Ebern

Ein Kreis ist ein Kreis – bloß: wie viele?

Die sogenannte „Kreisidentität“ ist in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Diskussion um Altkennzeichen oft bemüht worden. Hauptsächlich von Land- und Kreisräten – quer durch die gesamte Republik...
Die sogenannte „Kreisidentität“ ist in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Diskussion um Altkennzeichen oft bemüht worden. Hauptsächlich von Land- und Kreisräten – quer durch die gesamte Republik. Anlass genug, dieses Phänomen einmal zu durchleuchten.

In der Regel taucht der Begriff „Kreisidentität“ immer dann wie das Kaninchen aus dem Hut des Zauberers auf, wenn es um irgendwie geartete Diskussionen um Kreisgebietsreformen geht. Das Thema Altkennzeichen – eng verknüpft mit Kreisgebietsreformen – ist nun republikweit weitgehend abgeschlossen. In den überwiegenden Fällen zugunsten der Altkennzeichen. In einigen Landkreisen werden sie aber mit Beginn der Amtszeit eines neuen Landrats noch kommen, etwa im Landkreis Hof.

Wenn es um Altkennzeichen Ja oder Nein ging, polterte urplötzlich so mancher lokaler Kommunalfürst, die „Kreisidentität“ sei gefährdet, wenn es nicht einmal mehr ein gemeinsames Autokennzeichen gebe. Das gemeinsame Kfz-Kennzeichen sei schließlich „identitätsstiftend“.

Was ist "Kreisidentität"?

Ziemlich verwirrend, denn der Begriff „Identität“ ist an sich schwammig und schwerlich definierbar. Dichter, Denker, Philosophen, Soziologen, Psychologen haben sich daran versucht – und sich nicht selten die Zähne daran ausgebissen. Lediglich in den Naturwissenschaften ist es gelungen, den Begriff in den Griff zu bekommen. Aber: in der Politik geht es eben nicht um einen naturwissenschaftlichen Terminus, sondern um einen gesellschaftspolitischen.

Kommunalpolitik

Die Kommunalpolitik hat den Begriff der „Identität“ weiter verschwämmelt, indem sie der „Identität“ den „Kreis“ vorne angeheftet hat. Es ist nun die „Kreisidentität“ entstanden, zunächst als reines Wort, versteht sich. Denn über den Inhalt, die Bedeutung dieses Begriffes müssen wir erst noch nachdenken. So selbstverständlich, wie uns dieses Wort um die Ohren jongliert worden ist, ist das alles nämlich nicht.

Christiane Büchner und Jochen Franzke von der Universität Potsdam beschäftigten sich 2001 in ihrem Arbeitsheft „Kreisgebietsreform in Brandenburg – eine Bilanz nach 8 Jahren“ unter anderem mit der sogenannten „Kreisidentität“. Dort geben sie zu, dass „kollektive Identität“ in der „sozialwissenschaftlichen Debatte umstritten und äußerst schwierig zu definieren“ sei.

Nichtsdestotrotz schien es ihnen opportun, diesen Begriff auch auf Landkreise anzuwenden, denn nach ihrer Darstellung seien Kreise „mehr als bloße Verwaltungseinheiten. Sie sind auch soziale Gebilde, ,ein für ihre Bürger erfahrbarer Lebensraum‘“.
Allerdings beziehen sie sie auch auf den Deutschen Landkreistag – eine kommunalpolitische Interessenvertretung der Landkreise. Dieser wiederum betrachtet naturgemäß Kreise „als wichtigen ,Organisationsraum des politischen und gesellschaftlichen Lebens‘“.

Die Definitionsgewalt des Deutschen Landkreistags sei dahingestellt. Der Bürger und die Bürgerin werden sich nämlich in der Realität daran orientieren, was für sie am zweckmäßigsten ist und eben gerade nicht an den Verwaltungsgrenzen eines Landkreises.

Dennoch, im Arbeitsheft nähern sich die beiden Autoren dem Begriff der „Kreisidentität“, indem sie auch den Begriff des „Kreisbewusstseins“ verwenden. Ein solches solle sich nämlich entwickeln, wenn – sie zitieren ihrerseits Wagner – „die räumliche Kongruenz des Zuständigkeits- und Verantwortungsbereichs einer ganzen Reihe öffentlicher und privater Institutionen mit dem Kreisgebiet“ gegeben sei bzw. geschaffen werde. Was kompliziert ausgedrückt wurde, meint ganz einfach: Pro Kreis eine gemeinsame Kreissparkasse, ein gemeinsamer Rot-Kreuz-Kreisverband, ein gemeinsamer Kreissportverband usw. – und schon soll man sich dem Landkreis näher verbunden fühlen und der Kreisgebietsreform im Nachhinein noch zustimmen.

Sogenannte "identifikationsfördernde‘ Maßnahmen"

Das bedeute wiederum, der Landkreis könne „,identifikationsfördernde‘ Maßnahmen anregen, fördern oder selbst durchführen“. Büchner und Franzke listen dann auch ein entsprechendes Instrumentarium auf: Kreiskunstpreis, Kreiskulturfest, Kreiswettbewerb, Kreissportfest, Kreisfeuerwehrtreffen, Kreistierschau, Kreiswappen, Kreis-Internetseiten, Kreislandkarte, Kreisbildband, Kreisdenkmal und so weiter und so fort. Die Landräte hatten bekanntermaßen in diesem Sinne noch das „Kfz-Kreiskennzeichen“ diesem Instrumentenkoffer hinzugefügt – vorausgesetzt, das Kennzeichen stand wirklich für den Kreis und nicht für die Kreisstadt, so wie das HAS-Kennzeichen für die Stadt Hassfurt, allenfalls den Altkreis Hassfurt, aber nicht für den ostunterfränkischen Landkreis nach der Kreisgebietsreform von 1972.

Immerhin, die Autoren des Arbeitsheftes lenken ein, dass „dort, wo durch die Kreisreform ,Wunden aufgerissen wurden‘ (...)“, „die Traditionspflege in den Altkreisen (...) eine befriedende Wirkung haben“ dürfte. Die Antwort, was konkret eine „Kreisidentität“ sei – und vor allem: wozu eine „Kreisidentität“ beziehungsweise ein „Kreisbewusstsein“ eigentlich nütze sein soll, liefert das Arbeitsheft nicht.

Etwas sehr Persönliches

Identität ist zunächst einmal etwas sehr Persönliches und auch etwas, das räumlich eng begrenzt ist: „Ich bin ich.“ – Punkt. Wer ich bin, stellt im engsten Sinne formal die Identifikationskarte, also der Personalausweis amtlich fest. Womit sich jemand identifiziert, ist eng mit den individuellen positiven Lebenserfahrungen verknüpft. Und weil man seine Erfahrungen nicht alle auf einen Schlag macht, sondern nach und nach, dauert es seine Zeit, bis sich jemand mit etwas identifizieren möchte. „Möchte“ – zeigt an, dass auch die Bereitschaft des Einzelnen eine Rolle dabei spielt. Etwas, das jemand „gut“ findet, kann sich einem als Identifikationsobjekt anbieten, muss es aber deswegen alleine noch lange nicht sein.

Nach einer Kreisgebietsreform politisch eine bestimmte neue „Identität“, die es vor der Reform nicht gab, herstellen zu wollen, ist ein makaberes Unterfangen. Egal, ob wir nun von einer neuen „Kreisidentität“ oder einem „Kreisbewusstsein“ sprechen wollen, dieses Unterfangen bedeutet für die betroffenen Menschen immer auch ein Teil an verordneter Abgrenzung, ein Teil Verkleinerung der alten Welt, ein Teil Grenzverrutschung – und ein Teil an Zumutung.

Identität und Heimat

Es ist legitim, sich mit seiner Heimat zu identifizieren und für viele Menschen gehört das zu den Grundbedürfnissen. In die Heimat wird der Mensch hineingeboren, hier macht er seine ersten Lebenserfahrungen, hier wächst seine Identität – Heimat prägt den Menschen. Heimat ist die frühe Nahwelt, und die Heimat bleibt vom Wert her immer gleich. Heimat ist nicht politisch. Der Politik und ihren Gebietsveränderungen entzieht sie sich. Zu Recht. Es leben die Altkennzeichen – und eine künstliche Kreisidentität mögen Land- und Kreisräte in ihren Sitzungen sogar berechtigt zelebrieren. Nur lasst Erika Musterfrau und Max Mustermann damit ein für alle Mal in Ruhe.
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