andrat Christian Meißner (CSU) konnte kaum seinen Augen trauen, als er das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie der Caritas sah. Demnach belegt der Landkreis Lichtenfels bayernweit einen der hinteren Plätze, was die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss anbelangt. 52 seien es im Jahr 2009 gewesen, was einem Prozentsatz von 6,48 Prozent entspricht - gemessen an der Schülerzahl im Jahr 2007. Das ist nicht der schlechteste Wert in Oberfranken: Die Stadt Hof schneidet hier mit 11,51 Prozent am schlechtesten ab. Der oberfränkische Durchschnitt liegt bei 5,81 Prozent bei Schülern, die die 9. Klasse ohne Hauptschulabschluss verlassen haben.
Dass dieses Ergebnis ihn in keinem guten Licht präsentiert, weiß Christian Meißner. Alarmiert bat er den Direktor des Schulamts, Norbert Hauck, "die Statistik darzustellen". Der sagte auf Nachfrage unserer Zeitung, dass die Prozentzahl aus der Studie "nur bedingt aussagekräftig" sei - sie müsse richtig interpretiert werden. Frei nach dem Motto: Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast? Nein, so sei es nicht. Hauck macht der Caritas nicht den Vorwurf, gravierende Fehler begangen zu haben. Einiges wollte er aber klarstellen: Genau genommen hätten 2009 lediglich neun Schüler die Mittelschule ohne Hauptschulabschluss verlassen.

Nicht nur Mittelschüler betroffen


Die Gründe, weshalb 43 weitere in der Caritas-Studie auftauchen, lägen für ihn auf der Hand: Vor allem die Förderschüler machen einen vergleichsweise großen Anteil an den Abgängern ohne Hauptschulabschluss aus. Rund 30 von ihnen hatten 2009 laut Werner Lindner, dem Rektor der St.-Katharina-Schule in Lichtenfels, nach der 9. Klasse keinen Hauptschulabschluss in der Tasche. Zum anderen würden beispielsweise auch Gymnasiasten, Realschüler und Wirtschaftsschüler in der Studie mitgezählt, "die in der 9. Klasse durchfallen und dann an die Mittelschule wechseln", erklärt Hauck. Teil der Statistik sind sie deshalb, weil sie nur einen Zeitpunkt zum Ende des Schuljahres betrachtet. Für den Direktor des Schulamtes lässt die Studie außen vor, was danach passiert: Die meisten Schüler, die von anderen Schularten auf die Mittelschule wechseln, würden nämlich "einen ordentlichen Quali" machen, sagt Hauck.
Wolfgang Fischer, Rektor der Herzog-Otto-Mittelschule in Lichtenfels, nimmt seine Schüler in Schutz: Der Großteil tue alles dafür, um den Hauptschulabschluss zu erreichen. Daher sei der Prozentsatz jener, die es nicht schaffen, auch sehr gering. Förderschulrektor Werner Lindner sieht seine Schüler ebenfalls durch die Caritas-Studie ungerecht behandelt: Rund die Hälfte seiner Schüler schaffe den Hauptschulabschluss - aber eben nicht nach neun Jahren. "Meine Schüler brauchen meistens zehn Jahre für den Abschluss", sagt Lindner. Da die Studie aber nur die Neuntklässer betrachtet, werden die Förderschüler automatisch als "ohne Hauptschulabschluss gewertet". "Aber das Jahr drauf haben sie einen Abschluss - das hat die Studie verfälscht", fügt Lindner hinzu.
"Es darf nicht alles in einen Topf geworfen werden", betont Norbert Hauck. Bei der Lesart der Studie müsse genau darauf geachtet werden, welche Schüler welcher Schulart weswegen keinen Hauptschulabschluss erreicht haben. Bei den 52 Schülern, die die Studie als "ohne Hauptschulabschluss" auflistet generell von "Schulversagern" zu sprechen, wie es in der Berichterstattung einiger Medien geschehen ist, sei falsch. Bei den betroffenen Förderschülern ärgert ihn das besonders. Diese als "Versager" zu bezeichnen, nur weil sie etwas länger brauchen und speziell vorbereitet werden müssen, darüber könne er nur den Kopf schütteln.

Nicht alles in einen Topf werfen


Nichtsdestotrotz ist die Caritas-Studie ein Hinweis, dass hier Handlungsbedarf besteht. "Dass wir die Zahl der Abgänger ohne Hauptschulabschluss senken wollen, ist ganz klar", gibt Hauck zu und stimmt mit Landrat Christian Meißner überein. Der sagte kürzlich im Rahmen der Bürgermeisterdienstbesprechung zu diesem Thema, dass er "nichts schönreden" wolle. Deswegen habe er den neuen Zukunftscoach des Landkreises, Dilber Demiray, beauftragt, dem Problem entgegenzutreten. Sie soll Vorschläge erarbeiten, was der Landkreis Lichtenfels verbessern könnte. "Wir müssen die Situation jetzt erst einmal analysieren, um dann zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen", erklärt Andreas Grosch, der Pressesprecher des Landratsamts. Mögliche Maßnahmen könnten Bildungspatenschaften sein, ein Ferien- und Lerncampus, Nachmittagsprogramme für Schulen, die so etwas noch nicht eingeführt haben, oder E-Learning-Modelle.
Bis 2013 soll Dilber Demiray ihre Vorschläge ausgearbeitet haben und im Jahr darauf soll analysiert werden, inwiefern diese Projekte erfolgreich sind.
Das Problem der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss ist deshalb so dringlich, weil die Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben als andere Bewerber, die zumindest einen Hauptschulabschluss vorweisen können. Daher dürften die Abgänger ohne Abschluss die Jugendarbeitslosigkeitsrate erhöhen.
Hier steht der Landkreis laut Wolfgang Franz, Geschäftsführer des Jobcenters Lichtenfels, ohnehin nicht gut da: "Wir haben im Hartz-IV-Bereich mehr junge Arbeitslose als in anderen Regionen." Im April seien es 60 Jugendliche gewesen, die im Kreis Lichtenfels Hartz-IV-Leistungen bezogen haben - 13 Prozent mehr als zum selben Zeitpunkt im Vorjahr. Im Juni waren es noch 50 Jugendliche.
Da die Schulabgänger durch den demographischen Wandel weniger würden, so Franz, sei es wichtig, "die, die da sind, so gut wie möglich zu integrieren". Bereits im Mai habe das Jobcenter Bildungsmaßnahmen eingekauft, die laut Franz ab dem 20. August beginnen werden. Darunter finde sich ein "Bildungsangebot mit sozialpädagogischer Betreuung". Darunter fallen Trainingseinheiten, wie man sich richtig bewirbt, aber vor allem Hilfestellungen, wenn das Kind in Sachen Hauptschulabschluss eigentlich schon in den Brunnen gefallen ist: "Wir überlegen, wie man als Externer mit der Hilfe von Sozialpädagogen den Hauptschulabschluss nachholt", erklärt Franz.
Dass Schüler schon früh erkennen, wie wichtig ein Hauptschulabschluss ist, daran arbeitet auch der Arbeitskreis "Schule Wirtschaft": Er versucht, "Betriebe und Schule miteinander zu verzahnen", sagt Wolfgang Fischer. Diese geschehe beispielsweise durch Betriebserkundungen und der jährlichen Ausbildungsbörse. Alles mit dem Ziel, dass die Schüler ihren Abschluss machen, um dann erfolgreich ins Berufsleben zu starten.