Vor 80 Jahren ist Kulmbach im Olympia-Fieber. Während der Spiele in Berlin vom 1. bis 16. August gibt es kein Haus in der Innenstadt, das nicht mit Hakenkreuz- und Olympiafahne geschmückt wäre. Vor dem Rathaus und auf dem Marktplatz sind Lautsprecher aufgestellt, die die Reportagen des Reichssenders Berlin übertragen. Wichtige Meldungen werden sofort vom "Olympia Blitzfunk" gebracht. Zusammenfassungen im Rundfunk erfolgen stündlich nach den Nachrichten, die Finalwettkämpfe werden live übertragen.


Nominiert für Berlin

Ein Sportler aus dem Landkreis Kulmbach ist sogar für die Wettkämpfe 1936 nominiert: der Wirsberger Walter Schröppel (1915 - 1993). Der Quereinsteiger gilt als Hoffnungsträger der deutschen Speerwerfer.

Während seines Studiums an der Ludwig-Maximilian-Universität ab 1935 schließt sich der spätere Sportlehrer des MGF-Gymnasiums als leidenschaftlicher Handballer dem TSV 1860 München an. Er trainiert aber auch Leichtathletik - autodidaktisch, ohne Anleitung durch einen Vereinstrainer. Wegen seiner Wurfstärke glänzt er vor allem als Speer- und Diskuswerfer. Erste Erfolge stellen sich ein: oberfränkischer Meister im Speerwerfen, Zweiter im Kugelstoßen.

1935 beteiligt er sich an einem Leichtathletik-Wettkampf in Regensburg - und verweist mit einem Wurf über 60 Metern die gesamte bayerische Speerwurf-Elite auf die Plätze. Prompt wird er in das Olympiaaufgebot berufen und zur Vorbereitung in die Heeressportschule Wünsdorf bei Berlin eingeladen. Doch auch hier ist professionelle Betreuung mager, keine heute selbstverständliche Unterstützung durch Sportwissenschaftler und Experten.


Pech beim letzen Leistungstest

Dann das große Pech: Beim letzten olympischen Leistungstest, den deutschen Juniorenmeisterschaften im Frühling 1936, verletzt sich der Wirsberger. Mit lädiertem Arm bleibt er deutlich unter der angepeilten 70-Meter-Marke mit dem Speer. Damit ist der Traum vom Start im Olympiastadion ausgeträumt.

"Mit meinen 20 Jahren war ich einfach nicht reif genug, um in dieser technischen Disziplin konstant Höchstleistungen zu erreichen", sagt Walter Schröppel 1984 in einem Interview mit der Bayerischen Rundschau anlässlich der Olympischen Spiele in Los Angeles. Ein kleiner Trost bleibt ihm: Gold mit dem Speer holt in Berlin sein Mannschaftskamerad Gerhard Stöck mit 71,84 Metern.

Seine Leidenschaft für die Leichtathletik gibt der Wirsberger, der von 1946 bis 1982 am MGF-Gymnasium unterrichtet, vielen seiner Schüler weiter. Wer Interesse und Talent hat, dem bringt er auf dem alten Sandplatz neben der Turnhalle unermüdlich die Wurftechniken bei.


Mann mit dem Hammerarm

Doch auch seine Handball-Passion bleibt. Viele Jahre spielt er als (gefürchteter) Kreisläufer bei den Feldhandballern des TSV Wirsberg. Über den Hammerarm des beliebten Lehrers wird am MGF-Gymnasium stets eine verrückte Geschichte erzählt: Der "Walter" feuert den Handball von der Mittellinie in der alten Turnhalle auf's Tor - und den Keeper haut's um wie eine Schachfigur.


In wenigen Tagen beginnt in Rio de Janeiro das große Weltfest des Sports. Mit Problemen im Gastgeberland und Dopingskandalen liegt ein Schatten über den XXXI. Olympischen Spielen vom 5. bis 21. August.


Gold für die Nazis oder ein verlogenes Sommermärchen

Das ist auch vor 80 Jahren in Berlin so: Vom 1. bis 16. August 1936 erlebt die Welt ein verlogenes Sommermärchen. Die "arischen" Sportler sollen Gold holen für die Nazis. Die Spiele sind eine einmalige Sport-Show und ein grandioses Täuschungsmanöver Adolf Hitlers. Auch Kulmbach steht für sechzehn Tage im Bann Olympias, wie die Berichterstattung in der "Bayerischen Ostmark" zeigt.

Während der XI. Olympiade in Berlin gibt es keine Störung. Alles ist perfekt geplant und bestens organisiert. Der gesamten Weltöffentlichkeit wird eine liberale, moderne, fremdenfreundliche Metropole vorgeführt. Die Schilder "Kein Zutritt für Juden" sind plötzlich verschwunden, das antisemitische Hetzblatt "Stürmer" ist aus den Regalen genommen, die Parteiuniformen sind in die Schränke gewandert. Statt des "Horst-Wessel-Lieds" erklingt Swing in den Straßen Berlins. Von Verfolgung der Regimegegner oder Ausbau der Konzentrationslager keine Spur. Hitler selbst, täglich im Stadion zugegen, inszeniert sich als jovialer Gastgeber und anständiger Staatsmann. Kein Zweifel, für die Nazis sind die Olympischen Spiele Gold wert.


"Gastgeber für die Welt"

Auch die Kulmbacher Bevölkerung wird im Vorfeld auf das große Friedensfest eingestimmt. Am 8. Juli 1936 ruft die Stadt die Bürger auf, die ausländischen Touristen freundlich aufzunehmen. "Jeder Kulmbacher ist ein Gastgeber für die Welt", so die Überschrift. Die Stadt ist im Olympia-Fieber.

Ein bisher nicht gekannter Medienhype setzt ein. Täglich vier Seiten Vorberichte, Reportagen und Interviews zu dem Großereignis. Über den Leistungsstand der 430-köpfigen deutschen Olympia-Mannschaft zum Beispiel. Oder über den Reichssportführer und Cheforganisator der Spiele, Hans von Tschammer und Osten. Das Porträt dürfte für Kulmbacher Leser besonders interessant gewesen sein, hat der Nazi-Sportführer doch zwei Jahre zuvor die Stadt besucht und auf der Plassenburg das 10. Akademische Turnbundfest mit Spitzensportlern aus dem gesamten Reichsgebiet eröffnet.

Nahezu täglich gibt es einen Artikel über den Olympia-Film der Star-Regisseurin und Hitler-Vertrauten Leni Riefenstahl. Die NS-Planer haben sich für den Ablauf der Spiele eine wirkungsvolle Dramaturgie ausgedacht, die im Kern vom IOC bis heute beibehalten worden ist. Riefenstahl sorgt für starke, suggestive Bilder in kühner Film-Ästhetik: die Entzündung des Feuers in einem Brennspiegel des antiken Olympia. Danach ein zwölftägiger Stafettenlauf, Tag und Nacht, nach Berlin, an dem sich 3331 Fackelläufer beteiligen. Bei der Eröffnungszeremonie entzündet der Schlussläufer die Flamme im Stadion.


Ärger wegen "Haus Kulmbach"

Ein Artikel in der "Bayerischen Ostmark" hat es in sich: Er schmeichelt den Kulmbachern, zugleich trifft er sie in ihrer Ehre. Am 16. Juli 1936 wird das Olympische Dorf vorgestellt, 18 Kilometer vom Stadtzentrum in idyllischer märkischer Landschaft gelegen. Für die fast 4000 Athleten aus 49 Ländern sind 140 Mannschaftsquartiere sowie Freizeit- und Versorgungsbauten errichtet worden. Der besondere Clou: Die Häuser tragen die Namen der schönsten Städte Deutschlands. Eines davon ist das "Haus Kulmbach".

Gewiss fühlen sich die Leser gebauchpinselt, unter den auserkorenen Städten zu sein. Die Berliner Innenarchitekten haben das Haus im fränkischen Wirtshausstil gestaltet mit gemütlichem Ambiente und bäuerlichen Gardinen. Auch eine kleine Bühne und ein Kino sind vorhanden. Zur Information über Kulmbach hat der Potsdamer Verlagsbuchhändler August Bonneß (Wegbereiter des Deutschen Zinnfigurenmuseums auf der Plassenburg) Bücher und Broschüren für die Sportler ausgelegt.

Was den Verfasser des Beitrags jedoch schwer verärgert, ist ein Relief, das in das weiße Mauerwerk des "Hauses Kulmbach" eingelassen ist. Es zeigt einen Schluckspecht, der mitsamt seinem Bierfass vom Schemel kippt. Eine Karikatur. Doch der Bierstädter-Humor findet hier sein Ende. Ein Säufer als Wahrzeichen Kulmbachs vor aller Welt? Nein, danke!


Der "Führer" ist nicht erfreut

Glaubt man der "Bayerischen Ostmark", müssen die Olympischen Spiele die Kulmbacher wie alle Zeitgenossen mitgerissen haben. Highlights ohne Ende: purzelnde Bestmarken, grandiose Leistungen. Allein in der Leichtathletik werden zwölf Weltrekorde erzielt. Deutschland triumphiert: 89 Medaillen, davon 33-mal Gold, die zweitplatzierten USA mit 24 Goldmedaillen weit hinter sich lassend. Alles in den Schatten stellt aber das Duell Jesse Owens gegen den Deutschen Carl Ludwig "Luz" Hermann Long. Der 23-jährige farbige Amerikaner gewinnt nicht nur den 100- und 200-Meter-Lauf, die Sprintstaffel und den Weitsprung - sondern auch die Herzen der Zuschauer. Hitler sieht selbst im Stadion, wie die Massen toben - nicht aus rassistisch motiviertem Zorn, sondern aus Begeisterung. Vor den Augen des "Führers", der sein Unbehagen wegklatscht, umarmen sich Owens und sein deutscher Rivale und schließen lebenslange Freundschaft.


Zeppelin über Kulmbach

Für die Kulmbacher, die es vor 80 Jahren miterlebt haben, muss es so gewesen sein, als erschiene ein Ufo: Plötzlich taucht ein silbern glitzernder Gigant über der Stadt auf - 41 Meter Durchmesser, 245 Meter lang, und damit nur 24 Meter kürzer als die "Titanic". Langsam zieht das Ungetüm mit zwei grellroten Hakenkreuzen an den Heckflossen eine Schleife über der Stadt. Wer es mitbekommt, rennt auf die Straße. Einer ist dabei, der reißt am Holzmarkt rechtzeitig seine Kamera hoch und hält sie im Bild fest: die "Hindenburg", das größte je gebaute Luftschiff.

Bevor die "Hindenburg" nach dem Erlöschen des Olympischen Feuers überraschend am 14. September über Kulmbach erscheint, spielt sie in der Propaganda-Show bei der Eröffnung der Spiele eine Hauptrolle. Das größte Luftschiff aller Zeiten schwebt über den 100 000 Zuschauern im Stadion.

Am 3. Mai 1937 startet die "Hindenburg" von Frankfurt aus zu ihrer letzten Fahrt. An Bord befinden sich 97 Menschen. Bei der Landung in Lakehurst in der Nähe von New York bricht Feuer aus, das Luftschiff explodiert. 36 Menschen kommen in dem Inferno um.