Ständige Erreichbarkeit - von vielen gewünscht, für manchen eine Qual. Und schon jetzt so etwas wie eine neue Kernkompetenz bei Arbeitnehmern? Mittlerweile kann jedes Smartphone E-Mails empfangen. Man bekommt sie ganz bequem angezeigt. Das Handy macht dabei keinen Unterschied zwischen Arbeits- und Freizeit - und so mancher Arbeitgeber auch nicht. Ans Abschalten ist so für Mensch und Maschine nicht aber zu denken.

Schneider: Thema ist hoch aktuell

Dass sich nun selbst die Bundespolitik mit diesem Thema befasst, ist für Betriebsseelsorger Eckhard Schneider nicht überraschend. "Aus persönlichen Erfahrungen und Anfragen kann ich sagen, dass das Thema Stress immer aktueller wird.
Auch die veröffentlichten Fehlzeiten- und Gesundheitsreports zeigen, dass bei 42 Prozent aller Frührenten hohe Belastungen als Ursache zugrunde liegen."
Daher sei es wichtig, sich intensiver mit der Problematik auseinanderzusetzen. Die Gründe für Stress seien dabei sehr unterschiedlich: unklare Inhalte im Unternehmen, zu wenig Lob am Arbeitsplatz, zu wenig Personal oder ein schlechter Führungsstil: "Alle diese Umstände können Stress erzeugen", sagt Schneider.

Massive Auswirkungen

Eine dauerhaft hohe Belastung kann weit reichende Folgen haben. "Man kann nicht mehr durchschlafen, neigt zu Überreaktionen. Das alles weitet sich dann auch auf den privaten Bereich aus. Hinzu kommen psychische Erkrankungen wie Burnout", erklärt Schneider. Daher finde er die Idee einer Anti-Stress-Verordnung sehr gut; ob sie gesetzlich verankern werden kann, stehe auf einem anderen Blatt.

Seit über 25 Jahren betreut Eckhard Schneider gestresste Arbeitnehmer und -geber gleichermaßen in Kronach und Kulmbach. Dadurch sehe er, wie sich einiges im Laufe der Zeit geändert hat: "Früher bedeutete ein Diensthandy Anerkennung. Heute ist es schon eine Qualität, es ausschalten zu können."
Dass er in all den Jahren viele Menschen persönlich kennengelernt hat, sei ein Vorteil. So könnten Betroffene leichter Vertrauen aufbauen. "Auch wenn es nicht immer einfach ist, wenn man alle Hintergründe kennt. Extremsituationen gehen mir immer noch sehr nahe. Manche Dinge, die ich erlebt habe, werde ich nie vergessen", sagt der Betriebsseelsorger.

Michael Müller: richtige Richtung

Auch der Betriebsratsvorsitzende der Firma Glen Dimplex, Michael Müller, würde ein solches Gesetz begrüßen. "Man merkt schon, dass man in der Firma immer mehr mit Stress zu tun hat. Es würde sich sicherlich auch positiv auf die Gesundheit der Arbeitnehmer auswirken - Stichwort Burnout", begründet Müller. Um eine ständige Erreichbarkeit zu vermeiden, gibt es bei Glen Dimplex eine besondere Regelung, wie Müller erklärt: "Es gibt eine Gleitzeit. Wir setzen eine Erreichbarkeit in den Geschäftszeiten zwischen 6 Uhr und 17.30 Uhr voraus. Für außerhalb dieser Zeiten braucht man eine Genehmigung. Die Kundenhotline, die aufgrund der Zeitverschiebungen weltweit teilweise rund um die Uhr besetzt ist, wird mit Schichtdienst geregelt. So entstehen keine zusätzlichen Belastungen."