In der Weihnachtszeit hofften viele Menschen, nach einem außergewöhnlichen Jahr etwas zur Ruhe zu kommen. Sie hofften, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu können und dass Corona einmal nicht Thema Nummer eins sein würde. Doch die Realität im Kreisverband Kulmbach der Arbeiterwohlfahrt (Awo) sah anders aus.

Kurz vor Weihnachten erreichte das gefährliche Coronavirus das Heiner-Stenglein-Seniorenheim Am Rasen und die Karl-Herold-Seniorenwohnanlage in der Johann-Brenk-Straße (wir berichteten). Das, was alle Beteiligten um jeden Preis vermeiden wollten, war zuletzt nicht mehr aufzuhalten.

Überstunden an der Tagesordnung

Die Belastung bei allen Beteiligten ist hoch - physisch und psychisch. Eine solche Situation kann man nur auf eine Art und Weise schaffen: gemeinsam. Und so hieß es für meisten Mitarbeiter: Weihnachtsfest ausgefallen, Silvester verschlafen, Urlaub verschoben. Stattdessen standen und stehen Überstunden an der Tagesordnung.

Viele Mitarbeitende haben seit Mitte Dezember durchgearbeitet, haben die Stellung gehalten, um ihre Kollegen, die in Quarantäne mussten oder positiv auf das Coronavirus getestet wurden, so gut es geht zu ersetzen. Eine Mammutaufgabe.

Mit Beginn des Corona-Ausbruchs haben Pflegerinnen und Pfleger aus dem Awo-Seniorenwohnpark Rosengarten in Neuenmarkt sowie dem Awo-Seniorendorf Kirschenallee in Thurnau ihren Urlaub unterbrochen, um die Mitarbeiter in Kulmbach zu unterstützen.

Das ist notwendig, weil die Pflege der Bewohner nur von ausgebildeten Kräften übernommen werden kann. Zeitgleich helfen auch viele Mitarbeitenden aus anderen Bereichen der Awo Kulmbach in den Seniorenwohnheimen aus. Sie übernehmen Aufgaben, die nicht in den Pflegebereich fallen: Telefon- und Pfortendienste, Unterstützung im Service- und Küchenbereich, regelmäßiges Desinfizieren von Türklinken und Handläufen.

Vier-Stunden-Schichten

In Vier-Stunden-Schichten arbeiten bis zu 20 Mitarbeitende zusätzlich in den Einrichtungen. Eine von ihnen ist Kerstin Lobe, Einrichtungsleiterin der Awo-Kindertagesstätte Herbert Kneitz in Wirsberg. Seit Ende Dezember ist sie in Kulmbach im Einsatz. Ihr war sofort klar, dass sie helfen will: "Ich hätte das mit mir selbst nicht ausmachen können, dass ich gemütlich spazieren gehe, während die Mitarbeiter in den Heimen auf dem Zahnfleisch gehen." Sie sei froh, dass sie Weihnachten zuhause besinnlich und ruhig verbringen und sich erholen konnte. "Die meisten Pflegekräfte in den Einrichtungen konnten sich nicht ausruhen, Kräfte tanken und nachdenken, so wie ich das getan habe."

Lobe beschäftigt die Situation gedanklich und emotional sehr: "Wären wir nicht alle froh, wenn uns geholfen wird in Momenten, in denen wir auf Hilfe angewiesen sind? Mein Resümee gleich nach dem ersten Tag Arbeit: Auch, wenn ich keine aktive Hilfe am Bewohner bin, auch wenn ich nicht die Abläufe in diesem Arbeitsfeld kenne, ich kann helfen." Die Dankbarkeit der Pflegekräfte bestärke sie in ihrem Denken und Handeln. "In dieser schlimmen Zeit von Angst und Unruhe gibt es ein Gefühl, welches mir hilft mit den auch traurigen Momenten umzugehen und weiterhin meine Hilfe anzubieten: Es fühlt sich für mich richtig an!"

Am Limit

Viele der Freiwilligen haben bereits im Frühjahr 2020, als die Kindertageseinrichtungen geschlossen waren, die Mitarbeitenden in den Seniorenwohnheimen bei ihrer Arbeit unterstützt. So auch eine Mitarbeiterin aus der Frühförderung: "Wenn ich helfen kann, tue ich das gerne." Gesagt, getan - egal ob Spülmaschine ein- und ausräumen oder Mahlzeiten verteilen - jeder Handgriff hilft.

"Es arbeiten viele Pflegekräfte am Limit. Teilweise übernehmen sie zwei Schichten am Tag, um die Pflege der Bewohner sicherzustellen. Da ist es selbstverständlich, dass ich meinen Teil dazu beitrage", so die Mitarbeiterin.

"Wir sind von Herzen dankbar"

Auch von anderen Trägern wie dem Roten Kreuz, der Diakonie oder der Caritas haben sich seit Weihnachten bei der Awo immer wieder Menschen gemeldet, und ihre Hilfe in verschiedenen Bereichen angeboten. Hinzu kommen Privatpersonen, die sich engagieren. "Jede Unterstützung ist wichtig und wir sind von Herzen dankbar für jeden Einzelnen, der mit anpackt", heißt es aus der Awo-Geschäftsstelle. Und: "Wir wissen, dass das Jahr 2020 allen bereits viel abverlangt hat. Nicht nur die Mitarbeitenden in der Pflege haben ein hartes Jahr hinter sich, auch die Beschäftigten aus anderen Bereichen der Awo Kulmbach hatten viele Herausforderungen zu meistern.

Die Kindertagesstätten waren den Sommer über geöffnet, um die Familien zu entlasten. Immer wieder gab es neue Auflagen, die umgesetzt wurden, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Alle sehnten sich das Ende des Jahres entgegen, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Dass dann alles anders kam, damit konnte und wollte keiner rechnen."