Das Haus in der Oberen Stadt 9 besitzt ein schönes Renaissance-Eingangsportal mit einem stark profilierten Rundbogen. Oben wird es mit einer Rollwerkkartusche abgeschlossen, die links und rechts von der Jahreszahl 1593 umfasst wird. In dieser Kartusche befindet sich die farblich hervorgehobene Devise "Got sichts und richts".

Die religiöse Spruchinschrift bringt natürlich das Gottvertrauen und die Demut zum Ausdruck, sich dem göttlichen Willen zu fügen. Der darunter im Schluss des Rundbogens befindliche Engelskopf wird im Christentum als eine Schutzengel- Darstellung verwendet. Gerade in der Kunst der Renaissance sind die Engelsköpfchen mit zwei Flügeln sehr beliebt.

Die Engelsköpfe

Geflügelte Engelsköpfe sind besonders durch Raffaels Darstellung der Sixtinischen Madonna bekannt geworden. Sie kamen zuerst an Kirchen vor, wurden aber bald von Adeligen und bürgerlichen Bauherrn übernommen.

In Kulmbach sind sie öfters zu sehen - zum Beispiel am Portal der Schlosskirche der Plassenburg. Bis ins frühe 20. Jahrhundert waren sie in katholischen Gebieten zu finden, in evangelischen Regionen wurde das Schutzengelfest gefeiert, in der künstlerischen Darstellung löste man sich hier bereits im 18. Jahrhundert davon.

Wir haben hier also einen Schutzengel für das Haus und die darin wohnende Familie vor uns. Dieser sollte "das Böse" abwehren.

Um zu zeigen, wer die Besitzer des Gebäudes waren, blättern wir im Häuserbuch der Stadt Kulmbach. Das Haus wurde 1457 als Eigentum des Friedrich Gutteter erwähnt, im Bundesständischen Krieg wurde es zerstört und von Bathasar Gutteter bereits 1563 wieder aufgebaut.

An der Pest gestorben

1581 verkaufte es die Familie an die Herren von Leyneck. 1597 erwarb Georg Pfannenstiel der Ältere das Gebäude von den Leynecker Erben. Als weitere Besitzer werden Georg Pfannenstiels Witwe Barbara, Georg Pfannenstiel der Jüngere und Dr. Johann Pfannenstiel erwähnt. Letzterer, ein fürstlicher Medicus in Bayreuth, war verheiratet mit Justine Dorozhea Schmied aus Liebau in Sachsen. Er starb 1634 in Kulmbach an der Pest.

Bereit 1593, also vor der Zeit, muss die Familie Pfannenstiel mit den Umbauarbeiten begonnen haben. Davon zeugt die bereits erwähnte Jahreszahl 1593. Der stolze Besitzer brachte im Bogen zwei Wappen an. In einem sind die Anfangsbuchstaben des Hausherrn zu finden: "G und P" für Georg Pfannenstiel im anderen die seiner Ehefrau "B und P" für Barbara Pfannenstiel (siehe Bilder rechts).

Die Zeichen zwischen den Buchstaben können Handwerkssymbole (Pfeilmacher oder auch Bolzenmacher für Armbrüste) sein oder auch als bürgerliche Wappenfiguren auf Leid und Krieg hindeuten. Das würde zur Zerstörung des Hauses im Zweiten Markgrafenkrieg passen.

Die Familie Pfannenstiel hatte eine gehobene Position inne und besaß weitere Häuser in der Stadt. Solche Positionen können Kämmerer, Truchseß, Marschall oder ähnliches gewesen sein, also klassische Vorläufer des heutigen Beamtentums.

Rose im Wappen

Vor allem die niedrige Gerichtsherrschaft im unmittelbaren Umkreis des verwalteten herrschaftlichen Grundbesitzes beziehungsweise Reichsguts verschaffte den Ministerialen einen wichtigen Zugewinn an Prestige und Einkünften. Als Zeichen dieses Privilegs führten manche Familien - etwa die Heinleins oder Guttenbergs - die Rose im Wappen, seit altersher das Zeichen der Gerichtsherrschaft.

Links und rechts im Rundbogen sind Blumen ähnliche Darstellungen zu finden. Diese könnten als Rosen gedeutet werden und nur durch die vielen Jahre etwas an Form verloren haben. Sehr interessant zum Vergleich ist das Portal des Hauses in der Fischergasse 22. Hier ist der Engelskopf wesentlich profilierter und künstlerisch hochwertiger gestaltet. Die Blumen sind hier noch besser als Rosen erkennbar.

Die Rose ist übrigens nicht nur Symbol der Liebe, sondern auch der Verschwiegenheit.

Der Rundbogen liegt auf zwei mit Rankendekor verzierten Säulen, die im unteren Bereich Wetzrillen aufweisen. Dazu haben wir in der Entdecker Tour 5 schon ausführlich berichtet. Das Portal ist verwurzelt im tiefen Glauben an Christus, ein Symbol das auf der Türschwelle die Trennung zwischen Leben und Tod, Drinnen und Draußen vollzogen wird.

Vielen Dank an Holger Peilnsteiner für die fachliche Unterstützung bei diesem Beitrag..