Schon 2017 hegte Romana Hofmann aus Neudrossenfeld den Wunsch, ihre christliche Taufe zu etwas Besonderem zu machen. "Unsere Kinder wurden nach der Geburt nur gesegnet, nicht getauft", erklärt ihre Mutter Astrid Hofmann-Weiß. Es sei der Familie, die der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Kulmbach angehört, wichtig gewesen, dass die Taufe bewusst wahrgenommen.

"Für mich ist die Taufe etwas Einmaliges wie eine Hochzeit", sagt die heute 18-jährige Romana. Deswegen entschied sie sich, sich 2019 mit ihrem Bruder Paul (17) im Jordan taufen zu lassen. "Und das war die schönste Taufe."

Da die christliche Taufe jedoch von einem Rabbi durchgeführt worden sei, der messianisch-jüdischen Glaubens ist, werde sie von der Kirche nicht anerkannt. "Dabei haben doch der christliche und der jüdische Glauben gemeinsame Wurzeln", sagt Hofmann-Weiß. Ihr sind die Ursprünge des Christentums wichtig. Man könne den christlichen Glauben nur verstehen, wenn man zu den Wurzeln gehe: "Wir Christen gehören eigentlich zum Jüdischen. Wir sind in einem Haus aufgebaut, mit Jesus als Grundstock."

In der Nachfolge Jesu

"Die traditionelle kirchliche Prägung nehme bei ihr ab, die jüdische Kultur habe zugenommen: Damit meint sie nicht das orthodoxe Judentum, sondern "das Jüdische, so wie Jesus es verkörperte und gelebt hat. Das ist mein Glaubensziel".

Deshalb würde Menschen wie sie oder Rabbi Loewenthal sowohl bei Christen als auch orthodoxen Juden skeptisch beäugt. "Aber ich denke, das wächst wieder zusammen, auch zu Jesu Zeiten mussten sie mit Spannungen in gewissen Kreisen zurechtkommen."

Romana sieht ebenfalls das Judentum als gemeinsames Fundament. "Wir sollten nicht gegen Juden sein, die Gemeinschaft ist wichtig", sagt die Schülerin. Ihr Glaube gebe ihr im Leben viel Halt. Sie wolle sich aber an das halten, was die Bibel lehre.

Ihre Entscheidung, zur Taufe nach Israel zu fahren, bereut sie jedenfalls nicht; auch wenn sie ihren Schulkameraden erst im Nachhinein davon erzählte. "Die Reise nach Israel war unglaublich interessant, die Landschaft ist vielfältig, die Menschen aufgeschlossen und hilfsbereit. Ich spürte eine gewisse Verbindung zu dem Land", erzählt Romana.

Bevor Rabbi Moshe Loewenthal sie im Jordan taufte, sprach er mit Romana über ihre Gründe. "Mit ihm als Juden in dessen Land so etwas erleben zu dürfen -- dieses Erlebnis war für ihn heilend und für uns berührend und erstaunlich", ergänzt ihre Mutter-

Für Hofmann-Weiß ist es aufgrund des gemeinsamen Glaubensursprungs besonders wichtig, Antisemitismus entgegenzutreten. "Jeder Einzelne ist dazu aufgerufen, dagegenzuwirken, auch die Kirchen. Sie sollten fair bei der Verkündigung der Botschaft sein und nicht einseitig."

Die Kirchen trügen seit Jahrhunderten Verantwortung, und seien - wenn man die Kirchengeschichte ansehe - "gelinde gesagt ungerecht, ablehnend und lebensfeindlich gegenüber den Juden eingestellt". Das präge die Menschen und das habe auch den Nationalsozialismus geprägt.

Entscheidung ist gefragt

Ein schwerer Vorwurf, zu dem sich der Kulmbacher Dekan Thomas Kretschmar äußert. "Im Neuen Testament gibt es die Fehldeutung, die Juden hätten Jesus umgebracht", erklärt der Dekan. Natürlich erzeuge das antisemitische Wirkung, und "wir alle haben noch ein großes Lernziel vor uns."

Tatsächlich halte er aber die Umsetzung der Idee für schwer, so im Glauben zu leben wie Jesus. "Natürlich haben Christentum und Judentum gemeinsame Wurzeln, aber auch Jesus hat gesagt, wir müssen uns klar für unsere Position einsetzen." Auch Jesus sei konsequent gewesen, habe etwa seine Familie nicht mehr als solche bezeichnet, habe die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben.

Jesus "hinterließ kein Lehrbuch"

"Jesus war nicht immer ‚piep piep piep'", sagt Dekan Kretschmar, und Jesus "hinterließ kein Lehrbuch". Für den Dekan ist eine Vereinigung von christlichem und jüdischem Glauben auf beiden Seiten nicht erwünscht. Die Alternative laute: Die Liebe Gottes im Alltag zu leben, seine Botschaft im Sinne der Bergpredigt hinauszutragen. "Ich denke, dass es reicht, wenn wir Jesu Träume vom Leben umsetzen. Ist denn ein Traum von der religiösen Gemeinschaft aktuell auf der Welt realistisch?"

Der liebende Gott fehlt

Das Judentum halte noch immer daran fest, alle Regelungen aus dem Alten Testament einzuhalten, ein Kriterium sei, gemäß dieser Gesetze zu leben, man denke an die Vorschriften alles Koschere betreffend. "Das Christentum hat sich sehr früh gegen diese Regelungen entschieden. Und den liebenden Gott, wie ihn Jesus zentral verkörpert, den habe ich noch nicht im Judentum."

Für Dekan Kretschmar ist es eine wichtige Frage: "Wie viel Raum nimmt die Religion ein?" Das messianische Judentum sei ein Grenzbereich, wie es ihn in allen Religionen der Welt gebe. "Wie geht man kirchenpolitisch damit um? Die Trennung ist nicht ganz klar." Es seien Fragen der Ethik, wie man etwa mit Scheidung, Alkohol, Drogen etc. umgehe. "Oft halten es Menschen in solchen Grenzbereichen kaum aus, dass Menschen Fehler machen."

Tendenz: Zurück zu den Wurzeln

Astrid Hofmann-Weiß ist indes davon überzeugt, dass immer mehr gläubige Menschen versuchen, zu den Ursprüngen ihres Glaubens zurückzukehren. "Immer mehr erkennen, dass man den christlichen Glauben nur verstehen kann, wenn man zu den Wurzeln geht." Hofmann-Weiß fordert "Taten, die Juden unsere Wertschätzung und unseren Respekt spüren lassen - besonders die, die im Glauben an Jesus mit uns Christen verbunden sind".

Deswegen ist es ihr wichtig, das messianisch-jüdische Zentrum Beit Avi, das Rabbi Loewenthal in Galiläa gründete, durch einen Spendenaufruf zu unterstützen. "Es ist eine Gemeinde, in der Juden und gläubige Moslems zusammen kommen, in einem Gebiet, in dem Araber und Juden friedlich wohnen."

Ein Teil der gesammelten Spenden sollen darüber hinaus einem Holocaust-Altenheim in Haifa zufließen, erklärt Hofmann-Weiß. Unter dem Link https://www.betterplace.me/solidaritaet-und-hilfe findet sich der Spendenaufruf mit weiteren Informationen zu dem Hilfsprojekt in Israel.