Mehr als ein Duzend Kinder sind im Zimmer, es herrscht beinahe vollkommene Stille. Zu hören ist nur das Reiben der Kreiden auf dem rauen Papier. Die Malerin Elfriede Dauer geht von Schüler zu Schüler und gibt leise Tipps zur Bildkomposition und zum Umgang mit den Pastellfarben. Auf den Schulbänken in kleinen Vasen steht das Bildmotiv: die Wiesen-Schlüsselblume. Sie wurde zur Blume des Jahres 2016 gewählt und steht nun Modell für ein dreitägiges Kunstprojekt an der Friedrich-Baur-Grundschule in Burgkunstadt.

Der achtjährige Julian Maciol gibt zu, dass er der Frühlingsblume mit den dottergelben, röhrenartigen Blüten bisher kaum Beachtung geschenkt hat. Wie in einer Großaufnahme hat er jedes einzelne Detail des Blütenstands abgemalt, erst mit Bleistift dann mit Pastellkreide. Man sieht, Julian hat bereits Erfahrung im Zeichnen, in seiner Freizeit entwirft er Comics. Der Himmel hinter seiner Schlüsselblume leuchtet strahlend blau, bei Mitschüler Leon Peterson erstrahlt der Hintergrund in einem satten Rot. "Das ist die Abenddämmerung", erklärt der Neunjährige aus Mainroth. Die Blüten seiner Schlüsselblume sind nicht gelb, sondern Kobaltblau, denn das ist seine Lieblingsfarbe.


Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

"Wir malen und fotografieren nicht", sagt Projektbetreuerin Elfriede Dauer aus Weismain. Der Fantasie der Kinder seien keine Grenzen gesetzt. Das hat sich der elfjährige Umair Hussain aus Burgkunstadt nicht zweimal sagen lassen. Um seine Schlüsselblumen schwirren nektarsaugende Kolibris. "Die kleinen Vögel kenne ich aus dem Fernsehen, aus Tierdokus", sagt Umair. So bringt jeder kleine Künstler seine eigenen Erfahrungen ein, so wird jedes Bild ein Unikat.

Die gesamten dritten und vierten Klassen der Grundschule nehmen am Kunstprojekt teil, das sind 92 Schüler, also 92 ganz unterschiedliche Bilder von ein und derselben Blume. Allesamt will Elfriede Dauer mit farbigen Holzrahmen und Passpartouts ausstatten. Die fertigen Kunstwerke werden im Juli in der alten Vogtei zu sehen sein. Dort findet sie dann statt, die "Jahreskunstausstellung und Vernissage der Friedrich-Baur-Grundschule Burgkunstadt". Auch andere Werke aus dem Kunstunterricht der Schule werden dort ausgestellt. Schulleiterin Susi Krauß gab Anstoß zu dem Projekt, um die Motivation und das Selbstwertgefühl der Schüler zu fördern. "Wir haben das Konzept zusammen mit den Eltern erarbeitet im Rahmen der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft Schule-Elternhaus", erklärt Krauß.


Heimat- und Sachunterricht mit Kunst verbunden

Für diese Art der Jugendförderung haben sich schnell Sponsoren gefunden. Elke Stadelmann von der Raiffeisenbank Obermain Nord sagt: "Das ist eine schöne Art Heimat- und Sachunterricht mit Kunst zu verbinden." Walter Partheymüller von der Sparkasse Coburg-Lichtenfels lobt die kreative Idee sowie den Regionalbezug, da die Schule mit einer heimischen Künstlerin zusammenarbeite. Zu den Sponsoren zählte auch Bernhard Betz von der Friedrich-Baur-Stiftung. Die Institutionen förderten das Projekt mit jeweils 1000 Euro. Üppig Infomaterial zur Schlüsselblume stellte die Loki Schmidt Stiftung in Hamburg zur Verfügung. Die Stiftung für Naturschutz und Umweltbildung ist benannt nach der Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Die bereits im Jahr 2010 verstorbene Hannelore Schmidt trug den Spitznamen "Loki", war Lehrerin von Beruf und engagierte sich ihr Leben lang für gefährdete Pflanzen. Die Loki Schmidt Stiftung hat die Wiesen-Schlüsselblume zur Blume des Jahres ernannt, da sie in vielen Teilen Deutschlands vom Aussterben bedroht ist, genauso wie ihr Lebensraum: sonnige, trockene Wiesen und lichte Wälder auf kalkhaltigen Böden. In Bayern ist die Schlüsselblume nicht gefährdet.

Die Jahreskunstausstellung und Vernissage der Friedrich-Baur-Grundschule Burgkunstadt soll ein Großereignis werden, mit Musik und Bewirtung. Dort werden die Kunstwerke der Schüler zum Verkauf angeboten, Eltern und Großeltern haben Vorkaufsrecht. Der Erlös kommt der Grundschule zu Gute. Es gebe schon ein paar Ideen zur Verwendung, verrät Schulleiterin Krauß, zum Beispiel neue Pausenspielgeräte.