"Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Rasierpinselbaum in der Mitte auseinanderreißt", erklärt der Fotograf und Naturschützer Horst Schunk und deutet auf die beiden großen Löcher im Stamm des uralten Baumes. Bereits vor vielen Jahren entschied die Obere Naturschutzbehörde in Bayreuth, dass keine weiteren bestandserhaltenen Eingriffe unternommen werden, um den "Hüter des Feldes" zu retten, denn der älteste Baum Bayerns sei bereit zu sterben. Der "Rasierpinselbaum", wie er im Volksmund wegen der markanten Form seiner Krone genannt wird, geht also nach rund 1000 Jahren tatsächlich zu Grunde.

Das Aussterben schreitet voran

Obwohl sein Stamm, der einen Umfang von sechs Metern umfasst, innen völlig hohl ist, ergrünte diese eigenwillige Baumgestalt jedes Jahr aufs Neue.
Der Rasierpinselbaum wurde von der Naturschutzbehörde schon mehrmals beschnitten, um zu verhindern, dass er auseinanderbricht. Der Mantel des hohlen Stammes ist an manchen Stellen gerade einmal 20 Zentimeter dick - er kann die Last der schweren Krone kaum noch halten. Doch trotz aller Anstrengungen schreitet das Absterben unausweichlich voran.

Durch einen starken Pilzbefalls im vergangenen Jahr, von dem sich die Eiche nicht erholen konnte, sind 40 Prozent der Krone abgestorben. Die dicken Äste des Baumes sind auf der einen Seite komplett kahl, während die andere Seite noch blüht.

Doch auch dem gesunden Teil sieht man das Alter der Pflanze schon deutlich an: Die Blätter der Eiche sind im Verhältnis zu einem gesunden Baum deutlich kleiner, und sie produziert schon lange keine Früchte mehr.
Mit seiner außergewöhnlichen Erscheinung lockt der Baum viele Naturfreunde und Fotografen an. Auch Horst Schunk aus Coburg wurde, als er vor 30 Jahren auf dem Weg ins Maintal war, auf die ungewöhnliche Form des Baumes aufmerksam und entschloss sich, die Eiche immer wieder zu fotografieren, wenn er hier vorbei kommt.

Im Wechsel der Jahreszeiten

Seitdem begleitet er den "Hüter des Feldes" und hält besondere Momente, die sich aus dem Zusammenspiel mit den Farben der Jahreszeiten ergeben, mit der Kamera fest. Fotografien des Rasierpinselbaumes zieren viele Postkarten und das Deckblatt des Buches: "Über den Tag hinaus - Leben mit Bäumen". Wenn man sich den "Hüter des Feldes" einmal ansieht, wird auch klar, woher die Eiche ihren Namen hat: Einsam und fest verwurzelt steht die Baumgestalt auf einer Wiese inmitten der Felder auf einer Anhöhe bei Nedensdorf. Doch erst aus der Nähe werden das Ausmaß und die Kraft, die der Baum ausstrahlt, bewusst.

Das erkannten auch die Macher des Kinofilms "Luther" , in dem der "Hüter des Feldes" zu sehen ist: Gleich zu Beginn sucht der junge Luther Schutz unter der großen Eiche. Zudem spielt der Film im Jahre 1505, einer Zeit, als der Baum schon lange stand - die Eiche ist also ein echter Zeitzeuge, das ist wahrlich ein Naturwunder. "Der Rasierpinselbaum und ich, wir sind beide in den letzten 30 Jahren merklich gealtert", scherzt Schunk, der 20 Jahre Vorsitzender des Vereins "Baumschutz Coburg" war. Ihm ist der Respekt vor den Lebewesen sehr wichtig. Seiner Meinung nach verdienen alte Bäume wie dieser, die schon so lange vor uns auf der Erde weilen, Achtung und Schutz.

Diese besondere Eiche sei ein Symbol für Ausdauer, Langlebigkeit, Überlebenswillen und Robustheit. "Man muss sich nur einmal vorstellen, was der mit seinen 1000 Jahren alles gesehen und überlebt hat: Mittelalter, Ritter, Hexenverbrennung, den Dreißigjährigen Krieg und vieles mehr", sagt der Naturschützer.

Doch die Zeit des Rasierpinselbaums läuft nun ab. "Nach 1000 Jahren ist es okay zu gehen", meint Horst Schunk. Er sei zwar traurig darüber, aber es sei normal - "das ist der Kreislauf des Lebens". "Der Baum stand immer frei und ungestört, nur dadurch konnte er überhaupt so alt werden", sagt er.