Vom Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Michelauer Korbmacher zeugte das Jubiläum, das sie 1896 begingen. Der Anlass für diese Feier beruhte allerdings auf einem Irrtum.

1895 oder kurz zuvor hatte man auf dem Dachboden des Gasthauses zur Krone die Liste der Mitglieder der Korbmacherzunft entdeckt. Dieses Verzeichnis war 1795 angelegt worden. Daraus schloss man, die Zunft sei in diesem Jahr gegründet. Tatsächlich war sie bereits 1770 ins Leben gerufen worden. 1895 meinte man aber in Michelau, die 100-Jahr-Feier der Zunftgründung begehen zu können. 1895 konnte das Fest nicht abgehalten werden, denn in diesem Jahr fanden bereits die Fahnenweihe des Turnvereins und das 25. Jubiläum der Schlacht bei Sedan statt. So beschloss ein im Oktober zusammengetretenes Festkomitee, der Zunftgründung erst 1896 zu gedenken.

Zum Vorsitzenden wählte das Komitee Georg Held. Daneben gab offenbar der dichtende Korbmacher Fritz Aumüller (1849-1916), genannt Grafn-Fritz, den Ton an. Er hat uns auch einen handschriftlichen Bericht über die Jubelfeier hinterlassen. Im Frühjahr 1896 gingen die Komiteemitglieder die Korbhändler in Michelau, Lichtenfels und den benachbarten Ortschaften um Spenden an, um die Feier finanzieren zu können. Am spendabelsten erwiesen sich Amédée Hourdeaux, der Gründer der Aktiengesellschaft für Korbwaren-Industrie in Lichtenfels, der damals in Bamberg lebte, und Georg Gagel in Coburg, ein gebürtiger Michelauer. Sie gaben je 100 Mark. Insgesamt erbrachte die Sammlung 1364 Mark, so dass Plakate, Informationsblätter und Anmeldebögen gedruckt und versandt werden konnten.

Festschrift mit zwei Beiträgen

Neben Geld wurden historische Dokumente gesammelt, und Fritz Aumüller befragte die beiden Nestoren des Korbhandels, Konrad Gagel (1819-1902) in Coburg - den Vater des erwähnten Georg Gagel - und Heinrich Krauß in Lichtenfels (1819-1896) über ihre Erinnerungen an die Frühzeit der Korbindustrie. Gestützt auf das so gewonnene Material, wurde eine Festschrift erstellt, die zwei Beiträge enthielt: einen historischen Überblick, den der Michelauer Student Johann Georg Held (1875-1950), nachmals Doktor der Theologie und Kirchenrat im böhmischen Asch, verfasste, und die Rede, die Fritz Aumüller beim Festakt vortrug. Das Büchlein wurde in einer Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt. Als Protektor (Schirmherrn) konnte das Komitee den Regierungspräsidenten von Oberfranken, Rudolph Freiherrn von Roman zu Schernau (1836-1917), gewinnen.

Fritz Pfaff trug Korbmacherfahne

Am 21. Juni 1896, einem Sonntag, wurde das Fest begangen. Über den Verlauf meldete die örtliche Presse: "Michelau hatte sein schönstes Festkleid angelegt. An den Straßeneingängen Ehrenpforten, geziert mit Produkten der feinen Korbwaarenindustrie, mit Schweizer Blumenkörben, mit Bouquetständern usw., die Straßen zu beiden Seiten mit Fichten und Maienbüschen geschmückt, jedes Haus mit Kränzen, Fahnen und vielen Fähnchen dekorirt, in den Fenstern allerlei schöne Produkte der Korbwaarenindustrie zu sehen. Gegen 11 Uhr kam Leben ins Dorf. Die ersten fremden Vereine zogen ein. Um 12 Uhr wurden die Vereine, die Festjungfrauen und die Mitglieder der Gemeindeverwaltung mit Musik abgeholt und dann gegen 1 Uhr zum Zug durch den Ort auf den Festplatz angetreten." Dabei trug der 73-jährige Fritz Pfaff die Korbmacherfahne, die die Zunft 1830 erhalten hatte und seitdem im Marktzeulner Rathaus aufgehängt war (wo sie sich auch heute noch befindet).

Bei dieser Gelegenheit soll sie zum ersten Mal nach Michelau gekommen sein. Zwei Musikkapellen begleiteten den Zug. "Nach 2 Uhr erschien der Hr. Regierungspräsident [...], am Eingang zum Festplatz begrüßt von der Gemeindeverwaltung, dem Festkomite und den Vereinsvorständen. Nach dem Gesang des Begrüßungsliedes ,Gott grüße Dich‘ sprach Frl. Käppel, Tochter des Dekans, den poetischen Willkomm-Gruß. Auf dem Festplatz angekommen, wo Seine Exzellenz von der zahlreichen Menge mit stürmischen Hochrufen begrüßt wurde, hielt der Vorsitzende Gg. Held eine kurze Ansprache, welche in einem begeistert aufgenommenen Hoch auf [...] Prinzregent Luitpold ausklang. Nachdem sich der Sturm der Begeisterung gelegt, hielt Hr. Fritz Aumüller aus Michelau die Festrede."

Aumüller, zu dessen hervorstechenden Tugenden Bescheidenheit nicht gezählt zu haben scheint, schilderte seinen eigenen Auftritt so: "Alles war still. Und die Sonne lachte uns an, eine Nadel häte man fallen hören, als ich die von mir verfertigte Festrede anhub, und mit lauter Stimme vollentete, es war mir gelungen, dieselb vom Stapel zu lassen, ganz ohne Anstoß. Während meine[r] Rede sah ich Leute weinen, welche ich für Felsenfest hielt. Unterbrochen wurde ich mit Hochrufen, als ich die Geschäfte anführte, darauf war ich schon gefaßt. Und als ich zur Stelle kam, wo ich nach den alten [Konrad] Gagel mit meinen Finger zeigte, mit dem Ausrufe: Dort steht der Ehrengreiß! sah ich alles im Thränen schwimen. Bei solchen Scenen blieb ich fest, ich faßt mich noch besser, und so gings fort bis zum Schluße. Als ich ihnen aber zurief: Richtet euch zum Gebet!, dieser Moument war wirklich großartig. Es herschte eine so feierliche Stille, verbunden mit Ruhe und Andacht, welches ich mir zuvor nicht vorgestellt habe. Als ich aber geendet hatte, da wollte der brausende Jubel nicht enden."

Auch Fälschungen ausgestellt

Anschließend eröffnete der Regierungspräsident die Ausstellung, die mehrere Wochen lang im kurz zuvor errichteten Saal der Gaststätte Spitzenpfeil den Besuchern sowohl historische Körbe als auch aktuelle Flechtarbeiten präsentierte. Daneben zeigte man dort Dokumente, die teils aus Privatbesitz stammten, teils in der alten Vogtei zu Burgkunstadt gefunden worden waren. Unter vielen echten Schriftstücken waren auch einige, die Fritz Aumüller zu diesem Anlass gefälscht hatte, darunter die angeblich auf 1773 datierte Verleihung des Meisterrechts an Johann Puppert. 122 Korbmacher aus dem Raum Lichtenfels/Coburg hatten für die Jubiläumsschau Arbeiten eingereicht. Etliche Flechtereien wurden prämiert. Drei Michelauer erhielten Ehrenpreise (ein Bild und 30 Mark). Weitere 15 Korbmacher, davon zwölf aus Michelau, erlangten erste Preise (Diplom mit Bild, 13,50 Mark wert). Am Festtag folgte der Ausstellungseröffnung und -besichtigung ein Essen im alten Spitzenpfeilschen Saal, an dem neben dem Regierungspräsidenten mehrere Behördenvertreter, Korbhändler und Komiteemitglieder teilnahmen. Gegen 19 Uhr wurde die Tafel aufgehoben. Der Regierungspräsident ließ sich im Garten der Gastwirtschaft noch das Korbmacherlied von Lehrer Johann Adam Leupold aus dem Jahr 1839 vorsingen, das Fritz Aumüller zum Fest um zwei aktuelle Strophen ergänzt hatte. Anschließend fuhr er über Lichtenfels nach Bayreuth zurück. Der Besuch eines Regierungspräsidenten bei einem derartigen Jubiläum stellte um diese Zeit eine große Seltenheit dar und wurde denn auch als besondere Ehre wahrgenommen. Die Ausstellung, die bis zum 12. Juli lief, besuchten fast 4000 (zahlende) Personen.

Ein "Korbmacherball" am 27. September 1896, an dem 102 Personen teilnahmen, schloss das Jubiläumsjahr ab. Das Fest war eine Demonstration seiner Veranstalter, der Michelauer Korbmacher. Sie traten selbstbewusst auf. Denn sie sahen sich als eigenständige Handwerker, auch wenn sie wirtschaftlich noch so sehr von den Handelshäusern abhingen.

Nicht zufällig beschwor man mit dieser Feier, besonders durch die Ausstellung und die Festschrift, die Zeit um 1800, in der ein Korbmacher in wirtschaftlicher Sicherheit lebte und durch eigene Handelsreisen gar zu Wohlstand kommen konnte. Die soziale Wirklichkeit der Gegenwart, des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde dagegen weithin ausgeblendet.