Wenn Jäger Otto Kreil durch sein Revier bei Vogtendorf geht, hält er nicht nur nach Wildtieren Ausschau. Er begutachtet auch die jungen Bäumchen, die auf den lichten Waldflächen wachsen. Dass ihre Leittriebe nicht von Rehen verbissen sind, ist wichtig, denn nur so können sie in die Höhe sprießen. Die Wälder um Stadtsteinach wurden wie viele in der Region massiv vom Borkenkäfer heimgesucht. Zahlreiche Fichten mussten gefällt werden. Entstanden sind kahle Flächen, auf denen nun neuer Wald wachsen soll, vor allem aus natürlich vorkommenden Buchen, Tannen und Eichen.

"Wollen ausgewogenes Verhältnis"

"Wir Jäger wollen einen struktur- und artenreichen Wald mit einem ausgewogenen Verhältnis aus Laub- und Nadelholz", erklärt Kreil, stellvertretender Vorsitzender des Jagdschutz- und Jägervereins. Die Fichtenmonokulturen sind durch die heißen, trockenen Sommer gefährdet. Der Waldumbau hin zu klimastabilen Mischwäldern müsse, so Kreil, nicht nur Forstleuten und Waldbesitzern am Herzen liegen, sondern auch der Jägerschaft. Die Erhöhung der Abschusspläne für Rehwild, wie viele Forstleute sie fordern, ist Kreil zufolge nicht das richtige Mittel, um den Waldumbau voranzutreiben.

Der Abschussplan schreibt Jägern vor, wie viele Rehe sie in ihrem Revier erlegen müssen. Alle drei Jahre werden die Abschusspläne von der Unteren Jagdbehörde neu festgelegt. Grundlage sind sogenannte Forstliche Gutachten, die dieses Jahr wieder von Mitarbeitern der Forstbehörden aufgenommen werden. Mithilfe eines Rasterverfahrens untersuchen sie stichprobenartig die Jungbaumbestände in jeder Hegegemeinschaft. So nennt man den Zusammenschluss der Jagdausübungsberechtigten mehrerer benachbarter Reviere, die eine landschaftliche Einheit bilden. In Kulmbach gibt es sechs Hegegemeinschaften: Roter Main, Trebgast, Frankenwald, Frankenwald Oberland, Jura und Kulmbach - jede umfasst ein Gebiet mit etwa 20 Jagdrevieren.

Die Abschusspläne

Bei der Festlegung der neuen Abschusspläne fließen seit 2012 auch die revierweisen Aussagen der Förster zur Verbisssituation mit ein. Nächstes Jahr wird zur der Festlegung der neuen Abschusspläne am Landratsamt der Jagdbeirat tagen. Er besteht aus Vertretern der Unteren Jagdbehörde, der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, der Jagdgenossenschaften, der Jäger und des Naturschutzes. "Da wird über jedes einzelne Reh diskutiert", erklärt Carmen Hombach, Kulmbacher Stadtförsterin und Vorsitzende der Waldbesitzervereinigung Kulmbach-Stadtsteinach. Das sei zeitaufwendig und kaum zielführend. Nach Meinung der Försterin ist die Erhöhung der Abschusspläne nicht die Lösung, wenn es darum geht, den Waldumbau voranzutreiben - unter anderem deshalb, weil die Behörden nicht überprüfen, ob der Abschussplan erfüllt wurde, etwa durch Vorlage des erlegten Tieres.

"Solange ein körperlicher Nachweis im Landkreis nicht existiert, hat der Revierinhaber die Möglichkeit, ein Reh in die Streckenliste einzutragen, ohne es erlegt zu haben", erklärt Hombach. Allein derjenige, der am Abzug sitzt, treffe die Entscheidung. Anstatt mehr Bürokratie, sei es viel wichtiger, lukrative Vermarktungsmöglichkeiten für Wildbret zu schaffen. "Wenn die Gefriertruhe des Jägers voller Wildbret ist, hat er keinen Bedarf, Rehe zu erlegen", so Hombach. Abnehmer seien bisher in erster Linie Privatleute und Wirtshäuser. Letztere sind jetzt zu Coronazeiten geschlossen. Hombach zufolge gilt es, zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten zu schaffen und beispielsweise Metzger zu motivieren, Wildbret-Produkte in ihr Sortiment mit aufzunehmen.

Den Zusammenschluss aller Grundstückseigentümer eines Jagdreviers nennt man

Das A und O

Jagdgenossenschaft. In der Regel handelt es sich dabei um die Landwirte eines bestimmten Gebiets, die meist auch Waldbesitzer sind. Die Jagdgenossenschaft verpachtet ihr Jagdrecht an einen Jagdausübungsberechtigten. Dieser wiederum zahlt jährlich einen Pachtpreis, der pro Hektar festgelegt wird. Laut Harald Köppel, Geschäftsführer des Bauernverbands, ist ein gutes Verhältnis zwischen Jägern und Jagdgenossen das A und O, auch für den Waldumbau. Er rät den Jagdgenossen: "Sucht den Pächter nicht danach aus, wer den höchsten Pachtpreis bezahlt, sondern sucht eine fähige Person vor Ort, die Verantwortung tragen kann und will." Ist das Revier verpachtet, gelte es in Kontakt zu bleiben, miteinander zu reden und auch einmal zu loben, wenn etwas gut gelingt. Köppel habe bereits gute Beispiele erlebt, bei denen Jäger und Landwirte eine gemeinsame Chatgruppe betreiben. Landwirte schreiben, wo sie welche Feldfrüchte anpflanzen oder Waldverjüngungen anlegen. Die Jäger wiederum posten Bilder vom Nachtansitz oder von erlegten Wildschweinen oder Rehen. Das zeige, dass etwas vorwärts geht. Und man finde auch Abnehmer für Wildbret.

"Egal was wir tun, alles steht und fällt mit dem Thema Wald und Wild", betont der Leiter der Forstbehörde in Kulmbach und Kronach, Michael Schmidt. Er fügt hinzu: "Das Reh kann am wenigsten dafür. Verursacher sind wir Menschen, weil wir den Klimawandel befeuern und unsere Wälder damit nicht zurechtkommen." Lösungen seien dringend notwendig. Denn im Landkreis gebe es Hegegemeinschaften, in denen der Verbiss seit vielen Jahren deutlich zu hoch ist.

Kein Einzelfall

Weil das kein Einzelfall im Freistaat ist, startete das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) 2019 einen Leitlinienprozess, bei dem "über die behördliche, auf das jeweilige Revier bezogene Abschlussplanung hinaus" Lösungen vorangetrieben werden sollen, bestätigt ein Pressesprecher. Wenn Hegegemeinschaften dauerhaft rot sind, schade das dem Wald, aber auch der Akzeptanz der Jagd in der Gesellschaft. Daher sollen die Beteiligten vor Ort unter der Leitung der Unteren Jagdbehörde "gemeinsam Leitlinien mit konkreten Maßnahmen erarbeiten und umsetzen, die auf die örtlichen Verhältnisse zugeschnitten sind." Das könne von Vereinbarungen zu revierübergreifender Zusammenarbeit über passgenaue Jagdkonzepte und Maßnahmen zur Verbesserung der Wildlebensräume bis zum Ausbau der Wildbretvermarktung reichen.

2019 gab es im Landratsamt eine Auftaktveranstaltung mit Interessensvertretern aus der Region. Auf die Frage, was aus dem Projekt geworden sei, kann die Untere Jagdbehörde derzeit keine Rückmeldung geben, da die Mitarbeiter in das Corona-Krisenmanagement eingebunden sind. "Die Stellungnahme folgt, sobald wieder Kapazitäten frei sind", so ein Pressesprecher

Das Erfolgsrezept

In ihren Jagdrevieren bei Vogtendorf und Stadtsteinach haben es Otto Kreil und seine Mitjäger geschafft, dass der Wald auch mit Wild wachsen kann. Ihr Erfolgsrezept liegt in einer Kombination aus Jagen, der Verbesserung des Lebensraums für das Wild und der Kommunikation mit den Waldbesitzern. Die teilen ihnen mit, wo sie Waldverjüngungen anlegen, damit dort gezielt gejagt werden kann. Neben Schwerpunktbejagung, Sammelansitz oder Drückjagd legen die Jäger auch Wildäcker an mit alternativen Nahrungsquellen für Rehe und Hasen. Je mehr Naturverjüngung es gebe, desto weniger wird insgesamt verbissen, so Kreil, denn "eigentlich ist es nicht wichtig, wie viele Bäume verbissen werden, sondern wie viele wachsen".