Die 100 Mark als Begrüßungsgeld gab es schon lange vor der Grenzöffnung. Den meisten Leuten ist dieses Thema aber nur im Zusammenhang mit dem Mauerfall bekannt. Durch die Grenznähe unserer Region holten sich viele DDR-Bürger ihr Geld in Coburg oder Lichtenfels ab.

Situation in Lichtenfels/Coburg

Jürgen Schedel, ehemaliger Mitarbeiter der Sparkasse in Bad Staffelstein, erzählt, dass die Auszahlungen eigentlich nur in den Landratsämtern stattfanden, nicht in den Banken. Da die DDR-Bürger aber gerade in der Zeit vom 9. November 1989 sehr geballt kamen und ihre 100 Mark bekommen wollten, halfen Mitarbeiter der örtlichen Sparkassen aus.

Sieglinde Maas war damals in der Sparkasse in Lichtenfels tätig und zahlte am Schalter das Begrüßungsgeld mit aus.
"Ich weiß noch, dass es ein großer Ansturm war." Die Rentnerin kann sich auch an ein weiteres Detail erinnern: "Manche kamen öfters, teilweise zwei, drei Mal zu uns und wollten das Geld holen", erzählt Sieglinde Maas.

Auch der jetzige Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Coburg-Lichtenfels, Siegfried Wölki, teilte damals das Begrüßungsgeld mit aus. Er kann sich erinnern, dass kurz vor Schalterschluss auf einmal Leute in die Hauptstelle in Coburg kamen und das Geld abholen wollten. Die Mitarbeiter seien anfangs erstaunt gewesen. Sie wussten zwar von dem Begrüßungsgeld, ausgezahlt wurde es jedoch eigentlich in der Stadt oder im Landratsamt. Die örtlichen Sparkassen hatten bis dahin nichts damit zu tun.

Nachdem der Strom nicht abgerissen ist, hatte die Sparkasse in der Stadt nachgefragt. "Man sagte uns, wir sollen das Geld auszahlen und notieren wie viel wir ausgegeben haben, damit sie es uns später erstatten können. Wir haben sozusagen auf Zuruf Geld ausgezahlt", so der Vorstandsvorsitzende.

"Irgendwann haben wir dann damit angefangen, einen Stempel in den Ausweis zu machen, damit keiner doppelt das Geld beziehen kann", berichtet er. Immer mehr DDR-Bürger machten sich auf den Weg nach Coburg, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Grund dafür war neben der Grenznähe auch der Fakt, dass der Landkreis Coburg statt 100 Mark Begrüßungsgeld 130 Mark ausgezahlt hat.

Da die Straßen in der Stadt zu dieser Zeit verstopft waren, beschloss man, die Auszahlung dorthin zu verlegen, wo die Leute in die Stadt kamen: in das Coburger Landratsamt, das auf der Straße Richtung Rottenbach liegt.

Auszahlung

Mitarbeiter der Sparkasse, unter anderem auch Siegfried Wölki, gingen am Samstag eine Stunde vor Öffnung der Auszahlungsstelle in das Landratsamt, um alles vorzubereiten. "Kurz nach acht Uhr standen die Leute schon in einer 50 bis 60 Meter langen Schlange vor dem Landratsamt an. Daran vorbeizugehen, war gar nicht so lustig. Sie sagten zu mir ´Stell dich hinten an!` Dass ich das Geld auszahle, haben mir nicht alle geglaubt", erzählt er.
Den ganzen Samstag zahlten Bankmitarbeiter das Begrüßungsgeld im Landratsamt aus. Irgendwann ist das Geld ausgegangen. "Die Landeszentralbank hat uns dann sogar samstags Geld ausgezahlt. Geldtransporter standen keine mehr zur Verfügung, also wurde das Geld im Kofferraum unserer Autos verstaut. Im Landratsamt stand das Geld dann im Wäschekorb hinter der Tür", berichtet Wölki. Und weiter: "Euphorie war definitiv zu spüren. Die Leute haben sogar in Coburg in ihren Trabis übernachtet."

Besonders fasziniert seien die Leute davon gewesen, dass man an jeder Ecke Autos kaufen konnte. "Man musste nur Geld dabei haben, und schon konnte man das Auto mit nach Hause nehmen, das konnten die meisten DDR-Bürger kaum fassen", sagt er.

Walter Partheymüller, Abteilungsleiter Unternehmenskommunikation bei der Sparkasse Coburg-Lichtenfels, war zur damaligen Zeit in der Sparkasse Lichtenfels tätig. Er erinnert sich auch noch an die Faszination für Gebrauchtwagen. "Hier im nordbayerischen Raum gab es keine Autos mehr im Wert bis zu 5000 Mark. Die Händler haben Nachschub von süddeutschen Kollegen geholt", berichtet der Abteilungsleiter. Die Gebrauchtwagenhöfe standen in dieser Zeit fast leer. "Innerhalb von wenigen Monaten war das ein extremer Umsatzschub für Kfz-Händler", ergänzt Siegfried Wölki.

Erfahrungen

Gerade in einem so grenznahen Gebiet wie Coburg haben die Bewohner viel von der Grenzöffnung mitbekommen. "Je weiter man von der Grenze weggegangen ist und sich mit den Leuten unterhalten hat, desto weniger waren sie von der Grenzöffnung betroffen. Sie kannten die Situation nur aus dem Fernsehen. Für sie war es so weit weg, das überraschte mich sehr", so Wölki. Sein erster Kontakt in die DDR kurz nach der Grenzöffnung galt den Nachbar-Sparkassen in Sonneberg und Hildburghausen. "In der Sparkasse in Hildburghausen habe ich mich in die Sparkasse meiner Kindheit zurückversetzt gefühlt: ein langer Tresen und die Schalterhalle im Stil der 30er Jahre. Richtig nostalgisch", erzählt er. In der Folge sollte es Personalaustausch und Schulungen für die Mitarbeiter im Osten geben.

Neben dem Geschäftlichem haben sich in dieser Zeit für Siegfried Wölki auch viele private Bekanntschaften ergeben, die sehr lange gehalten haben.

Besonders eingeprägt hat sich bei ihm der damalige optische Eindruck der Stadt: "Der nachhaltige Geruch der Trabis, die vielen Menschen in der Stadt und natürlich die lange Schlange vor dem Landratsamt sind Dinge, die man nicht so schnell vergisst."