Der Online-Handel ist der Wachstumsmarkt schlechthin. Rund 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die Baur Gruppe über das Internet. Im harten Wettbewerb mit den Riesen der Branche wie Amazon und Zalando setzt Baur auf ein möglichst attraktives Digital-Angebot, das ständig entsprechend den Wünschen der Kunden verbessert werde, wie Albert Klein, Sprecher der Baur-Geschäftsführung am Dienstagabend vor Mitgliedern des IT-Clusters Oberfranken in den Firmenräumen in Altenkunstadt erläuterte.

Der führende Vertriebskanal

Während sich die Technik ständig weiterentwickelt, fehlen dem Unternehmen jedoch zunehmend die Fachkräfte: Erforderlich wäre ein neues Berufsbild für Online-Kaufleute. "Das Internet ist das Leitmedium und der führende Vertriebskanal", betonte Albert Klein. Baur könne zwar nicht den Vorsprung von Branchengrößen wie Amazon einholen, doch bestimmten diese die Geschwindigkeit des Handels: Dauerte die Auslieferung einer Sendung vor 20 Jahren noch bis zu einer Woche, sei inzwischen die Lieferung am nächsten Tag der Standard. Auch die Sammlung von Information werde zunehmend zur Grundlage des Erfolgs.
Das Erfolgsrezept von Baur sei daher die ständige Innovation und "die Inspiration der Kunden durch das Sortiment", was ein Weltkonzern nicht in diesem Maße könne, wie Baur bei seiner Zielgruppe.

"Glatt wie ein Kieselstein"

"Unsere Lösungen müssen so glatt geschliffen sein, wie ein Kieselstein, damit die Kunden nirgendwo auf der Homepage hängenbleiben", erklärte Dirk Lauber, Bereichsleiter für E-Commerce. Während die meisten Unternehmen rund 25 Prozent ihres Umsatzes für Online-Werbung investierten, setze etwa Amazon stattdessen auf eine ständige Verbesserung der Technik, um Kunden anzuziehen. Diese Strategie, die Qualität der Prozesse auf der Homepage zu verbessern, verfolge auch Baur. Da von vier bis sechs Millionen Besuchern des Online-Auftritts rund drei Millionen auf der Suche nach Waren seien, gelte es, diese möglichst einfach und erfolgversprechend zu gestalten. "Ziel muss es sein, den Nutzern das bestmögliche Einkaufsergebnis zu bieten."
Rund 50 Mitarbeiter seien ständig mit Tests der Abläufe beschäftigt. Dass sich das rechnet, zeige ein Umsatzplus von acht Prozent aufgrund von Verbesserungen nach Versuchen mit verschiedenen Bedienerseiten. Und durch verschiedene Präsentationsformen für Kleidungsstücke sei es gelungen, die Retouren deutlich zu senken. Die Erfolgsgeschichte des E-Commerce-Teams, das bisher nicht nur die digitalen Anwendungen für Baur, sondern auch für die gesamte Otto-Gruppe entwickelt hat, soll fortgeschrieben werden. Dazu wird es ab März 2015 als selbstständige Tochtergesellschaft unter dem Namen empiriecom firmieren.
Der Weg, um Baurs Wettbewerbsfähigkeit im E-Commerce zu sichern, ist gebahnt, doch oft fällt es schwer, die notwendigen Fachkräfte dafür zu bekommen. "Von unseren 103 Auszubildenden in 18 Berufen haben 80 Prozent mit dem Internet zu tun, aber es gibt kein Berufsbild, das den Erfordernissen des Online-Handels gerecht wird", erklärte Ausbildungsleiter Max-Josef Weismeier. "Das Internet eilt uns voraus - Ausbildungsinhalte und schulische Lehrpläne entsprechen nicht den Aufgaben des Online-Händlers." Bisher habe sich das Unternehmen durch Internet-Schulungen und Vorträge für Azubis beholfen, doch das reiche nicht aus.

Eigenes Berufsbild

Ziel sei ein eigenes Berufsbild für Online-Kaufleute oder E-Commerce-Kaufleute. Denkbar wäre eine zweijährige Grundausbildung und darauf aufbauende vertiefende Inhalte. Als Alternative wäre auch eine Ausbildung von Online-Kaufleuten für branchenspezifische Anforderungen (Handel, Industrie, Dienstleistungsgewerbe, Verwaltung) denkbar, regte Weismeier an.
Bisher seien die Vorstöße für eine solche Neuerung an den Verbänden gescheitert. Offenbar werde gerade im Einzelhandelsbereich der Blick für die Chancen durch die Sorgen wegen möglicher Konkurrenz getrübt, bedauert Weismeier. Dabei könnten alle Bereiche des Handels von dem neuen Berufs- und Ausbildungszweig profitieren. Sogar für Läden in der Fußgängerzone wäre solche Mitarbeiter ein Gewinn - könnten sie doch beispielsweise auf den Handys von Passanten mit aktuellen Angeboten werben. Nachdem intern der Bedarf und die Möglichkeiten überprüft wurden, will Baur jetzt bei anderen Unternehmen und Interessenverbänden für das Vorhaben werben.
Bei den Mitgliedern des IT-Clusters rannte Weismeier damit offene Türen ein. Gute Chancen für eine konzertierte Aktion bei der Industrie- und Handelskammer oder den Handelsverbänden. red