Es herrschte Chaos auf dem Kirchplatz in jenen Tagen des Jahres 1903. Am 26. Februar war zunächst die Kapellmühle und dann - vermutlich durch Funkenflug ausgelöst - auch die Pfarrkirche St. Michael und Margaretha abgebrannt. Dieser Tage jährt es sich zum 110. Mal, dass nach langen Verhandlungen zwischen Kirchenverwaltung und Behörden mit der Beseitigung der Bauruine begonnen werden konnte. Ein nicht einfaches und auch nicht ungefährliches Unterfangen, wie Mesner Andreas Dremer und sein Stellvertreter Markus Tittel berichten.

Die beiden Stadtsteinacher sind seit Jahren eng mit der Kirche verbunden - nicht nur beruflich. Andreas Dremer besitzt gleich eine ganze Reihe von Aktenordnern, in denen er Information über die Stadtsteinacher Stadtpfarrkirche sammelt. "Weil es interessant ist", sagt er.
Und Markus Tittel ist überdies der Urenkel von Josef Tittel, der 1903 die Kapellmühle betrieb und beim Brand alles verlor.

Akute Einsturzgefahr

Aus den Aufzeichnungen wird deutlich, dass die 1774 errichtete Barockkirche bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. "Der Turm war teilweise eingestürzt und hatte Risse von ganz oben bis unten", erzählt Dremer und verweist auf ein Schreiben des Bezirksamts vom März 1903, wonach der Turm schnellstens abzutragen sei. Über die Frage, wie sich das bewerkstelligen lässt, gab es aber offensichtlich lange und zeitraubende Diskussionen.

Noch im Monat März 1903, so Andreas Dremer, stellte ein Offizier eines Pionierbataillons sogar Pläne für die Sprengung der Ruine vor. "Das hätte einen Sicherheitsbereich von 200 Metern bedeutet, in dem alle Fenster der Häuser ausgehängt werden müssen. Außerdem hätten in einem Umkreis von 150 Metern alle Häuser evakuiert werden müssen. Und: Die Kirchenverwaltung hätte für alle Schäden haften müssen, die durch die Sprengung entstanden wären", erklärt der 35-Jährige die Begleitumstände. Keine Frage: Am 3. Juni 1903 hat die Stadtsteinacher Kirchenverwaltung abgelehnt.

Der vom Bezirksamt angeordnete Abbruch des Turmes geschah laut Dremer dann in den Folgemonaten Juni und Juli - überwiegend per Hand. Der Bauschutt, der dabei angefallen ist, wurde nach Kenntnis des Mesners als Auffüllmaterial in der Nähe des Sportplatzes verwendet. "Da haben die Stadtsteinacher dann auch Hand- und Spanndienste geleistet."

Nur 13 Monate Bauzeit

Die Abtragung des Kirchenschiffes sollte noch länger dauern. Denn die Experten von Landbauamt, Ordinariat und Kirchenverwaltung wurden sich nicht einig, so Dremer, ob die Mauern wiederverwendet werden können. Am Ende wurden sie nicht einbezogen, die Grundsteinlegung für den Neubau von St. Michael erfolgte am 9. Oktober 1904. Dass der Rohbau schon 13 Monate später, im November 1905, fertig war, begeistert nicht nur Markus Tittel noch heute. "Eine wahnsinnige Leistung für die damalige Zeit."

Aber es sollte noch genau 20 Jahre dauern, bis die vom Nürnberger Architekten Josef Schmitz geplante und aus Feuerschutzgründen um 180 Grad gedrehte neue Michaelskirche komplett ausgestattet war.