Sondergebiet "Photovoltaikanlage am Weiler Bohnberg" unweit von Roth, wo eine 25 Hektar große Anlage entstehen soll. Hierfür läuft momentan das sogenannte Bauleitplanverfahren.

Dabei werden alle öffentlichen und privaten Interessen erfasst und abgewogen, bevor es zu einer Beschlussfassung im Stadtrat kommt. Dass es sowohl Befürworter als auch Gegner dieses Projekts gibt, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass mit jedem großen Solarpark sowohl Vorteile als auch Nachteile verbunden sind, die es in diesem Fall von der Stadt Lichtenfels individuell abzuwägen gilt.

Leitfaden liegt vor

Um die Entscheidungsfindung grundsätzlich zu erleichtern, hat das Bauamt der Stadt Lichtenfels bereits im Herbst 2018 einen Leitfaden für die Zulassung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen (PV-FFA) erstellt. Dieser enthält eine Checkliste mit verschiedenen Kriterien, die entsprechend bewertet werden, beispielsweise was die Art der betroffenen Fläche, deren Einsehbarkeit oder Beeinträchtigung des Landschaftsbildes angeht.

Wie Stadtbaumeister Gerhard Pülz erklärt, steht die Bewertungsmatrix ganz am Anfang des Entscheidungsprozess und gelte "als Orientierungshilfe und erstes Indiz, ob man sich überhaupt auf den Weg begibt". Im Falle des Vorhabens am Weiler Bohnberg befinde man sich laut Gerhard Pülz nun mitten in einem Abwägungsprozess, in dessen Zuge über 50 Stellen und Träger öffentlicher Belange angehört, Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit zusammengetragen und diese an die Stadträte weitergegeben werden. "Es wird nicht sofort immer alles genehmigt, sondern auf demokratische Weise im Zuge des Bauleitverfahrens entschieden", so Pülz. Darüber hinaus müssen von der zuständigen Projektierungsfirma Südwerk GmbH noch weitere Unterlagen, darunter ein detaillierter Umweltbericht sowie ein Blendgutachten vorgelegt werden.

Unterschiedliche Interessen

Um zu verstehen, wie verzwickt sich die Lage gerade bei der Zulassung von Solarparks auf Acker- und Grünlandflächen darstellt, ist es wichtig, verschiedene Interessensgruppen zu diesem Thema anzuhören. Da wären beispielsweise Naturschutzverbände wie der Nabu oder Bund, die PV-Anlagen grundsätzlich als wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Energiewende betrachten. Sie fordern jedoch, den Fokus verstärkt auf die Dachanlagen von Gebäuden zu legen. Dem pflichtet auch Anton Reinhart vom Bund Naturschutz Lichtenfels bei, der im Falle des Projekts am Weiler Bohnberg von einer "Zupflasterung mit Photovoltaik" spricht, die er so eigentlich nicht befürworten würde. Sollten die Anlagen dennoch errichtet werden, sei es auf jeden Fall essenziell, dass die Flächen dem Naturschutz dienen und einen Beitrag zur Biodiversität leisten.

Die Projektierungsfirma Südwerk GmbH wiederum will diesem Aspekt unter anderem mit dem Ansäen von Blühwiesen zwischen den Solarmodulen begegnen. Dies sei beispielsweise in Bad Rodach und Neustadt an der Aisch bereits erfolgreich umgesetzt, wie Geschäftsführer Manuel Zeller-Bosse auf Nachfrage mitteilt und mit Bildern belegt. Inwieweit sich Freiflächenanlagen langfristig auf die Natur auswirken, ist noch ungewiss. Laut Nabu fehlen hierzu bislang ein Langzeitmonitoring und damit detaillierte Kenntnisse. Im Vergleich zu anderen Technologien zur Energieerzeugung seien die negativen Auswirkungen von Solarparks auf die Natur begrenzt. Dennoch stellen sie eine Veränderung der Landschaft und somit eine Beeinträchtigung für Arten bis hin zum Verlust von Lebensräumen dar. Dies hänge aber auch stark von der Anlagengröße, Standort und Bauart ab und sollte bestenfalls im Einzelfall überprüft werden. Hierzu hat der Nabu gemeinsam mit dem Bundesverband Solarwirtschaft einen Kriterienkatalog für eine naturverträgliche Errichtung von PV-FFA veröffentlicht, der bei Entscheidungsprozessen hinzugezogen werden kann.

Flächenverlust für Landwirtschaft

Eine weitere, wichtige Interessensgruppe sind Landwirte. Wie Georg Schauer, Landwirt aus Ebensfeld und Lehrbeauftragter an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Weihenstephan-Triesdorf, erklärt, haben vor allem größere landwirtschaftliche Betriebe rund 60 bis 70 Prozent ihrer Flächen gepachtet. Erhalten also die Grundbesitzer dieser Flächen mehr Pacht von den PV-Betreiberfirmen als der Landwirt zahlen kann, geht der Landwirtschaft Acker- und Grünland, zum Beispiel für den Futteranbau, verloren. Stark davon betroffen ist Familie Schmitt aus Thelitz, die auf diese Weise bereits 48 Hektar Pachtflächen verloren hat und in der Folge ihren Bestand an Milchkühen drastisch reduzieren musste. Wie Michael Schmitt bestätigt, handele es sich dabei auch um Flächen am Weiler Bohnberg: "Dieses Jahr können wir dort noch Mais anbauen, aber dann ist Schluss damit."

Dass derartige Flächenverluste landwirtschaftliche Betriebe gar in existenzielle Krisen stürzen können, gibt in diesem Zusammenhang Junglandwirt Simon Holl aus Stöcken zu Bedenken und fordert, mehr Dachflächen für die solare Energiegewinnung zu nutzen. Damit folgt er der Position des Bayerischen Bauernverbandes, welcher sich in einer offiziellen Stellungnahme an Staatsminister Aiwanger im Juli letzten Jahres klar dafür ausgesprochen hat, der Installation von PV-Anlagen auf Dächern den Vorrang zu geben und die Entwicklung bei der Aufstockung von PV-Freiflächenprojekten wachsam zu beobachten sowie gründlich zu evaluieren.

Keine leichte Entscheidung

Aus der Bevölkerung sind ebenfalls kritische Stimmen zu hören, zum Beispiel von Pius Christa aus Altenkunstadt. Er ist der Meinung, dass die Flächen sehr wohl einsehbar seien und die geplanten Maßnahmen am Weiler Bohnberg gravierende Auswirkungen auf das Landschaftsbild hätten. Unterstützung erhält er dabei von Andreas Kremer, der in der unmittelbaren Umgebung des Areals biologischen Ackerbau betreibt. Neben dem optischen Aspekt stört ihn vor allem der Flächenverlust: "Es werden von vielen Landwirten Flächen gesucht und hier sollte die Landwirtschaft Vorrang haben." Selbst Hanglagen stellen hier generell kein Hindernis dar, wie unter anderem Wolfgang Weis, Landwirt aus Oberlangheim, bestätigt. Seine Suche nach Ackerflächen erstreckt sich sogar über den Landkreis Lichtenfels hinaus. Die Planungshoheit jedenfalls liegt bei der Stadt Lichtenfels und damit auch die Entscheidung, ob am Weiler Bohnberg künftig in großem Umfang Sonnenenergie "geerntet" werden darf. Wie bei Bauleitplanverfahren üblich, wertet die Verwaltung alle eingegangenen Anregungen und Stellungnahmen aus und stellt diese in einer Vorlage den Stadträten zur Verfügung. Es liegt nun also letztlich bei den politischen Mandatsträgern, sorgsam abzuwägen und neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten auch die des Naturschutzes und der Landwirtschaft zu berücksichtigen.