Altenkunstadt
Heimatgeschichte

Am Marktplatz ging es hoch her

Altenkunstadt machte vor 80 Jahren turbulente Zeiten durch. In der Kommunalpolitik mischten Nazis und Kommunisten mit, und "Spitzbuben" trieben als Einbrecher ihr Unwesen. Erfreulich war das blühende Vereinsleben.
Ob Leichenzug, Prozession, oder Festzug - auf dem Altenkunstadter Marktplatz pulsierte Anfang der dreißiger Jahre das Leben. Auch in den zahlreichen Gastwirtschaften am Marktplatz - zeitweise waren es deren fünf - ging es hoch her; links auf dem Bild die "Gaststube im Braunen Haus", die das Parteilokal der Nationalsozialisten war, rechts die Gastwirtschaft Sünkel.
Ob Leichenzug, Prozession, oder Festzug - auf dem Altenkunstadter Marktplatz pulsierte Anfang der dreißiger Jahre das Leben. Auch in den zahlreichen Gastwirtschaften am Marktplatz - zeitweise waren es deren fünf - ging es hoch her; links auf dem Bild die "Gaststube im Braunen Haus", die das Parteilokal der Nationalsozialisten war, rechts die Gastwirtschaft Sünkel.
"Die Zeiten sind recht aufgewühlt", stellte der Altenkunstadter Bürgermeister Georg Heinkelmann vor 80 Jahren in seinem Jahresrückblick mit sorgenvollem Unterton fest. Viele Familien litten unter der hohen Arbeitslosigkeit, vor allem die "Fabrigge" in den "Schuh-Buudn" und in der "Porzliina".
Einen Ortsverband der Kommunistischen Partei (KPD) hatte man 1932 in dem eher bürgerlich orientierten Altenkunstadt gegründet. Die Mitglieder der KPD versprachen, sich für Arbeit und Broterwerb einzusetzen. Das Gleiche taten mit denselben lauten Tönen die Nationalsozialisten, die bereits 1927 eine Ortsgruppe in Altenkunstadt ins Leben gerufen hatten.
Gleiche Ziele verfolgten natürlich auch die Mitglieder der Bayerischen Volkspartei und die Sozialdemokraten, die ihre Anliegen weniger marktschreierisch hinausposaunten, dafür aber für die Politik der kleinen Schritte im Gemeinderat sorgen mussten.
Im Oktober 1932 hatte die
Altenkunstadter Porzellanfabrik Hager ihren Betrieb endgültig einstellen und die letzten 17 Arbeitskräfte entlassen müssen. Der Fall der englischen Valuta hätte ihr den endgültigen Todesstoß versetzt, lautete die offizielle Version. Karl Nehmzow, gebürtig aus Altona bei Hamburg, übernahm im Frühjahr 1933 die "Aldnkuuschde Porzliina".

Nazis stark in Strössendorf

Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 hatte in Altenkunstadt die Bayerische Volkspartei mit rund 38 Prozent die meisten Stimmen erhalten, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 30 Prozent, den Nationalsozialisten mit 24 und den Kommunisten mit sieben Prozent.
Im nahe gelegenen Strössendorf hatte der Stimmen-Anteil der Nationalsozialisten dagegen bei 67 Prozent gelegen, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 20 Prozent. Lediglich eine Person hatte in Strössendorf die Bayerische Volkspartei gewählt, galt diese Gruppierung im evangelischen Pfarrdorf doch als "katholische Milieu-Partei".
Die allgemeine Verzweiflung, die sich in manchen Familien breit gemacht hatte, spiegeln Meldungen wider über das "zunehmende Unwesen, das dreiste Spitzbuben betreiben würden". Bei Bauern und in Lebensmittelläden am Obermain wurde immer wieder eingebrochen.

Aus dem Vereinsleben

Dennoch blühte das Vereinsleben: Der Schachklub Altenkunstadt ernannte bei seiner Weihnachtsfeier seinen langjährigen ersten Vorstand, den Mühlenbesitzer Hans Grießinger, zu seinem Ehrenmitglied. Radfahrerverein "Concordia" und Arbeiter-Gesangverein luden am ersten Weihnachtsfeiertag zu Christbaum-Verlosungen ein.
Die Mette und der Hauptgottesdienst am ersten Feiertag verzeichneten hohe Besucherzahlen. Für seine Beiträge in beiden Gottesdiensten wurde der katholische Kirchenchor "unter der Leitung seines neuen rührigen Dirigenten Oskar Bonfig" in der Presse besonders hervorgehoben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag "war die Christbescherung im hiesigen Kinderheim unter der Regie der tüchtigen Klosterschwestern außerordentlich gut besucht, ja eine große Anzahl der Gäste musste wegen Platzmangel wieder umkehren". Eine Wiederholung der Veranstaltung wurde für den Neujahrstag versprochen.

"Deutsche Weihnachtsfeier"

Bei der Ankündigung der "Christbescherung" hatte folgende Formulierung die Situation am Jahresende 1932 gut wiedergegeben: "Eintritt wird nicht erhoben, doch werden vermögendere Leute gebeten, zur Deckung der Unkosten ihr Scherflein beizusteuern."
Es fällt auf, dass die meisten Weihnachtsfeiern - im Gegensatz zu heute - tatsächlich erst an Weihnachten und in der Weihnachtszeit bis Dreikönig stattgefunden haben. Lediglich die Nationalsozialisten luden zum "Tag der Wintersonnenwende" am 21. Dezember in den Saal des Hotels "Stern" nach Burgkunstadt ein. Dort veranstalteten die NSDAP-Mitglieder aus Altenkunstadt und Burgkunstadt eine "große deutsche Weihnachtsfeier". Festredner war Gauleiter Hans Schemm aus Bayreuth.
Franz Joseph Ahles aus Burkheim hatte in einem Gedicht am Jahresende 1932 in einer Strophe beschworen: "Gottes Hand führt niemals irre. / Er soll unser Führer sein. / Menschenkraft kann oft versagen. / Gott kann retten und verzeihn." Nur einen Monat später, am 30. Januar 1933, wurde ein neuer "Führer" zum großen Verführer.