"Was meinen Beruf von vielen anderen unterscheidet? Kein Tag ist gleich." Wenn Stephan Moser über seine Arbeit als Notfallsanitäter spricht, wird schnell klar, dass er zu Arbeitsbeginn nie sagen kann, wie die Schicht enden wird.

Der 44-Jährige fährt seit 15 Jahren Rettungseinsätze für das Bayerische Rote Kreuz in Lichtenfels – gemeinsam mit 54 hauptamtlichen und 22 ehrenamtlichen Kollegen. Einige von ihnen absolvieren gerade ihre Ausbildung zum Notfallsanitäter. Als Praxisanleiter ist Moser während der drei Ausbildungsjahre für sie verantwortlich. "Der Notfallsanitäter ist die höchste Qualifikationsstufe unter dem Notarzt", beschreibt der 44-Jährige die Unterscheidung zum Rettungssanitäter oder zum Rettungsdiensthelfer.

Die 4600-stündige Ausbildungszeit verbringen die Azubis größtenteils im Rettungsdienst oder in der Schule. Im Unterricht lernen sie in Anatomie, Biologie, Zelllehre, Gesetzeskunde, Psychologie und einigen anderen Fächern die theoretischen Grundlagen. Aber auch viele Ausbildungsstunden in einer Klinik gehören für die angehenden Sanitäter zum Pflichtprogramm. Notaufnahme und Anästhesie sind hier die Schwerpunkte.

Extremsituationen im Dienst

Das alleine wappne sie aber noch nicht für den Ernstfall, betont Moser: "Die Grundvoraussetzung für diesen Beruf ist die psychische Stabilität. Extremsituationen sind zwar nicht an der Tagesordnung, aber sie kommen trotzdem vor." Vor allem Kindernotfälle oder Patienten in Lebensgefahr könnten psychisch sehr belastend sein.

Durch Einsatzbesprechungen im Team werde aber viel aufgearbeitet, berichtet Moser. Für extrem belastende Situationen bestehe zudem die Möglichkeit, einen Seelsorger aufzusuchen. In Ausnahmefällen werde diese Option genutzt – vor allem nach größeren Einsätzen.

Derer gab es in diesem Jahr schon einige, wie Tobias Eismann berichtet. So nennt der stellvertretende Leiter des Rettungsdienstes beispielsweise einen schweren Motorradunfall in Redwitz oder einen großen Unfall bei Döringstadt – zu beiden rückte seine Mannschaft in diesem Jahr aus. Auch der Brand am Neujahrsmorgen in Lichtenfels war ein Großereignis. Im Kontrast hierzu seien die meisten Einsätze jedoch relativ harmlos oder nähmen ein gutes Ende. So wie kürzlich in einem Hotel in Bad Staffelstein. Dort habe eine Frau ihren Ehemann nach dessen Herzinfarkt bereits reanimiert und defibrilliert, ehe die Einsatzkräfte eingetroffen sind, erinnert sich Moser. "Wir haben dann übernommen, und im Rettungswagen konnte der Mann schon wieder sprechen. Die Rettungskette hat hervorragend funktioniert."

Um diese angemessen einzuleiten, gilt es bei einem Notruf einige Dinge zu beachten: Wurde früher noch die 19222 gewählt, ist es heute die 112. Ein Anruf aus dem Landkreis geht bei der Integrierten Leitstelle (ILS) in Ebersdorf ein – ebenso wie die Anrufe in Brandfällen. "In einem Notfall sollte man den Sachverhalt einfach und klar darlegen – also das schildern, was man sieht", erklärt Moser. Hinzu kommen die klassischen W-Fragen: Was ist passiert? Wo ist es passiert? Wer ruft an? Wie viele sind betroffen? Anschließend sollte der Anrufer auf Rückfragen warten. "Das geschulte Personal am anderen Ende fragt natürlich alles notwendige ab", beruhigt der Notfallsanitäter. In einer solchen Situation könne die Aufregung beim Anrufer nämlich sehr groß sein.

Weniger Einsätze durch Corona

"Im März und April gingen die Einsatzzahlen im Rettungsdienst um fast 25 Prozent zurück. Grund hierfür war sicherlich der Lockdown", gibt Eismann einen Einblick in die Statistik dieses Jahres. In der sind für 2020 bisher 7200 Einsätze verzeichnet – im Jahr 2019 waren es etwa 12 000.

Solch einer großen Menge kann das Rote Kreuz nur dank seiner guten Ausstattung begegnen. So sind zahlreiche Einsatzfahrzeuge an verschiedenen Standorten vorhanden: Während in Lichtenfels ein Notarztfahrzeug, ein Rettungswagen und ein Krankenwagen in der Garage stehen, sind es an den kleineren Stationen nur jeweils ein Rettungswagen (in Kutzenberg, Weismain und Zettlitz), beziehungsweise ein Notarztfahrzeug (in Burgkunstadt).

Einen Rettungshelikopter gibt es im Landkreis nicht – der kommt in Ausnahmefällen aus Bayreuth oder Suhl. "Die Hubschrauber heißen alle Christoph", erklärt Moser und lacht. Bei einem Notfall sei zum Beispiel der "Christoph 20" aus Bayreuth in etwa 15 Minuten am Unfallort. Für einen Rettungswagen liegt die Hilfsfrist bei maximal zwölf Minuten, wie Moser erklärt. Das ist deshalb wichtig, weil jede Minute im Ernstfall entscheidend ist. Für die Sanitäter gilt aber stets das Prinzip: Lieber ankommen als umkommen.

Eine Nacht mit zehn Einsätzen

"Während einer durchschnittlichen Zwölfstundenschicht haben wir etwa vier bis sechs Einsätze", beschreibt Moser das gewöhnliche Pensum. Ganz selten sei auch mal eine "Nullrunde" dabei. Das andere Extrem gebe es jedoch auch: "Letzte Woche hatte ich während dem Nachtdienst zehn Einsätze."

Doch nicht nur die hohe Frequenz kann für die Sanitäter anstrengend sein. Schwierige häusliche Gegebenheiten kommen manchmal dazu - etwa enge Wendeltreppen, wie Moser berichtet. Auch könne das Übergewicht von manchen Patienten zum Problem werden. Außerdem gebe es oft Abweichungen zwischen den Informationen, welche die ILS bekommt und der Situation, wie sie die Notfallsanitäter vor Ort antreffen. "Der Zustand der verletzten Personen verschlechtert sich ja auch oft, zwischen dem Anruf und unserem Eintreffen", erklärt Moser.