Karwendelmarsch am 27.08.2016

Lauf über 52 km – Maria Winter Scharnitz, Samstag 27.08.2016 um 4:40 Uhr: Unsere Nachbarn, eine Gruppe junger Tiroler, die mit Wohnwagen und Dachzelt auf dem Bus angereist sind, werfen ihr Stromaggregat an...
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Lauf über 52 km – Maria Winter

Scharnitz, Samstag 27.08.2016 um 4:40 Uhr:
Unsere Nachbarn, eine Gruppe junger Tiroler, die mit Wohnwagen und Dachzelt auf dem Bus angereist sind, werfen ihr Stromaggregat an. Es lärmt und stinkt. An Schlaf ist in unserem Campingbus nicht mehr zu denken, obwohl es noch stockdunkel ist. Aber mein Wecker hätte ja auch bald geklingelt. Während Espressokocher und Milchtopf auf dem Herd stehen, werfen Börni und ich einen Blick nach draußen. Die große Wiese, die den Teilnehmern des „Karwendelmarsch“ seit dem Vortag zur Verfügung steht, hat sich über Nacht gefüllt. Wenig später weisen die Männer der örtlichen Feuerwehr, die nicht abreißen wollende Autoschlange, auf die letzten Parkplätze.

5:00 Uhr:
Der Cappuccino dampft in den Thermostassen. Ich kaue lustlos auf meinen Müslikörnern herum. An Frühstück ist um diese Zeit bei mir sowieso noch nicht zu denken. Börni holt Geburtstagsgeschenke hervor. Ach ja, ich hab‘ ja heute Geburtstag! Bin viel zu aufgeregt um mich damit zu beschäftigen. Ich muss meine Sachen zusammensuchen, obwohl ich zuhause in weiser Voraussicht alles in einen großen Beutel gepackt habe, was ich beim heutigen „Bewerb“ (wie die Österreicher sagen) anziehen und mitnehmen will.

Auf den Karwendelmarsch war ich im letzten Jahr durch die Ankündigung in einem Bergmagazin aufmerksam geworden. Nachdem ich mich auf der Internetseite informiert hatte, war ich davon überzeugt, dass es schon etwas seltsam sein muss, durch die Berge zu hetzen, statt ihre Schönheit zu genießen. Aber die Idee, eine Gebietsdurchquerung in den Alpen, so schnell es mir möglich ist, zu schaffen, hatte mich dann doch nicht mehr losgelassen. Zufällig fiel der Termin der diesjährigen Veranstaltung auf meinen Geburtstag. Und so lag es nahe, mir von Börni Unterstützung und Fahrdienst zu wünschen. Der Karwendelmarsch fand heuer zum achten Mal statt und war erstmals seit Wochen ausgebucht.

Die Strecke geht wahlweise über 52 km oder 35 km und kann gelaufen oder gewandert werden. Stöcke sind in allen Disziplinen erlaubt und – wie es in der Ausschreibung so schön heißt – Laufen in der Marschklasse oder Gehen in der Laufklasse sind kein Disqualifikationsgrund. Start ist in Scharnitz. Die Strecke führt über Karwendelhaus und Falkenhütte in die Eng, wo die 35 km erreicht sind. Wer weiterläuft, hat mit dem Binssattel auf 1903 m den höchsten Punkt der Strecke noch vor sich. Ziel ist Pertisau am Achensee. Für die gesamte Strecke von 52 km, die im Schnitt in acht bis zehn Stunden bewältigt wird, kommen 2281 Höhenmeter bergauf zusammen. Durch den unterschiedlichen Start- und Zielort hat man jedoch vor oder nach dem Wettkampf noch den Transfer zum Auto. Für die Teilnehmer, die die Fahrt am Morgen wählen, fährt der erste Bus um 2:30 Uhr (!) in Pertisau ab.

5:30 Uhr:
Kurze Laufhose und Trägershirt sind angezogen. Soll ich noch was Warmes drüberziehen? Das Wetter ist super schön gemeldet, aber ich weiß, dass es in den Bergen es schnell umschlagen und kalt werden kann. Ein Blick aus unserem Busfenster zeigt, dass sowohl dick vermummelte Gestalten Richtung Start an uns vorbeiziehen wie auch leichtbekleidete, manche haben gar nichts dabei, einige ein Hüfttäschchen und wieder andere einen Laufrucksack, die Wanderer sind an ihrem Tagesrucksack zu erkennen. Ich ziehe das Vereins-Langarmtrikot über und stopfe die Windjacke in den neuen, leuchtendgelben Trailrunning-Rucksack, in dem ich bereits ein kleines Erste-Hilfe-Set mit Rettungsdecke verstaut habe, dazu ein paar Gels, Riegel, Faltstöcke, zwei 500 ml Soft Flask (Trinkflaschen aus weichem Kunststoff, die ich in Taschen an den Rucksackträgern stecken kann) und meine „Knie“. Wenn ich die Bandagen beim Bergwandern nicht trage, schwellen meine beiden lädierten Kniegelenke immer fürchterlich an. Meine Planung sieht aber vor, sie erst nach dem ersten flachen Streckenabschnitt, wo man „richtig“ laufen kann, anzulegen.

5:40 Uhr:
Die Lautsprecherstimme bittet die Teilnehmer in den Startbereich zu kommen. Ich schnüre meine Trail-Laufschuhe, Börni seine auch und meint, er käme ein bisschen mit. „Wir müssen Fotos machen“, fällt mir ein und drücke ihm mein Handy in die Hand. Es ist noch dunkel, nur die Laternen geben Licht und die Bilder werden wackelig. Nach ein paar Versuchen lassen wir es gut sein und reihen uns im hinteren Feld der Menge, die am Läufertor steht, ein. Es gibt noch eines für die Wanderer.

6:00 Uhr:
Nach der Ansprache der Bürgermeisterin, wie wichtig an diesem heißen Tag das Mitführen von genügend Wasser wäre, knallt der laute Böllerschuss und schickt uns auf die Strecke. Die Läufer um uns herum gehen gelassen über die Zeitmessmatten, die Wanderer haben es eilig und drängeln. Börni läuft neben mir her und sinniert, dass er sich ja für den 35 km-Lauf hätte anmelden können. Ein bunter Zug bewegt sich im ersten, dämmrigen Licht des Tages an den letzten Häusern von Scharnitz vorbei auf dem Schotterweg in Richtung Karwendelbachtal. Beim ersten kurzen Anstieg gehen alle, sobald es wieder flacher wird, fallen sie in den Laufschritt. Mir wird es warm, ich ziehe mein Trikot aus und verstaue es im Rucksack, der jetzt prall gefüllt ist. Börni gibt mir einen Kuss, meint, das wäre ihm jetzt zu schnell und ich solle mein eigenes Tempo laufen. Über den Wiesen hängen kleine Nebelschwaden, die felsigen Bergzacken werden durch die Strahlen der Morgensonne rötlich angeleuchtet. Es ist wunderschön.

7:00 Uhr:
Nach ca. 10 km und 200 hm wartet am Schafstallboden (1173 m) die erste „Labestation“ mit Erfrischungen auf. Neben dem üblichen Wasser, werden leckerer Kräutertee, Kekse und Obst angeboten. Alles in Bio-Qualität, wie an jeder der insgesamt zehn Verpflegungsstellen. Ungefähr vier Kilometer weiter steilt sich der Fahrweg auf. Ich ziehe meine Stöcke aus den Befestigungen am Rucksack, klappe sie auf und „stöckle“ bergan. Oben am Hang kommt langsam das Karwendelhaus in Sicht.

8:25 Uhr:
Die Frauengruppe neben mir ist begeistert „unter 2 ½ Stunden auf’s Karwendelhaus, das ist doch was!“ und fällt über die Leckereien her, die an der Labestation ausliegen. Vor der üblicherweise gut frequentierten Berghütte in 1771 m Höhe ist kein Wanderer oder Mountainbiker zu sehen, sind wohl alle noch beim Frühstück. Für uns Frühaufsteher gibt es als Besonderheit eine feine Kartoffelsuppe, dazu den berühmten, mit Wasser verdünnten Hollersirup sowie gut belegte Schinken-, Wurst- und Käsebrote. Besonders lecker sind die selbstgemachten Müsliriegel, mit Ihren vielen Trockenfrüchten schmecken sie „nach Weihnachten“. Ich habe nun 18 km und gut 800 hm geschafft. Schnell mache ich ein Foto, schlürfe einige Becher Suppe und Holler, dann schlüpfe ich in meine Kniebandagen und eile zum Hochalmsattel. Ab hier geht es auf einem grobschottrigen Weg rund 6 km und 400 hm bergab. Soweit es meine Knie erlauben, laufe und springe ich hinunter und setze dabei die Stöcke ein.

9:30 Uhr
Lieblich liegt der keine Ahornboden (1399 m) in der Morgensonne und erfreut mit der nächsten Labestation. Danach beginnt der Aufstieg zur Falkenhütte, er zieht sich über 6 km und 450 hm und wird nach oben immer steiler. Aus dem anfänglichen Power-Wandern wird Gehen. Die Sonne knallt erbarmungslos in den Hang. Die ersten Ausfallerscheinungen zeigen sich. Einige gehen im Zeitlupentempo, andere bleiben stehen. Wegen eines Krampfs im rechten Fußgewölbe muss ich kurz pausieren. Knapp unterhalb der Hütte hat sich ein Fotograf postiert und versucht die Sportler mit lockeren Sprüchen zum Lächeln zu bewegen. Ich gehe außerhalb seiner Schusslinie an ihm vorbei. Haha.

10.45 Uhr:
Die Falkenhütte auf 1848 m ist denkmalgeschützt und wohl die schönste Hütte im Karwendel. Sie liegt unterhalb der spektakulären Laliderwände, trägt einen gemütlichen Erker und Holzschindeln auf der Fassade. Die dazugehörende Labestation wartet mit einer würzigen Hafersuppe auf. Ich schütte mir den Inhalt eines Tütchens Salz in den Mund, trinke mehrere Becher Suppe und Holler und hoffe, dass das gegen weitere Krämpfe hilft. Der Weiterweg führt zunächst über grobe Steine steil hinunter, dann wird ein Schutthang unterhalb der Felswände gequert, bevor es wieder bergauf geht. Vom Hohljoch (1794 m) hat man einen tollen Ausblick bis hinüber zum Binssattel, dem höchsten Punkt unserer Strecke. Doch zuvor kommt mit der Eng die „Mittelstation“. Wir müssen über 500 hm steil hinunter, das geht langsam ganz schön in die Oberschenkelmuskeln. Sehr nett ist das Schild „Bitte lächeln“, das am Rand des Pfads aufgestellt ist. In der Kurve hat der nächste Fotograf Stellung bezogen und lichtet die Läufer vor den Laliderwänden ab. Als der schmale Steig auf die Almwiesen des Ahornbodens führt, lasse ich während des Laufens meinen Blick schweifen – und liege im nächsten Moment der Länge nach auf der Erde. Ich springe gleich wieder auf die Füße, klopfe den Staub ab und flitze weiter.

11:30 Uhr:
Die Eng am großen Ahornboden auf 1227 m ist das Ziel für Wanderer, die nur 35 km laufen, alle, die es hier gut sein lassen wollen und diejenigen, die nach 14:30 Uhr eintreffen (sie werden aus dem Rennen genommen). Ich bin froh, dass ich meine geplante Ankunftszeit deutlich unterschritten habe. Kurz fühle ich in mich hinein um zu prüfen, ob ich weitermachen will. Der Sturz scheint keine Folgen gehabt zu haben bis auf einen leicht schmerzenden Finger, den ich mit Wasser etwas kühle und mit einem Stück Tape aus meinem Erste-Hilfe-Set umwickle. Um Energie für die folgende knackige Etappe zu tanken, labe ich mich ausgiebig an der schmackhaften Minestrone und der Heidelbeersuppe, die hier angeboten wird, zische noch einen Salzbeutel rein und lasse meine Nuckelflaschen füllen. Dann reihe ich mich in die Schlange, der auf dem Fahrweg zur Binsalm bergan Steigenden ein. Die Sonne steht hoch am Himmel und brennt heiß herunter. Im Wald angekommen, nutze ich jedes bisschen Schatten zur Kühlung.

12:00 Uhr:
Mit der Labestation auf der Binsalm haben wir die ersten knapp 300 hm des Anstiegs zum Binssattel auf 1903 m geschafft. Ich hole mir Salz, Getränke und einen der genialen Müsliriegel, dann steige ich kauend weiter. Es sind noch weitere 400 hm aufwärts zu gehen. Nach zwei Kehren wird der Fahrweg zum schmalen Pfad. Ein Überholen ist nur mehr schwer möglich, doch dazu haben nur noch wenige die Energie. Schicksalsergeben und schwitzend trotte ich den Berg hoch. Von unserem Erkundungswochenende 14 Tage zuvor weiß ich, dass der Sattel irgendwann erreicht ist. Plötzlich höre ich einen freudigen Jodler, einige Serpentinen später geht es mir ebenso beim Anblick der unter uns liegenden Alm. „Juhu!“ juble ich und nehme mir vor, besonders gut aufzupassen wenn ich bergab renne.

12:45 Uhr:
„Noch 10,5 km“ verkündet das Schild an der Labestation Gramai Hochleger auf 1756 m. Ich kippe einige Becher Holler und laufe weiter. Der Abstieg ist sehr steil und unangenehm schotterig. Trotz der stark profilierten Sohlen meiner Traillaufschuhe rutschen die Füße häufig weg, aber das geht hier allen so. Eine Mitläuferin wird von ihrem Mann erwartet, er übernimmt ihren Rucksack (das ist sicherlich eine schöne Erleichterung) und feuert sie an (das könnte ich hier nicht gebrauchen).

13:20 Uhr:
500 Höhenmeter tiefer, sitzen die Ausflügler bei Bier und Brotzeit an der Gramaialm, die man mit dem Auto von Pertisau erreichen kann. Ich verpflege mich, verstaue meine Stöcke am Rucksack und jogge weiter. Wie auf der ganzen Strecke, hole ich unterwegs meine Mitläufer wieder ein, die weniger Zeit als ich an den Verpflegungsstellen verbracht haben.

13:50 Uhr:
Eine halbe Stunde später erreiche ich die Labestation Falzturn Alm mit dem erfreulichen Hinweis „Noch 4,9 km“. Nach drei Bechern Holler, schnappe ich mir eine Handvoll Kekse und laufe weiter. Kauend frage ich mich, ob das, was ich da mache, noch halbwegs nach Laufen aussieht. Als ich die trockenen Plätzchen hinuntergewürgt und einige Schlucke nachgetrunken habe, komme ich zumindest wieder besser vorwärts und kann sogar einige überholen, die plötzlich nur noch gehen können. Die Kilometerangaben erscheinen mir aber irgendwie verhext zu sein. Die Abstände ziehen sich so sehr. „4 km“ (ewige Strecke Asphaltweg), „3 km“ (nun geht es mühsam fast eben dahin), „2 km“ (toll, die ersten Häuser von Pertisau und ein Stück vom Achensee sind zu sehen), „1 km“ (hässlicher Großparkplatz), dann bergauf (ächz, laufen geht da nicht mehr) in den Ort hinein, zwei Kurven (außer einigen Steinöl-Reklameschildern deutet nichts auf den Karwendelmarsch hin), vereinzelt applaudierende Passanten – und dann kommt endlich der aufgeblasene Zielbogen in Sicht!

14:23 Uhr:
Gerade als die Siegerehrung stattfindet, laufe ich nach 8:21:56 Stunden ins Ziel. Damit bin ich 15. (von 29) in der W50, bei den Frauen gesamt erreiche ich Platz 80 (von 158) und im Gesamteinlauf bin ich 455. (von 656). Schnellste Frau war Kirstin Berglund (SWE/A) mit einer Zeit von 4:54:20, als schnellster Mann kam Konrad Lex (D) in 4:21:19 ins Ziel.

14:35 Uhr:
Börni fährt mit unserem Bus am Zielgelände vor. Mit müden Beinen stakse ich zu ihm, klettere schwerfällig auf den Beifahrersitz und bekomme begeistert erzählt, dass er spontan bis zum Karwendelhaus hoch und wieder zurück gelaufen wäre, es hätte so großen Spaß gemacht. Auf einem schattigen Parkplatz am See werden mir wenig später rote Rosen überreicht und Cappuccino sowie Geburtstagskuchen serviert. Und ich darf dabei lümmeln und meine Beine auf der Sitzbank hochlegen! Vielen Dank für die tolle Unterstützung an meinen lieben Mann, die mir dieses Bergerlebnis der besonderen Art ermöglicht hat!