20 Jahre fehlen noch zur 1000-Jahr-Feier der Stadt Kulmbach. Wer Spaß hat, mag spekulieren: Wie wird der Event wohl ausgerichtet, wer sitzt dann im Rathaus? Vor 80 Jahren halten die Nationalsozialisten die Zügel fest in der Hand. Sie können sich in ihren Erfolgen sonnen: Der prestigeträchtige "Flutmulden"-Bau ist nahezu abgeschlossen, die "Adolf-Hitler-Brücke" errichtet, die RAD-Kaserne am Kreuzstein, das Schwimmbad und die neue Sparkasse sind eingeweiht. Die 850 Arbeitslosen, das Knack-Thema vor der Machtergreifung, sind von der Straße geholt. Die Kulmbacher Geschäftsleute und Industriellen liegen den Machthabern zu Füßen.

Fritz Schuberth kann triumphieren. Der vom Kleinlandwirt aufgestiegene Mandatsträger ist die dominierende Figur. Er hat eine Fülle von Ämtern: Erster Bürgermeister von Kulmbach, Kreisleiter, Landesbauernführer, Landtag- und Reichstagsabgeordneter, Staatssekretär für Landwirtschaft in Bayern. Er ist ein schlauer Kopf und hat politischen Instinkt genug, die Zentenarfeier 1935 auch als Propaganda-Show zu nutzen.

Kulturwarte Frankens

Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein. Seit der Machtübernahme 1933 bemüht sich Schuberth um eine touristische und politische Vermarktung der Plassenburg. Er möchte sie zur "Kulturwarte Frankens" ausbauen - mit Festspielen, Sängerfesten, Kunst, Theater, "Thingspiele" - germanische Weihefestspiele inklusive. Die Sammlungen, vor allem das Zinnfigurenmuseum, sollen ein Besuchermagnet sein. Zugleich nutzt er seine Kontakte zu NS-Paladinen, die Burg als überregionales Schulungszentrum für den Gau Bayerische Ostmark zu etablieren: Im Juni 1933 zieht die NS-Führerschule ein, eine Kaderschmiede für den Parteinachwuchs. Im März 1935 wird sie zur "Reichsschulungsburg" ernannt, in der regelmäßig Seminare für höhere NSDAP-Funktionäre angeboten werden. Unter den Referenten befindet sich auch Fritz Todt, Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, der im März 1937 mit seiner nach ihm benannten Organisation (OT) in die Burg einzieht. Unter ihm wird die Plassenburg eine reichsweit bedeutende Ingenieurs-Schmiede. Auch der Ausbau der Autobahnen wird hier projektiert.


Hitler grüßt Kulmbach


1935 ein Doppeljubiläum zu feiern, ist etwas wacklig. 800 Jahre Plassenburg trifft zu, da sich 1135 der Andechser Graf Berthold II. als "Comes de Plassenberg" bezeichnet. Heikler ist der 900. Geburtstag der Stadt: Denn die fragliche Schenkungsurkunde an die Bamberger Kirche ("Alkuin-Bibel"), in der "Kulma" erstmals auftaucht, ist undatiert. Historiker geben nur die Limits an, 1028 bis 1040.

Doch historischer Kleinkram ist die Sache der Veranstalter nicht. Ihnen geht es um ein Fest im Geist der neuen Zeit, knackig, Von Josef Goebbels, Hermann Göring, Julius Streicher, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler - allesamt mit Kulmbach verbunden - laufen Gruß-Telegramme ein. Die gleichgeschalteten Zeitungen jubeln das viertägige Programm zum Big Event hoch. Am Eröffnungstag (28. Juni 1935) prangt Fritz Schuberth auf der Titelseite das Gaublattes "Bayerische Ostmark" : er ist zum Empfang beim "Führer". Das "Kulmbacher Tagblatt" setzt in seiner Extra-Ausgabe die neue Stadt-Vignette mit der übergroßen Hakenkreuzfahne aufs Cover. Darunter ein unsäglich dämliches Gedicht: "Kulmbach, du deutsche Stadt".


"Siegfried" zertrümmert


Zum Auftakt ein nächtliches Spektakel: die Einweihung des Zinsfelderbrunnens auf dem Holzmarkt. Das Ereignis ist eine kurze Betrachtung wert. Die Brunnenfigur Hans Georg Schlehdorns, ursprünglich vor der Rathaustreppe aufgestellt, sollte 1871 abgebrochen werden. Christian Pertsch wollte sie vor der Vernichtung und stellte sie in seinem Garten an der Kalten Marter auf. Hans Günther, sein Schwiegersohn, war bereit, ihn zurück zu geben, wenn er auf dem Holzmarkt aufgestellt würde. Das Problem: an dieser Stelle steht seit 1912 der "Siegfried". Der Drachentöter symbolisiert die "Wacht am Rhein". Es überrascht, mit wie wenig Skrupel die Machthaber im Rathaus daran gehen, das "patriotische" Denkmal zu opfern, das an den 70er Sieg gegen Franzosen und die 108 Gefallenen Kulmbacher erinnert. Es wird demontiert und auf dem Bauhof entsorgt. 1997 werden die Trümmer in einem üblen Zustand von dort geholt und im Stadtpark aufgestellt. Nicht, dass man dem Monumental-Koloss eine Träne nachweinen müsste (immerhin wird er von Jakob Bradl entworfen, dem wichtigsten Vertreter des süddeutschen Historismus), doch der Vorgang zeigt, wie brachial die Nazis mit dem "kulturellen Erbe" verfahren, das sie auf ihre Fahnen geschrieben haben. Bei dem Abriss des "Luitpold-Brunnens" auf dem Marktplatz (1936) wird sich das bestätigen.


Feuer und Wasser


Die Aufstellung des Zinsfelders nach Einbruch der Dunkelheit ist eine gespenstische Show: Mit Fackeln und Trommeln zieht das "Jungvolk" zum Holzmarkt und schließt einen Kreis zum magischen Ritual. Der HJ-Bannführer vermeldet vor der versammelten Partei-Prominenz: "550 Hitler-Jungen und BdM-Mädel angetreten". Fanfaren-Bläser des Jungvolks treten hervor, ein dreimaliger chorischer Festruf. Danach setzt die Kapelle des Reichsarbeitsdienstes mit der Rosamunde-Ouvertüre ein. Zum Lied "Wenn alle Brünnlein fließen" ergießen sich aus dem Brunnen die ersten Wasserstrahlen. Die Menge stimmt "Kein schöner Land in dieser Zeit", das in das Horst-Wessel-Lied übergeht. Mit der Deutschland-Hymne endet der erste Festtag.


Totenehrung und Volksbelustigung


Die Mischung aus Kitsch und Kult, Säbelrasseln und Gemütlichkeit lässt sich auch auf dem Höhepunkt der Feier am Sonntag beobachten. Am Morgen Kirchengeläut von allen Kirchen, Trompetenblasen vom Rondell der Plassenburg. Danach erfolgt der zackige Aufmarsch von SA, SS und HJ im Schönen Hof. Die gleichen Formationen ziehen am Nachmittag vom Marktplatz zum Kriegerdenkmal. "Die Stadt Kulmbach grüßt ihre toten Helden", so Fritz Schuberth in seiner Ansprache. Im Mittelunkt des Gedenkens rückt er Hans Schemm, den Bayreuther Gauleiter, der wenige Wochen vorher in Bindlach abgestürzt ist.

Zur Volksbelustigung sind in Innenstadt (dem heutigen Altstadt-Fest nicht ganz unähnlich) Buden, Verkaufsstände und Kleinzelte aufgestellt. Die Hauptattraktionen finden jedoch am Nachmittag auf der Plassenburg statt. Dazu zählt ein ritterliches Schachturnier mit lebenden Figuren im Schönen Hof. "Halb Kulmbach" (so schreiben die Zeitungen) findet sich danach zum "Waldfest" am Buchwaldhang ein. Eine Tribüne ist aufgebaut, bestuhlt mit 2500 Sitzplätzen. Daneben Bratwurst- und Bierbuden. Denn Gemütlichkeit ist Trumpf, und die "Volksgemeinschaft" will versorgt sein. Geboten wird ein buntes Potpourri: Zahlreiche Kapellen, Chöre, Volkslied- und Trachtengruppen der Region treten auf. Die Büttner zeigen ihren Reifentanz, und die "Freie Gemeinde Oberhaken" kracht mit ihrem "Watschentanz" auf.


Feuerzauber und Poesie


Kurz vor Mitternacht steigt das große Finale: Die Burg wird mit einer Batterie von Farb-Scheinwerfern illuminiert. Dazu wird ein Feuerwerk abgefackelt mit Donnerschlägen, Krachern, Blitzen und Raketen, die den mittelalterlichen Beschuss der Burg und ihr Abwehrfeuer nachempfinden lassen sollen.

Am Montag (1. Juli) findet noch ein Nachhall statt - ein Heimatabend im Vereinshaus. Nochmals tritt SA-Standartenkapelle auf mit Märschen und Jägerliedern. Dazu Einlagen der Kulmbacher Turnerschaft. Den Hauptpart aber spielt Hans Glenk, der witzige Mundart-Gedichte und Geschichten von der "Alten Mia" vorliest und sich bejubeln lässt. Bedenken, sich vor die braune Karre spannen zu lassen, kommen dem Melkendorfer Pfarrer wohl nicht.