Wenn die große Frau mit kurzem blonden Haar vor der Türe steht, sackt vielen Menschen im Landkreis Lichtenfels das Herz in die Hose. Nicht, weil sie eine unfreundliche Person wäre. Nein, Silvia Grasser-Lauch ist eine von vier Gerichtsvollziehern, die für das Amtsgericht Lichtenfels arbeiten. In dieser Funktion hat die Justizbeamtin es mit Menschen zu tun, die anderen Geld schulden. Unbezahlte Telefonrechnungen und geplatzte Kredite sind ihr Metier.

So wie das einer ihrer Kollegen, der am vergangenen Mittwoch in Karlsruhe von einem Mann erschossen wurde, dessen Wohnung er zwangsräumen sollte. In eine solche gefährliche Situation hat sie ihr Beruf, den sie seit neun Jahren ausübt, noch nie gebracht. "Gott sei Dank", betont die Gerichtsvollzieherin. Dass Leute ihr gegenüber aber ausfällig wurden und sie beleidigt haben, sei allerdings schon vorgekommen. "Natürlich muss man sich das ein oder andere anhören. Das ist aber eher selten", sagt sie. In diesen Fällen versucht sie, auf die Leute einzuwirken. "Wenn jemand schreit, dann schreie ich nicht zurück und versuche, vernünftig und ruhig zu bleiben." Das funktioniere meistens ganz gut.

Fast immer allein im Einsatz


Deshalb ist Silvia Grasser-Lauch auch fast immer allein im Einsatz. Bei einigen, von denen sie schon weiß, dass sie Probleme machen könnten, greift sie auf die Hilfe der Polizei zurück. Bei gewöhnlichen Pfändungen verzichtet sie darauf, aber "wie es bei einer Räumung aussieht, muss man vom Einzelfall abhängig machen", fügt Grasser-Lauch hinzu.

Generell hat sie es mit wenigen Krawallmachern zu tun. Den meisten ist es unangenehm, wenn die Gerichtsvollzieherin bei ihnen klingeln. Weil sie genau wissen, dass Silvia Grasser-Lauch nur das Ende einer langen Kette von Versäumnissen ist. "Viele tätigen jede Menge Ratenkäufe im Laufe der Zeit." Andere wiederum sind durch Arbeitslosigkeit oder weil sie sich haben scheiden lassen in die roten Zahlen gerutscht. Es gibt allerdings einige, denen ihre Schulden einfach egal sind. "Die denken ,Ich hab' doch nichts, mir kann keiner etwas wegnehmen‘", sagt sie. Da sind sie aber allerdings schlecht beraten: "Ich suche nach Zugriffmöglichkeiten und teile sie dem Gläubiger dann mit und der kann dann versuchen, das Konto oder den Lohn zu pfänden", sagt Grasser-Lauch.

Auch Autos pfändet sie notfalls


Bevor sie allerdings einen Schritt in die Wohnung eines Schuldners setzt, braucht sie einen Auftrag. Den bekommt sie direkt vom Gläubiger, der ihr ein Urteil oder einen Vollstreckungsbescheid des Amts- oder Landgerichtes vorzeigen muss. "Wenn der Schuldner nicht zahlt, reicht mir seinen Vollstreckungstitel ein und kann dann den Auftrag stellen, diesen Vollstreckungstitel durchzusetzen", erklärt Grasser-Lauch. Nun beginnt die Arbeit der Gerichtsvollzieherin - auch schon bei Beträgen von weniger als 100 Euro. Sie versucht, die Schulden einzutreiben. Gerne in bar, mittels Ratenzahlung, aber auch Gegenstände kann sie pfänden. Dann klebt sie einen Kuckuck darauf, der offiziell eigentlich Pfandsiegel heißt. "Das wende ich allerdings selten an. Was sich lohnt, sind antike Möbel und gegebenenfalls ein Auto. Gebrauchsgegenstände pfände ich in den meisten Fällen nicht."

Wenn das alles keinen Erfolg zeige, "geht es weiter mit der eidesstattlichen Versicherung". Dabei muss der Schuldner alles auflisten, was er besitzt - auch Lebensversicherungen, Bausparvertrag, seinen Kontostand. Ebenso muss der der Schuldner seinen aktuellen Verdienst angeben. Der Schuldner listet also all seine Besitztümer auf und versichert im Anschluss mit seiner Unterschrift, dass er die Wahrheit sagt. Anhand des Vermögensverzeichnisses kann der Gläubiger anschließend versuchen, beispielsweise eine Lebensversicherung zu pfänden. "Wenn auch das nicht fruchtet, steht der Gläubiger zumindest im Schuldnerverzeichnis am Amtsgericht und bei der Schufa", sagt Silvia Grasser-Lauch.

Mit Schufa gibt's nicht mal mehr einen Handyvertrag


Für die verschuldete Person hat das weitreichende Folgen: "Derjenige wird mit einem Schufaeintrag nicht einmal mehr einen Handyvertrag geschweige denn einen Kredit abschließen können", sagt sie. Eine gewöhnliche Pfändung samt eidestattlicher Versicherung koste bei der Gerichtsvollzieherin rund 60 Euro. Geld, das sie nicht behält, sondern an die Justiz abführe. Dass die Gebühren für Gerichtsvollzieher moderat sind liegt daran, dass es für Schuldner und Gläubiger gerecht sein soll. Für den Schuldner, weil er die Gebühr bezahlen muss, wenn er seine Schuld bezahlen kann und für den Gläubiger, weil er das Geld entrichten muss, wenn der Schuldner nicht zahlen kann.

Selbst wenn es für manche Betroffene anders anmutet: Silvia Grasser-Lauch möchte niemanden in die Pfanne hauen. Im Gegenteil, sie möchte den Schuldnern helfen. Mit ein Grund, weswegen sie nach fast zehn Jahren noch immer gern Gerichtsvollzieherin ist.