Unterneuses
Nostalgie

100 Jahre Schulhaus in Unterneuses

Im Januar 1912 wurden erstmals im Schulhaus Unterneuses Unterricht gehalten, 1972 letztmals. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus. Im Ebensfelder Gemeindearchiv befinden sich Akten, die den Schulhausbau vor über 100 Jahren dokumentieren.
Das Gebäude heute: Seit 1977 ist die Unterneuseser Schule ein privates Wohnhaus. Um 1972 wurde darin letztmals Unterricht gehalten.
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Wenn Steine reden könnten... Können sie aber nicht. So ein Schulhaus ist nunmal maulfaul. Einem Interview steht es verschlossen gegenüber. Einzig die Jahreszahl 1911 ist aus ihm herauszukriegen.
Papier ist schon redseliger. Im Gemeindearchiv Ebensfeld finden sich Akten, die das rund 30-jährige Bemühen der Unterneuseser und Pferdsfelder Bürger um ein eigenes Schulhaus dokumentieren. Am 5. Februar 1910 schließlich plädierten die Bürger beider Dörfer, die damals eine politische Gemeinde bildeten, für den Bau eines eigenen Schulhauses. 1911 wurde das Gebäude errichtet, und im Januar 1912 konnte der Unterricht in Unterneuses beginnen.
Für Kinder und Eltern bedeutete das damals eine große Erleichterung. Zuvor hatten die Unterneuseser Kinder bei Wind und Wetter nach Ebensfeld, die Pferdsfelder Kinder nach Horsdorf laufen müssen. Ab 1912 wurde alles einfacher: Kurze Wege, warmes Mittagessen, geringe Unterrichtsversäumnisse. Viele Schülergenerationen besuchten in den folgenden Jahren den Unterricht in dem 65 Quadratmeter großen Lehrsaal. Von 1912 bis 1969 wurden die Kinder hier regulär unterrichtet; bis 1972 fand noch sporadisch Unterricht in dem Gebäude statt, das 1977 in Privatbesitz überging.

Ordnung ins Chaos gebracht


Hans Gahl, pensionierter Lehrer aus Unterneuses und ehemaliger Ebensfelder Marktgemeinderat, ordnete vor einem Jahrzehnt den Nachlass der früheren Gemeinden im Auftrag des Marktes Ebensfeld. Kreuz und quer lagen die Unterneuseser Aktenfaszikel in einem Waschkorb, erinnert sich der 75-Jährige. Etwa drei Jahre widmete er sich der Aufgabe, die Dokumente der Ebensfelder Gemeindeteile zu ordnen und zu katalogisieren.
Besonders interessant sei, dass die Unterneuseser Bürger gemeinsam mit den Pferdsfeldern den Bauplatz für die Schule unentgeltlich zur Verfügung stellten, damit ihre Kinder nicht mehr so weit in die Schule laufen mussten. Die Ökonome Johann Lämmlein und Martin Wittmann traten Teile ihres Grundbesitzes ab und erhielten "neun Mark pro Dezimal", also einen relativ geringen Quadratmeterpreis, als Entgelt.
Der Schulhausbau selbst kostete 26 200 Mark. Finanziert wurde der Bau durch staatliche Mittel, doch vor allem durch die Aufnahme eines bis in die 1930er Jahre laufenden Kredits über 19 000 Mark bei der Distrikt sparkasse Lichtenfels.
Einer, der selbst in diesem Schulhaus unterrichtet wurde, ist Bernd Hofmann. Ende der 1950er Jahre erlebte der heute 63-Jährige noch den "Vollbetrieb" des Schulhauses - also jene Zeit, in der alle Kinder von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum unterrichtet wurden.
Lebendig sind seine Erinnerungen an den Unterricht bei Oberlehrer Peter Ziegler. Bis zu 60 Kinder saßen, klassenweise gestaffelt, im Unterrichtssaal. Als die alten Schulbänke von 1912 gegen Ende der 1950er Jahre durch moderne Möbel ersetzt wurden, sei die Freude der Schüler groß gewesen.
Die Jubiläumsfeier 1962, zum 50-jährigen Bestehen des Schulhauses, gestaltete Bernd Hofmann aktiv mit: "Da haben wir Theater gespielt." Die älteren Schüler brachten ein anspruchsvolleres, zweistündiges Stück mit Gesang auf die Bühne, die im Schulsaal aufgebaut worden war. Die kleineren Kinder führten einen Einakter auf. Regie führte Oberlehrer Ziegler. Aus den Einnahmen wurden Bücher gekauft, um die Schulbibliothek aufzustocken.
Beim Blättern in alten Schul-Kassa-Büchern kommen Bernd Hofmann viele Erinnerungen: An Tagesausflüge zu Fuß nach Kloster Banz zur Petrefaktensammlung oder in die Eierberge; an das flaue Gefühl aller, wenn der Schulrat seinen Besuch angekündigt hatte sowie an die Ausstellungen jener Dinge, die im Werk- oder Bastelunterricht entstanden waren.
Oberlehrer Ziegler habe auch einen Schülerchor zusammengestellt. Dieses Ensemble hatte immer dann öffentliche Auftritte, wenn Dorfbewohner einen runden, hohen Geburtstag feierten.

Dialekt beider Dörfer erforscht


"Mit den oberen Klassen machte Lehrer Ziegler Dialektsammlungen", sagt Bernd Hofmann grinsend. Er erforschte, welche Gegenstände in Unterneuses und Pferdsfeld verschiedene Namen tragen. Im Gedächtnis blieben ihm vor allem zwei Wörter: Aus "Stroh" (Unterneuses) wird im einen Kilometer entfernten Pferdsfeld "Struah", aus "Schuh" wird "Schuah". Diese fränkischen Vokabeln gehören zum 100-jährigen Wortschatz, den das Schulhaus stumm hütet. Wenn es nur reden könnte ...
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